Eineiige Drillinge – ein kleines Wunder

von Redaktion

Bürgermeister Stefan Baumgartner war schon da. © ms

Im Wohnzimmer der Kreutners wird jetzt im Akkord in den Schlaf geschaukelt. Die drei Wippen stehen nebeneinander.

Drei Schwestern auf einmal hat Maja (5) bekommen. Sie freut sich mit ihren Eltern sehr über Malu, Isi und Luna. © Marcus Schlaf (3)

Chamerau – Andy Kreutner blickt in drei süße Baby-Gesichter – und kann nicht sagen, wer wer ist. So ähnlich sehen sich seine drei Töchter. Wenn sie alle vor ihm auf dem Sofa liegen, könnte er sie stundenlang bestaunen. Gerade noch hatte Isi schlechte Laune. Jetzt spürt sie rechts und links ihre beiden Schwestern Malu und Luna neben sich und gluckst ihr fröhlichstes Babyglucksen. Manchmal ist die Welt eben ganz schnell wieder in Ordnung. Zumindest, wenn man Drilling ist. Jetzt beugt sich auch Mama Claudia zu ihnen herunter. Sie ist die Einzige, die die drei Babys auseinanderhalten kann. Sechs blaue Augen blicken sie neugierig an. Sie muss lächeln. Sie muss immer lächeln, wenn ihre drei kleinen Wunder nebeneinander liegen. Egal, wie müde sie ist. Egal, wie kurz die Nacht und wie hart der Tag war. Der Drillings-Zauber funktioniert immer.

Die Chancen, als Drilling auf die Welt zu kommen, stehen eins zu 7000. Malu, Isi und Luna haben etwas noch viel Außergewöhnlicheres geschafft. Sie sind eineiige Drillinge. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Eizelle nach der Befruchtung zweimal teilt, liegt bei eins zu 200 Millionen. In der Oberpfalz ist genau das passiert. Dort kamen vor knapp vier Monaten drei kleine Mädchen auf die Welt, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen.

Vorsichtig nimmt Andy Kreutner die kleine Malu auf den Arm. Erschöpft schließt sie ihre Augen. „Malu ist wie ihr Papa“, sagt Claudia Kreutner und lächelt. „Immer ist ihr zu heiß. Außerdem macht sie viel mit sich selbst aus. Aber wenn sie weint, muss es schnell gehen.“ Isi ist die Entspannte. „Außer sie hat Hunger, dann versteht sie keinen Spaß.“ Luna ist die Jüngste der drei. „Die Zarteste.“ Isi hat etwas dickere Bäckchen als Luna. Und Malu einen kleinen Knick am Ohr. Claudia Kreutner weiß immer, welche ihrer Töchter sie gerade auf dem Arm hat. Alle anderen brauchen etwas Hilfe. Deshalb hat die 37-Jährige bunte Armbändchen gekauft. Denn vieles passiert im Wohnzimmer der Kreutners jetzt im Akkord: wickeln, füttern, Bäuerchen, einschlafen. Sie notieren sich, wer wann gestillt und gewickelt wurde – damit sie in diesem Baby-Wunderland die Übersicht behalten. Andy und Claudia Kreutner hatten sich für ihre fünfjährige Tochter Maja ein Geschwisterchen gewünscht. Dass es drei Geschwisterchen wurden, hat selbst den Frauenarzt viel zu sehr überrascht, um die Nachricht sanft zu überbringen. Aber es braucht schon mehr als so eine Überraschung, um Andy und Claudia Kreutner aus der Ruhe zu bringen. Sie begannen sofort damit, das Dachgeschoss ihres Hauses in Chamerau auszubauen. „Zum Glück hatten wir wenigstens schon einen Bus“, sagt Claudia Kreutner und lacht. Und dann, ein paar Wochen später, gab es bei einer Vorsorgeuntersuchung die nächste Überraschung. Eine Ärztin sagte ihnen, dass sie eineiige Drillinge bekommen. Sechs richtige Lottozahlen mit Zusatzzahl sind viel wahrscheinlicher. „Für uns hat es erstmal keinen Unterschied gemacht“, erzählt der 43-Jährige. „Aber wir haben an der Reaktion der Ärzte gemerkt, dass das etwas sehr Besonderes ist.“

Claudia Kreutner ist auf natürlichem Weg schwanger geworden. Und sie hat ihre drei kleinen Wunder Ende November ohne Kaiserschnitt auf die Welt gebracht. Innerhalb von 16 Minuten. Und mit dem wohl größten Publikum, das in einen Kreißsaal passt. „50 Leute waren dabei“, erzählt sie. Nicht nur, weil diese Geburt so besonders war – sondern auch, weil die drei Mädchen schon in der 32. Schwangerschaftswoche in der Regensburger St.-Hedwig-Klinik zur Welt kamen. Ihre Töchter sahen die Kreutners nur ganz kurz. Einmal vorsichtig über die Wange streicheln, ein Bussi auf den Kopf, dann wurden die Babys sofort versorgt und untersucht. Die ersten Wochen ihres Lebens mussten sie getrennt voneinander verbringen, jede in einem eigenen Brutkasten. Anfang Januar durfte Claudia Kreutner mit ihren Babys endlich nach Hause. „Seitdem hab ich nur dreimal das Haus verlassen“, sagt sie. Jeder Tag ist eine wilde Mischung aus Wahnsinn und Drillings-Zauber.

