Die unerschütterlichen Santoriner

von Redaktion

Unbeirrt malt eine chinesische Touristin auf einer Hotelterrasse auf der griechischen Vulkan-Insel Santorini im Sonnenschein. © Ferry Batzoglou

Viele Geschäfte auf Santorini sind wegen der drohenden Erdbeben geschlossen. © Fb

Der 83-jährige Georgios Vlavianos in seiner Bleibe in Karterados auf Santorini © Ferry Batzoglou

Ein Feuerwehrler an der Küste von Santorini schaut auf einen Ort, der wie weißer Schaum oben auf dem Kraterrand liegt. © EPA/ORESTIS PANAGIOTOU

Spyros Kelmaer und seine Kinder im sicheren Flur. © FB

Wie leergefegt sind die Gassen auf Santorini. In der Urlaubssaison drängeln sich hier die Touristen. Sie kommen vor allem von Kreuzfahrtschiffen auf die Insel. © Stringer/AFP

Santorini – Die Erde bebt. Schon wieder. Ein paar Sekunden nur. Dann ist sie wieder ruhig. „Das war ein Fünfer.“ Georgios Vlavianos (83) sitzt in seiner kleinen Einzimmerwohnung auf seinem Bett. Mit „Fünfer“ meint der Pensionär ein Erdbeben der Stärke fünf auf der Richterskala. Der rüstige Grieche macht keine Anstalten aufzustehen, geschweige denn seine Bleibe zu verlassen.

Vlavianos lebt im Erdgeschoss eines zweistöckigen Wohngebäudes im Ort Karterados im Herzen der Insel Santorini. Es ist Tag 15 einer geradezu unheimlichen Bebenserie. Sie nahm am 24. Januar ihren Anfang. Seither zittert die Erde auf Santorini. Seismographen haben inzwischen über 7500 Erdstöße registriert. Maximale Stärke: 5,2 Richter. Bis dato.

Erinnerungen werden wach. Georgios Vlavianos war 13, als Santorini am 9. Juli 1956 von einem Doppelbeben mit Magnituden von über Sieben erschüttert wurde, was zudem einen Tsunami mit Wellen von bis zu 22 Metern Höhe auslöste. Enorme Sachschäden wurden angerichtet, 50 Menschen starben. Dies hat sich tief in Vlavianos‘ Gedächtnis eingegraben.

„Unser altes Haus in Fira (Hauptort der Insel, Anm. des Autors) hatte keine Fundamente. Um fünf Uhr in der Früh bebte plötzlich die Erde. Sofort verließen meine Eltern, meine fünf Brüder und ich das Haus. Hals über Kopf. Das rettete unser Leben. Ein Bus brachte uns nach Monolithos an der Ostküste. Dort hatten Verwandte ein Ferienhaus. Da blieben wir drei Wochen. Wir waren achtsam: Bloß nicht nahe am Meer sein – aus Angst vor einem neuen Tsunami.“

Santorini ist ein Urlaubsparadies. Voriges Jahr strömten mehr als drei Millionen Urlauber aus aller Welt auf die einzigartige Vulkaninsel. Davon waren ein Drittel Kreuzfahrer. Keine andere griechische Insel wird von derart vielen Kreuzfahrtschiffen angesteuert. Doch es gibt auch die andere Seite. Unter dem Meeresboden steigt flüssiges Magma auf und staut sich in einer riesigen Blase. Experten warnen von einer „ernsten Gefahr“.

Das liegt an Kolumbos, einem Unterwasservulkan, der sieben Kilometer nordöstlich von Santorini liegt. 1649 stieg Kolumbos, begleitet von zahlreichen Erdbeben, aus dem Meer auf. Im Jahr darauf brach der Vulkan in einer explosionsartigen Eruption aus. Er stieß über Monate Rauch und Asche aus. Dutzende Menschen kamen ums Leben, Tausende Tiere verendeten in den giftigen Gasen. Der Ausbruch löste einen Tsunami aus.

