Dr. Stephan Lermer, Psychotherapeut aus München. © as
München – Der Münchner Dr. Stephan Lermer ist Psychotherapeut, Coach und Bestsellerautor. Im Interview erklärt er, warum Verzicht nicht nur nervt, sondern auch positive Seiten hat.
Herr Lermer, wenn mich Verzicht grantig macht, warum sollte ich es dann tun?
Weil Verzicht der Vollzug von Freiheit ist. Wer sich von Gewohnheiten frei macht, ist weniger fremdgesteuert und streichelt seine Seele. Weil mir Verzicht zeigt: Ich bin mein eigener Boss.
Aber ist es nicht besonders schwierig, feste Zeitpunkte für gute Vorsätze zu wählen? Also wie jetzt die Fastenzeit?
Das ist schon eine Gratwanderung. Wer den Vorsatz zum Verzicht nicht hundertprozentig gefasst hat, kann aber durch das feste Datum eine zusätzliche Motivation erfahren. Das ist wie bei katholischen Feiertagen. Ein Mal im Jahr geht man an Allerheiligen auf den Friedhof. Und dort trifft man andere Familienmitglieder, die man sonst nicht sieht, und feiert die Erinnerung an die Verstorbenen und die Gemeinschaft.
Hilft es denn, ein bisschen zu verzichten – zum Beispiel nur die Hälfte rauchen?
Nein, beim Rauchen bringt das gar nichts. Aber beim Alkohol kann das durchaus helfen. Wenn Sie statt jedem zweiten alkoholischen Getränk ein Glas Wasser zu sich nehmen, greift das Prinzip des moderaten Verzichts.
Und wenn ich mit Pauken und Trompeten scheitere?
Dann stecken Sie nicht den Kopf in den Sand und sagen sich zunächst einmal: Ich bin nicht allein, anderen geht es genauso. Meistens hilft eine Analyse, woran es gelegen hat. Womöglich habe ich mein Ziel zu hoch gesteckt? Dann versuche ich es im kommenden Jahr wieder – oder unabhängig vom Datum früher, was natürlich besser wäre.
Ist es sinnvoll, möglichst vielen Leuten zu erzählen, dass man fastet? Als Rückversicherung?
Das ist persönlichkeitsabhängig. Wer ein entscheidungsfreudiger Typ ist, wird nichts sagen. Wer Unterstützung braucht, wird Menschen vom Vorhaben erzählen. Ich würde den ersten Weg gehen. Ein griechischer Philosoph sagte einmal: „Lebe im Verborgenen“. So gibt es keine Häme, keinen Neid, weniger Konflikte.
In drei Argumenten: Warum verzichten?
Verzicht kostet nichts, macht nicht dick und stärkt die Psyche. Ein Punkt noch. Die beiden Triebfedern des Menschen sind Anerkennung und Liebe. Wenn Sie darauf verzichten, bei allen und jeden Anerkennung oder gar Liebe zu suchen, sondern nur bei den Menschen, die Ihnen wichtig sind, dann haben Sie gewonnen. Wie gesagt: Verzicht ist der Vollzug von Freiheit.