Andy Kreutner ist selbstständig. Seine Elternzeit war fast vorbei, als die Drillinge ihr Zuhause kennenlernten. Jeden Morgen stellt er seiner Frau eine Tasse Kaffee auf den Esstisch, bevor er in die Arbeit fährt. „Meistens komme ich erst mittags dazu, ihn zu trinken“, sagt die 37-Jährige. Seit Monaten hat sie nicht mehr länger als vier Stunden am Stück geschlafen. Eigentlich muss immer eine Windel gewechselt, ein Baby gestillt oder beruhigt werden. Oft hilft ihr die fünfjährige Maja dabei. Wenn die große Schwester da ist, haben Malu, Isi und Luna fast immer gute Laune. Und glücklicherweise hat Claudia Kreutner Energie für drei. „Andere Familien haben das ja auch geschafft“, sagt sie und legt Isi in ihre Wiege, die sich an einer Feder sanft auf und ab bewegt und die Kleine in den Schlaf schaukelt. Links neben ihr wippt Malu, rechts Luna.

Es klingelt an der Tür. Der Bürgermeister. In der kleinen Oberpfälzer Gemeinde hat sich herumgesprochen, dass drei neue Kreutners auf der Welt sind. Stefan Baumgartner hat schon zu vielen Babys gratuliert, aber das hier ist auch für ihn etwas Besonderes. Er hat gerade sein Geschenk abgegeben, da hat er schon ein kleines Mädchen auf dem Arm. Bei Drillingen wird eben jeder Arm gebraucht.

Die Kreutners sind dankbar für die Unterstützung, die sie von allen Seiten bekommen. An einem Vormittag schrieb der 43-Jährige übermüdet eine E-Mail an den Kinderwagen-Hersteller TFK, er bat um Hilfe. Anfangs wollten sie es zwar ohne Dreifach-Kinderwagen probieren, aber selbst Claudia Kreutner gehen irgendwann die Hände aus. Für eine Familie, die gerade das Dach ausbaut und kistenweise Windeln kauft, sind die riesigen Kinderwagen eigentlich unbezahlbar. Die Kreutners bekamen einen für einen sehr günstigen Preis. Dafür sind sie unheimlich dankbar. Bisher hat es die 37-Jährige erst einmal geschafft, ihre Mädchen spazieren zu fahren. „Ich brauche eine Viertelstunde für jede, um sie für einen Ausflug fertig zu machen.“ Da kippt die Stimmung schnell, wenn die einen schon schwitzen und die dritte Schwester noch fehlt. Weit gekommen ist sie auch nicht. Schon an der ersten Kreuzung erschreckten sich die drei Damen über ein hupendes Auto, Claudia Kreutner musste mit dem Kinderwagen heimrennen. Wenn drei Babys um die Wette schreien, ist sie meist völlig durchgeschwitzt, bis wieder Ruhe einkehrt.

„Wenn ich mal was helfen kann, rührt`s euch einfach“, sagt der Bürgermeister, als er sich verabschiedet. Ist nicht nur dahingesagt, das weiß Andy Kreutner, seit sein Bauantrag für den Dachausbau extra schnell bewilligt wurde. Manchmal hat er Respekt gehabt, wie der Alltag mit den drei Babys wohl sein würde. Vor allem hatte er Angst vor der Geburt. Wochenlang sind die Kreutners von den Ärzten darauf vorbereitet worden, was alles passieren könnte. Als Andy Kreutner nach der Geburt heimfuhr, weinte er die ganze Fahrt von Regensburg bis Chamerau. Freudentränen. Sein Drillingswunder würde er gegen keinen Lotto-Jackpot der Welt eintauschen.

Claudia Kreutner sagt: „Jedes Lächeln, das ich bekomme, ist so schön – das macht jede Schrei-Phase wett.“ Sie ist überzeugt, dass das mit den Drillingen so sein sollte, wie es gekommen ist. Als sie im Kreißsaal war, konnte sie die vielen Ärzte ausblenden. So intensiv war der Moment, als sie ihre drei Babys nacheinander kennenlernen durfte. Sie schaut glücklich von Wippe zu Wippe, dann sagt sie: „Es war der spektakulärste Tag in meinem ganzen Leben.“

Artikel 2 von 3