INTERVIEW

„Alle haben gesagt: Ihr seid Helden“

von Redaktion

Zwei Oberbayern überquerten den Atlantik in einem Ruderboot

Eng, aber komfortabel: Eine der Kabinen des Bootes.

Ein kleines Zuhause: Fast zwei Monate waren Claudia Dreibrodt und Ernst Kujer auf dem Atlantik. © pennybiirdandcamera

Pure Freude: Claudia Dreibrodt und Ernst Kujer bei der Ankunft in Antigua. © pennybiirdandcamera

Frohe Weihnachten: Ernst Kujer und Claudia Dreibrodt grüßen an Heiligabend. © pennybiirdandcamera

Valley – Mit Rudern oder gar Ozeanrudern hatten Claudia Dreibrodt und Ernst Kujer bis vor ein paar Jahren nichts zu tun. Die Outdoor-Fans aus Valley (Landkreis Miesbach) sind eher in den Bergen zu Hause. Doch dann las die 37-Jährige 2019 das Buch über vier Britinnen, die als erstes Frauenteam an „The World‘s Toughest Row“ – „Das härteste Ruderrennen der Welt“ – teilgenommen haben. Der Gedanke einer Atlantiküberquerung ließ sie nicht mehr los. Sie überzeugte ihren 42-jährigen Freund, gemeinsam daran teilzunehmen. 54 Tage, 13 Stunden und 48 Minuten waren die „Alpine Rowers“, wie sie sich für das Rennen nannten, von der Kanaren-Insel La Gomera bis nach Antigua in der Karibik unterwegs. In einem 7,3 mal 1,7 Meter großen Ruderboot. Als erstes deutsches Mixed-Duo. Es war ein Abenteuer, wie es im Buche steht.

Frau Dreibrodt, Herr Kujer, wie fühlt man sich, wenn man den Atlantik nur mit Muskelkraft bezwungen hat?

Ernst Kujer: Soweit ganz gut. Wir sind schon wieder in den Arbeitsalltag gestartet, das war eine ziemliche Umstellung.
Claudia Dreibrodt: Müde. Um ehrlich zu sein, haben wir bis heute noch nicht richtig erfasst, was wir geleistet haben. Das Rudern war irgendwann Alltag, wir hatten irgendwann ja keine andere Wahl mehr. (lacht)
Kujer: Bei mir ist das ganz ähnlich. Das hat auch mit dem Unterschied zwischen den Ländern zu tun. Auf Antigua ist das Rennen extrem populär, alle haben gesagt: Ihr seid Helden. In Deutschland ist Ozeanrudern dagegen kein Begriff.

War die Ankunft in Antigua denn heldenwürdig?

Kujer: Ich war wahnsinnig überrascht. Wir hatten keine Familie vor Ort und haben nicht mit einem großen Empfang gerechnet. Aber unsere Ankunftszeit war mehr oder weniger zum Sonnenuntergang und damit perfekt. Von rundherum kamen die Leute aus den Restaurants. Das war ein Tuten und Hupen im Hafen, damit hätte ich nie gerechnet.
Dreibrodt: Es war ein wundervoller Empfang. Alle sind von den Tischen aufgestanden und haben uns applaudiert. Das war ganz surreal, absolut unglaublich und wunderschön. Es war aber auch komisch. Plötzlich war es vorbei. Unsere Körper waren zwar da, aber mental waren wir noch auf dem Atlantik.

Kein Wunder, immerhin waren der Ozean und das Boot fast zwei Monate Ihr Zuhause. Was haben Sie alles erlebt?

Kujer: Wir haben mehrfach Delfine gesehen, einmal ist eine ganz große Schule rund ums Boot gesprungen. Marlins, also Schwertfische, haben uns immer wieder mal begleitet – zum Glück ohne Probleme. Und es war interessant zu sehen, wie viele Vögel 2000 Kilometer auf dem Atlantik leben. Vom dritten Tag bis zum vorletzten hat einer uns immer wieder besucht. Am letzten Tag wollte sich ein Vogel ein bisschen ausruhen, der ist für eineinhalb Stunden 20 Zentimeter von meinem Kopf entfernt auf der Solarzelle gesessen.
Dreibrodt: Die Delfine waren definitiv unser Highlight. Das freie Leben, ihnen geht es wirklich gut. Ich habe auch immer wieder fluoreszierende Meeresorganismen gesehen, die haben bei jedem Ruderschlag angefangen zu leuchten. Das habe ich Glühwürmchenwasser genannt. Total faszinierend und wirklich wunderschön war der Sternenhimmel. Was man auf dem Atlantik zu sehen bekommt, ist eine ganz andere Sache, als bei uns in den Bergen. Was uns überrascht hat, ist der viele Müll, der im Atlantik schwimmt.

Wie bereitet man sich auf eine so lange, autarke Reise vor?

Dreibrodt: Wir haben uns 2021 für das Rennen angemeldet, 2022 mit dem Training begonnen und uns ab 2024 ganz intensiv vorbereitet.
Kujer: Wir mussten mindestens 120 aktive Ruderstunden, davon mindestens 72 auf offenen Gewässern und 24 in der Nacht, vorweisen. Das Längste waren bei uns drei Tage am Stück.

Und dann fast zwei Monate. Wie viel Verpflegung hatten Sie dabei?

Kujer: Da gibt es eine Vorgabe vom Veranstalter. Der Tagesumsatz wurde bei Claudia auf 4080 Kalorien berechnet, bei mir auf 4320. Wir hatten pro Person über 250 Hauptmahlzeiten und 65 Snackpacks mit an Bord.

