Abschied von einer großen TV-Ärztin

von Redaktion

TV-Prominenz: Über 30 Jahre lang war sie Gastgeberin der BR-Sprechstunde.

Glückliche Momente im Schnee: Antje-Katrin Kühnemann © API (c) Jessica Kassner

55 Jahre lang Freundinnen: Carolin Reiber und Antje-Katrin Kühnemann.

Die große, ewige Liebe: Antje-Katrin Kühnemann und Jörg Gühring. Jetzt sind beide wieder vereint. © API/Kassner/Tinnefeld, Sigi Jantz, Schneider-Press, BR, H. Gebhardt TV-

Tegernsee – Die Sehnsucht nach ihrem Mann Dr. Jörg Gühring war unüberwindbar; seit der Unternehmer am 26. Januar 2021 in ihrem gemeinsamen Haus am Tegernsee 86-jährig von ihr ging – mit den letzten Worten „Ich liebe dich so sehr!“ Bis zur letzten Stunde hatte seine Frau, die Ärztin und Fernsehmoderatorin Dr. Antje-Katrin Kühnemann, den Werkzeugfabrikanten gepflegt und ihm die Hand gehalten. Vor seinem Tod hat er ihr das Versprechen abgenommen, sich um seine weltweit agierende Firma mit 8000 Mitarbeitern zusammen mit seinen Kindern zu kümmern. Das tat Antje-Katrin Kühnemann bis zuletzt, reiste dafür um die Welt, las die Monatsberichte und ehrte langjährige Mitarbeiter, obwohl sie ihre Kräfte bereits zunehmend schwinden spürte – nach all den zehrenden Genesungsprozessen nach dem Brustkrebs, zahllosen Operationen an Wirbelsäule und Hüfte. 36 Schrauben und Platten stabilisierten zuletzt den fragilen Körper der Fernsehikone, die letzten Jahre war sie nur eine Feder von Mensch – jedoch mit einer unbezwingbaren mentalen Stärke und Disziplin.

Noch vor einer Woche besuchte Kühnemann mit Freundinnen, darunter Carolin Reiber, Alice und Ellen Kessler, in der Komödie im Bayerischen Hof eine Premiere, nachdem sie erst am Morgen aus St. Moritz zurückgekehrt war, wo sie am 22. Februar ihren 80. Geburtstag gefeiert hatte. Sie war nur zu müde, um danach noch mit auf einen Drink ins Trader Vic‘s zu gehen, standen doch schon wieder jede Menge anderer Termine in ihrem Kalender.

Wie immer waren ihre Tage voll und durchgeplant. Und wie jeden Tag hielt sie mit ihrem verstorbenen Mann Zwiesprache. 33 Jahre lang war er ihr Ein und Alles, las ihr alles von den Lippen ab, erfüllte ihre Wünsche, noch bevor sie seine AKK (Antje-Katrin Kühnemann) überhaupt denken konnte. So gab es kaum eine Frau im Land, die so kostbaren und ausgefallenen Schmuck getragen hat; und sie hatte stets die schönsten Kleider ihres Lieblingsdesigner-Duos Johnny Talbot und Adrian Runhof.

Für ihre Freunde unvergessen, sind vor allem ihre großzügigen Einladungen in ihr nobles Bauernhaus in Waakirchen am Tegernsee, wo das Ehepaar Kunst der Klassischen Moderne sammelte. Jörg Gühring legte seiner AKK die Welt zu Füßen. Während Kühnemann alles dafür tat, ihn gesund und vital zu halten. 35 Jahre litt ihr Ehemann an Parkinson, zuletzt war er, nach einigen Operationen, an den Rollstuhl gefesselt und auf Pflege angewiesen.

Doch alles Äußere konnte dem Inneren nichts anhaben, die Liebe der beiden war unbezwingbar, ihre Erinnerungen fast maßlos – mit Weltreisen, ihrer Lust an Musik, Theater und bildender Kunst. Ihre Hochzeit am 27. November 1994 auf Hawaii erneuerten sie jedes Jahr; die Weihnachtsferien verbrachten sie in ihrer Wohnung in St. Moritz und die Münchner Abende in ihrem Lieblingsrestaurant Käfer. Die beiden hatten alles. „Ich hatte doch ein gutes Leben, und ich habe die letzten Dinge geregelt“, sagte sie einmal unserer Zeitung. „Wenn man keine unerledigten Geschäfte hat, kann man auch loslassen.“

Nach dem Verlust ihres Mannes wollte sie sich an ihrem Leben nicht versündigen, aber es war ihr die letzten Jahre sehr schwer. Oft war Kühnemann zu Hause gestürzt, hatte sich mühsam immer wieder aufgerappelt, sogar mit gebrochener Hüfte. Doch Aufgeben war keine Option, egal wie groß die Schmerzen und die Sehnsucht nach ihrem Jörg waren. Die Ärztin glaubte fest, dass sie sich wiederfinden würden. Am Wochenende war es so weit. Kühnemann war wohl wieder in ihrem Haus gestürzt und nicht mehr zu Bewusstsein gekommen. Ein einsamer Tod.

Alle Schmerzen, alle Trauer – vorbei. Auch die größte Kränkung ihres Lebens. Dass Antje-Katrin Kühnemann das Ende ihrer BR-Sendung Sprechstunde im Gespräch mit unserer Zeitung erfahren musste und nicht von den Senderverantwortlichen, obwohl sie einmal als jüngste Ansagerin des BR gefeiert wurde, konnte sie nie verwinden. Mit 20 Jahren hatte sie ihre Medien-Karriere parallel zum Medizinstudium begonnen und wurde eines der bekanntesten Gesichter des BR, wie es ihre Kollegin und Freundin Carolin Reiber bereits war. Die Moderatorin nahm am Montag einen verglasten, gemeinsamen Illustrierten-Titel von der Wand ab, um ihn neu rahmen zu lassen. Dafür stellte sie das Bild gut sichtbar in der Diele auf einen Stuhl, um nicht achtlos daran vorbeizugehen. Nicht wissend, dass ihre Freundin bereits tot war. Was bleibt, sind zahllose Erinnerungen – an eine außergewöhnliche Frau, die unfassbar viel Energie hatte und jede Einladung zur ewigen Erinnerung machte.

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