Im Gespräch: Charlotte Knobloch mit unseren Redakteuren Dirk Walter und Georg Anastasiadis (re.). © Schlaf
Die junge Charlotte auf dem Hof im mittelfränkischen Arberg, wo sie als Lotte Hummel überlebte. © Archiv
Charlotte Knobloch warnt vor einem wachsenden und offen zur Schau getragenen Antisemitismus. © Marcus Schlaf
München – Zum Interview im 5. Stock des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde am Münchner Jakobsplatz lässt sich als Erstes ein süßer Vierbeiner blicken. „Ruben“ ist ein kleiner Yorkshire Terrier, den Charlotte Knobloch (92) seit acht Monaten von Freunden in Pflege genommen hat. Mit Tieren, groß wie klein, kennt sich die Präsidentin der Kultusgemeinde München und Oberbayern aus, seit sie 1942 als Zehnjährige auf einem Bauernhof im mittelfränkischen Arberg (bei Gunzenhausen) untertauchte. „Unheimlich heiße Sommer“, die Rücken der Tiere schwarz vor Bremsen, daran erinnert sie sich gut. Drei Jahre lang half sie in der Landwirtschaft mit. Ein Gespräch anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am kommenden Montag.
Frau Knobloch, Sie waren das Mädchen, das als Lotte Hummel von der Haushälterin Ihres Onkels als eigenes uneheliches Kind ausgegeben und so getarnt wurde – bis zur Befreiung im April 1945. Wie erlebten Sie das Ende der Naziherrschaft?
Es war ein Schrecken bis zuletzt, da zum Schluss, wenige Stunden vor der Befreiung, eine Gruppe von SS-Leuten im Dorf erschienen war. Ein Trupp auf dem Rückzug vor den Amerikanern, wie ich später erfuhr. Da wurde es noch einmal gefährlich – für mich, und für die Menschen, die ihr Leben riskierten, um meines zu retten. Der katholische Pfarrer, der als einer von ganz wenigen wusste, dass ich Jüdin war, sorgte dafür, dass ich in einer Art Bunker versteckt wurde. Da saß ich dann inmitten von polnischen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, die ebenfalls versteckt wurden – damit sie nicht noch in letzter Minute in die Gewalt der Nazis gerieten. Die Tränen der polnischen Frauen haben mich gestärkt. Nach einem halben Tag kamen dann schon die Amerikaner.
Ihre Gefühle?
Es war so schön. Die saßen, wie man es oft in Filmen sieht, auf ihren Panzern und haben den Kindern Schokolade und Kaugummis geschenkt. Da fiel eine Last von mir – und ich habe den Kindern, die um mich herumstanden und auch von den Amerikanern versorgt wurden, sofort gesagt, dass ich Lotte Neuland heiße – und nicht Hummel. Die haben mich angeschaut und haben nichts verstanden. Langsam drang dann die Wahrheit durch. Am Tag danach kamen die Dorfbewohner und haben sich bei Kreszentia „Zenzi“ Hummel, die ja praktisch meine Ersatzmutter war, entschuldigt.
Für was entschuldigt?
Entschuldigt für die Anfeindungen. Sie wurde ja im Dorf andauernd beschimpft, weil sie als katholische, fromme Frau vermeintlich ein uneheliches Kind hatte – ein Bankert, so nannte man das. Da nutzte es auch nicht viel, dass ich mit ihr jeden Tag um sieben Uhr in die Kirche gegangen war. Wie ich mich dort verhalten sollte, hatte mir vorher der Pfarrer erklärt. Er war der Einzige, dem sie sich anvertraut hatte.
Wurde Frau Hummel später für ihren großen Mut geehrt?
Ja, sie ist eine „Gerechte unter den Völkern“, die von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Judenretterin anerkannt wurde. Aber da war sie leider schon gestorben.
Hatten Sie 1945 eine Vorstellung vom Holocaust?
Ja sicher. Ich habe ja alles miterlebt als Jugendliche. Ich habe miterlebt, wie Gestapo-Beamte in aller Früh klingelten und die Wohnung durchsuchten. Schon vor dem 9. November 1938 haben sie die Juden in Angst und Schrecken versetzt. Wenn die klingelten, wusste man sofort, wer da kam – noch bevor man sie sah. Ich weiß gar nicht, warum. Wie sie alles auf den Tisch stellten, Listen erstellten, die mein Vater unterschreiben musste, wie sie alles anfassten. Einmal entwich mein Vater rechtzeitig über den Dienstboteneingang – zum Glück, sonst hätten sie ihn mitgenommen. Ein Gestapo-Mann fragte mich ganz freundlich: Aber du weißt doch, wo dein Vater ist? Ich verneinte. Da hat er mir eine Ohrfeige gegeben, die können sie sich nicht vorstellen. Aber jetzt weißt du, wo dein Vater ist, sagte er dann. Ich heulte – und der andere Gestapo-Beamte zog seinen Kollegen weg, bevor noch mehr passiert wäre.