Wie war das Leben auf dem Boot?

Dreibrodt: An beiden Enden gibt es jeweils eine Kabine zum Schlafen. Da liegt man teilweise unter der Ruderfläche in der Mitte des Bootes.
Kujer: Die Kabinen sind zwar recht klein, dafür aber erstaunlich komfortabel.
Dreibrodt: Wir hatten uns ein Schichtsystem überlegt, in dem wir alle zwei Stunden wechseln und toujours durchrudern.

Klingt so, als hätte das nicht ganz funktioniert.

Kujer: In den ersten Tagen hatten wir extrem viel Wind und verhältnismäßig große Wellen. Wir hatten eigentlich nie Probleme mit Seekrankheit – bei mir kam sie jedoch gleich am Anfang.
Dreibrodt: Das war auch dem geschuldet, dass Ernst zu früh in die Kabine gegangen ist und sich hingelegt hat. Der Verlust des Sehens des Horizonts hat das noch verstärkt. Leider ging es mit der Seekrankheit ein bisschen bergab und dann sind wir noch in ein Tiefdruckgebiet mit sehr hohen Wellen und starkem Wind reingekommen.

Welche Auswirkungen hatte das?

Dreibrodt: Das Tiefdruckgebiet hat einige Teams festgesetzt und nördlich abgetrieben. Wir hatten technische Probleme, Ernst ging es nicht gut, das hat uns zwei, drei Tage ausgeknockt. Irgendwann kam von den Safety Officers die Nachricht, dass wir unbedingt auf den Para-Anker gehen müssen, um nicht weiter nach Norden abzutreiben. Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände, auf die wir mit verschiedenen Lösungsansätzen reagiert haben.

Die wären?

Dreibrodt: Ernst hat Tabletten genommen, danach hatte er keine Probleme mehr. Bei der Technik (Probleme mit den Batterien) haben wir mit dem Bootshersteller telefoniert. Der Alarm war so eingestellt, dass er viel zu früh ausgelöst hat, weshalb wir unsere Technik auch immer viel zu früh ausgeschaltet hatten und so die Kursabweichung gen Norden nicht mitbekommen haben. Auch unser Internetrouter, über den wir das Wetter und den Kurs hätten einsehen können, hat sehr schlecht funktioniert. Wir haben dann meinen Papa gefragt, ob er für uns die Wettervorhersage schauen und uns bei der Routenplanung unterstützen kann. Das hat sehr gut funktioniert.
Kujer: Wir haben die Schichten auf 45 Minuten verkürzt, um möglichst schnell von Norden in den Süden zu kommen. Außerdem haben wir unsere Wasservorräte reduziert, was Gewicht einspart, und unsere Ruderpositionen behalten. Bei zehn bis zwölf Wechseln am Tag summiert sich das.

Es war ja auch ein Rennen. Wie lief das für Euch?

Kujer: Das Tiefdruckgebiet hat uns eine Woche gekostet, mindestens vermutlich. Wir haben uns Gedanken gemacht, ob wir den Anschluss überhaupt noch schaffen. Wir haben körperlich sehr viel investieren müssen, dass das gelingt.
Dreibrodt: Wir waren irgendwann auf dem letzten Platz und unsere Ankunftszeit wurde für Ende Februar prognostiziert. Für uns war relativ schnell klar, dass wir nicht Ende Februar und als letztes Team ankommen wollen. Es hat uns motiviert, dass wir der letzten Gruppe jeden Tag näher gekommen sind und wir einige Teams überholen konnten.

Haben Sie ans Aufgeben gedacht?

Dreibrodt: Nie. Uns war klar: Wenn wir auf dem Atlantik sind, es uns körperlich gut geht und das Boot keine Probleme macht, führt kein Weg daran vorbei, die Überquerung zu machen. Das war genau das, worauf wir uns vorbereitet haben; dass wir für jede Situation einen Plan A und einen Plan B haben.
Kujer: Die Nahrung hätte auch gereicht. Wir mussten für 65 Tage Essen mitnehmen. Durch die Seekrankheit und Probleme am Anfang hatten wir relativ wenig gegessen.

Wie war es, 50 Tage mehr oder weniger nur den anderen zu sehen?

Dreibrodt: Zwischen uns gab es eigentlich keine Probleme. Wenn einer ein Tief hatte, wurde das angesprochen. Es war aber nie auf den anderen bezogen, sondern eher auf die äußeren Umstände.
Kujer: Es hat alles sehr gut funktioniert. Das ist die Erfahrung, die wir in früheren Jahren gemacht haben: je schwieriger es wird, desto besser sind wir als Team.

Gab es ein prägendes Ereignis?

Dreibrodt: Am zweiten oder dritten Tag, wir waren gerade an El Hierro vorbei, ist ein Boot an uns vorbeigefahren, von dem wir davon ausgehen, dass es ein Flüchtlingsboot war.
Kujer: Es sah aus wie ein typisches Flüchtlingsboot, wie man es in den Nachrichten sieht. Ein großer Holzfischerkahn, der von vorne bis hinten mit Leuten voll war.
Dreibrodt: Es war insofern surreal, weil man denkt, wir rudern mehr oder weniger freizeitmäßig über den Atlantik und sie sind dort unterwegs, um ein hoffentlich besseres Leben anzufangen. Maximal fünf Stunden später kam ein Sturm auf und wir haben nur gesagt: Hoffentlich haben sie rechtzeitig Land erreicht.

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