Zurück zu den alten Gewohnheiten? Thomas Gautier (v. links), Andreas Daschner, Regina Mittermeier, Gabriele Winter, Uli Heichele und Armin Geier haben vier Wochen auf etwas verzichtet – und ziehen ihr persönliches Fazit. © Marcus Schlaf
■ Leben ohne Chips
Ich bin ziemlich stolz auf mich. Ganze zehn Tage habe ich durchgehalten. Aber dann – ja, ich gebe es offen zu – bin ich krachend gescheitert. Es geschah an einem normalen Werktag, abends war‘s. Ich spielte ein Brettspiel mit meinen Sohn. Er hatte eine Tüte in der Schublade, zog sie raus, riss sie auf. Ich erkannte die Sorte sofort: „Chipsfrisch ungarisch“. Es knisterte gleich zwischen uns, sie roch leicht rauchig nach Paprikapulver. Typisch Jahrgang 2024. Es kam, wie es krossen musste.
Dabei hatte ich es mir vorgenommen: keine Chips mehr, den ganzen Februar lang. Ganz schön knackig! Ich wusste: Das schaffe ich nur, wenn ich es scheibchenweise angehe. Tag für Tag. Im Supermarkt ging ich schneller am Snack-Regal vorbei. Oder wandte den Blick ab und sah mir die Spargel- und Bohnenkonserven auf der gegenüberliegenden Seite genauer an. Zwei Champions League-Spiele verfolgte ich alleine von zu Hause aus, um ja nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Ich ging in Knusper-Klausur. Aber das Verlangen war immer da. Nur hauchdünn zwar, aber nie ganz weg.
Was mich wundert. Ich hätte gedacht, dass es mit der Zeit leichter wird. Als ich mit dem Rauchen aufhörte, war die erste Woche hart. Wenn ich heute eine Zigarette sehe oder rieche, habe ich aber null Lust drauf. Bei Chips ist das nicht so. Nic Nacs – stärker als Nikotin!
THOMAS GAUTIER
■ Kein Social Media
Entzugserscheinungen hätten mich nicht überrascht. Ich bin nämlich oft auf Social Media unterwegs. Das Facebook-Fasten fiel mir zwar leicht, ohne LinkedIn zu leben, war auch kein Problem. Instagram aber ist mein Kryptonit – dachte ich.
Der Begriff Kryptonit kommt aus der Comic-Welt. Darin raubt dieses fiktive Material dem Helden Superman die übermenschlichen Kräfte. Kryptonit macht also angreifbar. Aber, Überraschung: Ich bin anscheinend nicht so süchtig nach Instagram wie ich dachte. Kaum war die App deinstalliert, dachte ich kaum mehr dran. Natürlich habe ich die lustigen Videos vermisst, die ich dort austausche. Ich konsumiere dort auch viel Comedy und Nachrichten. Da musste ich mich umstellen. Vermisst habe ich auch das, wofür ich Instagram mit am liebsten nutze: als eine Art Fototagebuch.
Weniger scrollen bedeutet: Ich hatte mehr Zeit. Die hab ich zu einem Teil für meine Sprachlern-App benutzt – molto bene! –, zum anderen Teil (leider nicht oft) zum Lesen. Das hatte ich mir eigentlich vorgenommen.
Ich bilde mir ein, dass ich inzwischen länger am Stück aufmerksam sein kann. Apropos aufmerksam: Einmal war ich es nicht. Da habe ich in der Arbeit aus Gewohnheit die Plattform X am Laptop geöffnet. Upsi! Zum Glück habe ich wachsame Kollegen, die meinen Ausrutscher sofort bemerkt haben. Ihre Hinweise kamen mit einem Augenzwinkern – obwohl die Kollegen unter Kaffee- und Knabberzeug-Entzug litten. Fasten verbindet.
REGINA MITTERMEIER
■ Völlig ernüchtert
Die Leber leidet leise – und wächst mit ihren Aufgaben, heißt es ja oft. Vermutlich freut sie sich auch sehr leise, denn ich habe von meinem Alkoholverzicht in den viereinhalb Wochen kaum etwas bemerkt. Also muss ich frei von der Leber weg berichten: Ich habe nicht besser geschlafen und mich auch sonst nicht fitter oder konzentrierter gefühlt. Im Gegenteil: Ich hatte schon lustigere Wochen. Psychisch war somit durchaus ein gewisser Effekt auf mein Wohlbefinden da, aber ein negativer.
Vielleicht ist mir auch eine Laus über die Leber gelaufen, weil mein Chef, der Uli, mich gefühlt jede Woche zu einer Münchner Kultkneipe geschickt hat, die dichtmachen musste. War ich etwa mit schuld durch meinen Verzicht? Mein Gewissen plagte mich, obwohl ich dort gar nie Gast war. Wollte der Uli, dass ich einknicke, um davon abzulenken, dass er beim Fluchen-Fasten gescheitert ist?