Am 27. Januar ist der Holocaust-Gedenktag – vor 80 Jahren wurde damals Auschwitz befreit. War Ihnen Auschwitz ein Begriff?
Ja. Es gab ja auch Transporte von Münchner Juden nach Auschwitz, im Jahr 1943 war das, wie ich später erfahren habe. Juden, die ihre Deportationsbefehle bekommen haben, wussten aber sofort, was sie erwartete. Die erste Deportation aus München ging nach Kaunas. Kaum waren sie 1941 in Litauen angekommen, wurden sie gleich vom Zug aus weggeführt und erschossen.
Sie sind später im Jahr 1945 mit Ihrem Vater nach München zurückgekehrt. Haben Sie die Stadt wiedererkannt?
Die meisten heute können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie München ausgesehen hat. Die Kaufinger Straße zum Beispiel – die gab es nicht mehr. Überall Trümmer. Ich habe bestimmte Gedanken und Erinnerungen abgespeichert. Die Frauen, die die Ziegel wegräumten, haben mich als Kind berührt. Für mich entstand der Eindruck angesichts der Verwüstungen, dass Böses mit Bösem vergolten worden war.
War Palästina, das entstehende Israel, damals Ihr Sehnsuchtsland?
Nein. Erst wollte ich zu meinem Onkel nach New York, die USA waren das Wunderland in der damaligen Vorstellung. Aber eine Situation habe ich noch im Kopf, das war 1948, als Ben-Gurion den Staat Israel proklamierte. Das wurde im Radio über Lautsprecher auf die Straße übertragen. Tausende haben in der Möhlstraße im Lehel zugehört, wie er den Staat Israel proklamierte.
Das war am 14. Mai 1948, als er die Unabhängigkeit vom britischen Mandatsgebiet erklärte.
Die Leute jubelten, sie tanzten und schrien. Tausende. Ich mittendrin. Aber ich hatte 1948 meinen Mann Samuel kennengelernt und wir wollten erst nach Australien, dann nach St. Louis in Missouri, wo uns Jobs angeboten wurden. Wir lernten dafür sogar Berufe in amerikanischen Lehrwerkstätten in der Rosenheimer Straße – ich Schneiderin, auch wenn ich nicht mehr als eine Schürze nähen konnte, und mein Mann Spiegelhersteller. Aber durch die Schwangerschaften verzögerte sich das ein ums andere Mal– und wir blieben in München.
Wo Sie den Aufbau der Israelitischen Kultusgemeinde mitbekamen.
Mein Vater hat sie zusammen mit Dr. Julius Spanier wieder aufgebaut. Das Gründungsdatum kann in diesem Jahr gefeiert werden – es ist der 15. Juli 1945. Anfangs waren es nicht mehr als 60 oder 80 Gemeindemitglieder in München – von einst 4000. Alle anderen waren ermordet oder geflohen. Jüdisches Leben in München hatte damals keine Perspektive, es war an eine Gründung auf Zeit gedacht. Ein neues jüdisches Gemeindeleben im Land der Täter, so wie Sie es heute kennen mit unseren 9000 Mitgliedern in München, war damals unvorstellbar. Niemand wollte das eigentlich – die Amerikaner nicht, und die Überlebenden auch nicht. Eigentlich wollte jeder weg. Man sprach von Liquidationsgemeinden.
Wie besorgt sind Sie angesichts der jüngsten Eskalation in Nahost, angesichts des Rechtsextremismus der AfD?
Mich besorgt der Hass, der immer stärker wird und weit über den früher gewohnten Antisemitismus hinausgeht, und der auch die Juden hier betrifft. Anfeindungen über Briefe, Anrufe, E-Mails, das haben wir immer bekommen. Aber jetzt ist es anders. Juden in der ganzen Welt und besonders in Israel sind bedroht.
Was hat sich geändert?
Oft werden wir auch einfach als Repräsentanten von Israel angesehen. Wann fahren Sie denn in Ihr Land, heißt es dann vermeintlich freundlich-wohlmeinend. Dabei sind wir doch keine Regierungsbeamten – sondern Juden hier in München. Der Hass auf Juden ist auch ein enger Wegbegleiter beim Aufstieg der AfD. Gott behüte uns davor, dass sie eine Regierungsverantwortung erhält wie ihre Gesinnungsgenossen von der FPÖ in Österreich. Ich will daran gar nicht denken. Denn ich liebe mein Land – und meine Stadt.