Über 300 Jahre lang schien der Vulkan zu schlafen. Nun verdichten sich die Anzeichen, dass Kolumbos abermals erwacht. Zwischen 2006 und 2012 wurde Santorini von einer Serie leichter und mittelschwerer Erdbeben erschüttert. Im September 2011 kamen Wissenschaftler zur Erkenntnis: Kolumbos atmet wieder. „Bis zur Stärke sieben habe ich keine Angst“, sagt Vlavianos heute. „Das Haus ist neu. Das hält auch starke Erdbeben aus.“

Fährt er mit seinem klapprigen Renault Clio auf der Insel herum, könnten ihm die Erdstöße nichts antun. „Ich betrete alte Gebäude nicht. Das reicht.“ Santorini würde er nur verlassen, „wenn sie uns sagen: ‚Die Insel geht unter!‘“ So lange wollen andere nicht warten. Mehr als 10 000 der 25 000 auf der Insel lebenden Menschen sind bisher geflüchtet.

Die Familie Kelmaer bleibt. Spyros (48) Angestellter, und seine Kinder Filippos (13) sowie Zoi (11) machen es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer ihres Eigenheimes in Santorinis Südosten gemütlich. Seine Frau Sofia, Psychologin, arbeitet im Krankenhaus der Insel. Wegen der Bebenserie haben die Kinder keine Schule. Die meisten ihrer Mitschüler haben Santorini schon früh verlassen. Digitalunterricht? Fehlanzeige. Dafür haben die Kids umso mehr Zeit für Videospiele. Dies erklärt ihre Grundstimmung: fröhlich.

„Das Haus ist vor gerade 20 Jahren gebaut. Das ist sicher“, sagt Spyros Kelmaer mit fester Stimme. In den Zimmern der Kinder hängen Trillerpfeifen an den Betten, damit sie im Notfall auf sich aufmerksam machen können. Neben den Betten stehen Wasserflaschen. Immer wenn die Erde stärker als sonst bebe, sprinte die Familie zum winzigen Flur zwischen Küche und Salon. „Das ist der sicherste Ort im Haus, sagt unser Architekt“, so Spyros. Dennoch sprüht Papa Spyros vor Zuversicht: „Es gibt keinen Grund dafür, die Insel zu verlassen. Das Wichtigste ist, ruhig und besonnen zu sein.“

Auch die wenigen Urlauber wollen sich vom einzigartigen Naturphänomen nicht verschrecken lassen. Die meisten kommen aus Asien oder Übersee. Haruki und Shun aus Tokio, beide 23, stehen vor Firas blütenweißer Kirche. „Bei uns in Japan sind die Beben sehr viel stärker. Wackelt unser Hotel, schlafen wir einfach weiter“, kichert Haruki. Touristisch ist der Februar auf Santorin, Hellas‘ Reise-Diamant, eine ruhige Zeit. Dass so viele Geschäfte, Restaurants, Cafes und Hotels wie jetzt in Santorin zugesperrt sind, ist indes ein Novum.

Christos Dendrinos (50), Inhaber zweier Hotels in Fira, bereitet sich auf neue Touristen ab Mitte März vor. In der Ablage an seinem Schreibtisch stapeln sich die Buchungen. „Für jetzt nehme ich keine Buchungen an, weil ich derzeit unterbesetzt bin und daher nicht den gewohnten Service bieten kann.“

Dendrinos ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Ob Köche, Kellner, Zimmermädchen oder Rezeptionisten: Viele Angestellte im Tourismus, aber auch Bauarbeiter, die aus ganz Hellas oder von weiter entfernt auf Santorini ihre Brötchen verdienen, haben schon das Weite gesucht. Mit Erdbeben haben sie kaum bis gar keine Erfahrung. Manche plagte das Dauerzittern der Erde, andere hatten Angst vor einem Mega-Beben, Tsunami oder einem Vulkanausbruch. Sie ergriffen die Flucht. Für ihn sei die Bebenserie eine neue Erfahrung, sagt Dendrinos. „Erdbeben stecken in der DNA der gebürtigen Santoriner wie mich. So ist Santorini geboren. Ein Vulkanausbruch hat die Insel geschaffen. Jetzt erzieht sie uns. So etwas verpasst man nicht.“

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