Würde ich so ein wochenlanges Verzichts-Experiment wieder machen? Ja – aber nur, wenn mein Lieblingswirt, der Arkan, endlich ein gescheites alkoholfreies Bier anbietet! Die Apfelschorle, die er mir vor drei Wochen hingestellt hat, war so eklig süß, dass ich kaum die Hälfte runterbekommen habe. Arkan hat mein Leiden bemerkt und mir beim Zahlen gesagt: „Geht aufs Haus.“
GABRIELE WINTER
■ Der Zucker-Bann
Gib dem Affen Zucker! An diesen Adriano-Celentano-Klassiker musste ich die vergangenen vier Wochen öfter denken. Denn ich lechzte nach Süßem. Immer wieder. Aber nein! Ich hatte ja versprochen, meine Wurstfinger von jeglicher Zuckerei zu lassen. Ich Narr! Ob ich den Verzicht durchgehalten habe? Ja, ehrlich! Keine Sünde. Nichts.
Ob ich mich jetzt besser fühle? Auch nein. Medizinisch betrachtet hat mir der Verzicht sicher gutgetan. Meine Arterien und mein Blutdruck werden frohlockt haben. Und: Ich habe fast zwei Kilo abgenommen. Aber die erste Woche ohne das weiße Gift war besonders hart. Ich fühlte mich noch müder als sonst – ich dachte gar nicht, dass das geht. Also trank ich mehr Kaffee. Aber ohne meine drei Beuterl Süße schmeckt mir der halt auch mäßig. Cola & Co. oder Limo waren sowieso tabu. Somit gab’s Wasser, Tee, Wasser, Tee – oje. Wie im Asketen-Kloster.
In der zweiten Woche lief es besser. Mein Körper lernte, mit der fehlenden Energie umzugehen. Ich hatte plötzlich keine Heißhungerphasen mehr. Sehr angenehm. Besonders nach der dritten Woche wollte ich teils über acht Stunden hinweg überhaupt nichts essen. Energiegeladen fühlte ich mich trotzdem.
Nach der Verzichtszeit habe ich wieder angefangen, Zuckriges zu essen. Ich brauche das weiße Gift halt – es macht mein Leben süßer. Aber jetzt in Maßen. Versprochen!
ARMIN GEIER
■ Kaffee ade
Hundemüde, mit letzter Kraft schleppe ich mich zur Kaffeemaschine – zum Glück ein Vollautomat. Ich muss nur aufs Knöpfchen drücken. Und dann eine Tasse, in die gleich eine ganze Kanne passt! Ansetzen, in den Schlund schütten – und das Leben erstrahlt nach vier Wochen ohne Koffein endlich wieder in strahlenden Farben.
So oder so ähnlich hatte ich mir das Ende der Kaffee-Fastenzeit vorgestellt, nachdem ich in meinem nicht mehr ganz so jugendlichen, dafür umso ausgeprägteren Leichtsinn zugesagt habe, auf den schwarzen Muntermacher zu verzichten. Und was ist? Pustekuchen! Zweieinhalb Wochen nach Ende der selbst auferlegten Fastenzeit habe ich immer noch keinen Kaffee getrunken. Sogar mein Sodbrennen ist weniger geworden. An den ersten drei, vier Tagen bestand zwar vor allem nachmittags die Gefahr, dass ich im Sitzen einschlafe und mit dem Kopf auf der Tastatur aufschlage. Aber dann ging‘s plötzlich.
Und nicht zuletzt war ich der große Gewinner unserer Fasten-Aktion. Denn prompt ging hier während dieser vier Wochen die Kaffeemaschine kaputt. Schlimm? Nicht für mich!
ANDREAS DASCHNER
■ Kampf dem Fluchen
Wenn man sich einen Fasten-Vorsatz aussucht, dann muss das was sein, das einem schwerfällt. Für unsere Aktion war mein Plan schnell klar: vier Wochen lang nicht fluchen! Kein böses Wort mehr über die Lippen kommen lassen, auch nicht halblaut.
Dieses Fluchen, Schimpfen und Granteln ist eine meiner Schwächen. Entsprechend schwer war auch der Start in die fluchfreie Zeit – zumal die Kollegen mich mit Freude auf die Probe stellten. Als mein Computer abstürzte, hörte ich zum Beispiel ein gesäuseltes: „Naaa, wie findest Du das jetzt?“ Meine natürliche Reaktion wäre gewesen: „Scheißglump, vareckts!“ Aber ich fastete ja, biss mir also auf die Lippen. Und erntete ein Grinsen.
Ich war in Versuchung, immer wieder. Am knappsten dran war ich, als ich abends aus dem Büro heimradelte, ein Taxler mir die Vorfahrt nahm und mich fast über den Haufen fuhr. Er hätte die wüstesten Beschimpfungen verdient gehabt, aber sie blieben im Ansatz stecken. Ich besann mich grad noch.
Ich muss zugeben: Ein paarmal habe ich das „Sch…“-Wort benutzt, ein paarmal andere diskutable Begriffe. Aber insgesamt war ich ein Lämmchen, so glaube ich.
Nach etwa zwei Wochen war ohnehin eine Veränderung zu spüren: Ich habe nicht nur die bösen Wörter vermieden – sondern ich hatte auch viel weniger Impuls zu fluchen. Auf gut Deutsch: Es fiel mir leichter. Und ich glaube, dass ich seitdem mehr lächle. Deswegen werde ich das Nicht-Fluchen auf unbestimmte Zeit verlängern.
ULI HEICHELE