Nur eine Zwischenlösung: Castorbehälter mit hochradioaktivem Atommüll im Lager Ahaus in Nordrhein-Westfalen. © Guido Kirchner/Picture Alliance
Genf – Wohin mit dem Atommüll? Das Schweizer Unternehmen Transmutex verspricht eine Lösung. „Wir gewinnen daraus Rohstoffe und Krebsmedikamente“, sagt Guido Houben, Geschäftsführer der deutschen Transmutex-Tochter. Nur zehn Prozent hochradioaktiver Abfälle verblieben, dazu mittelradioaktive Abfälle. Der Clou: Statt mehrerer hunderttausend Jahre strahle der Müll nur noch ein knappes Jahrtausend, behauptet Houben.
Die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) hat das Konzept für ein abgeschaltetes Akw in Südbayern berechnet, Insidern zufolge ist es Isar 2 in Essenbach im Kreis Landshut, wo auch Atommüll zwischengelagert ist. Die Anlage bestehe im Wesentlichen aus zwei Teilen, sagt Houben. „Im ersten werden Rohstoffe und Edelmetalle abgeschieden, die in der Medizin und der Luftfahrt genutzt werden können. Im zweiten werden die hochradioaktiven Bestandteile des Atommülls abgebrannt und liefern Energie.“ Was sich nicht weiternutzen lässt, wird zum Lagern verglast. Transmutex will Teile des Akw nutzen, denn der Verbrennerteil der Anlage ist ein neuer Atomreaktor. Neben Rohstoffen und Edelmetallen liefert die Anlage Energie, 600 Megawatt (MW) Wärme oder 256 MW Strom sind berechnet. Zum Betrieb wären 36 MW nötig. Isar 2 hatte 1485 MW Leistung. Laut Studie könnte die Anlage in zehn Jahren laufen. Baukosten: 2,5 Milliarden Euro. „Wird ein bestehender Akw-Standort genutzt, sinken die Kosten auf 1,5 Milliarden Euro“, glaubt Deutschland-Chef Guido Houben.
Es wäre das erste Projekt in dieser Größe weltweit, mit allen Risiken unvorhergesehener Probleme. Und Deutschland müsste das Atomgesetz ändern. Was einfach klingt, ist großteils technologisches Neuland. Etwa die Mülltrennung. Transmutex will die Edelmetalle mit einem Verfahren aus dem Atommüll holen, mit dem auch Kupfer aus einer Salzlösung gewonnen wird. Der strahlende Rest wird mit Thorium vermischt in neue Brennstäbe eingesetzt. Das Material wird bisher vor allem experimentell genutzt.
Die Müllverbrennung besteht aus einem Reaktor, der nicht mit Wasser, sondern mit Blei gekühlt werden soll. Statt auf eine Kettenreaktion wie in klassischen Akw setzt Transmutex auf Transmutation – das strahlende Material verwandelt sich dabei in weniger strahlendes und gibt Energie ab. Das läuft nur, wenn es angeschaltet wird. Dafür ist eine präzise Energiequelle nötig – ein Teilchenbeschleuniger. Ein ähnlicher ist seit gut 50 Jahren am Schweizer Paul-Scherrer-Institut im Einsatz, allerdings nicht in der geplanten Größe und Zuverlässigkeit.
Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung ist skeptisch. Man begrüße die Forschung, ob „eine solche hypothetische Technologie“ ein Endlager überflüssig mache, lasse sich wissenschaftlich aber nicht seriös behaupten. Bleibt die Frage, wer die Anlage bauen würde. „Wir liefern die Technologie, aber können sie nicht weltweit bauen und betreiben“, sagt Houben. Vielleicht also der Staat. Ihm gehört der Atommüll.
ART