Wieder mit voller Atomkraft voraus?

von Redaktion

Abgesang: Guido Knott, Vorsitzender des Energiekonzerns PreussenElektra (links), steht mit Carsten Müller, Leiter des Atomkraftwerks Isar 2, vor dem Kühlturm. Im April 2023 wurde das AKW in Essenbach abgeschaltet. © Armin Weigel/Picture Alliance

München – In Deutschland sind die letzten Atommeiler abgeschaltet, aber die Debatte lebt weiter, ob Atomkraft zumindest als Übergangstechnologie sinnvoll wäre. Eine am Freitag veröffentlichte Umfrage des Verbraucherportals Verivox hat ergeben, dass 55 Prozent der Befragten für eine Rückkehr zur Atomkraft sind. Besonders hoch war die Zustimmung bei den Männern (62 Prozent), bei den Frauen waren nur 47 Prozent dafür.

■ Die Vorteile

Atomkraft liefert anders als Sonne und Wind unabhängig vom Wetter Strom, also ununterbrochen und gleichmäßig. Sie ist auch etwas unabhängiger von den Weltmarktpreisen als Kohle und Gas. Atomkraftwerke (AKW) stoßen im Betrieb zudem kein CO2 aus und belasten das Klima deshalb nicht.

■ Die Nachteile

AKW sind unflexibel, können nicht nach Belieben an- und ausgeschaltet werden. Der Strom ist im Vergleich zu Strom aus Erneuerbaren Energien teurer. Tschernobyl oder Fukushima stehen für die hochradioaktiven Gefahren im Falle eines Reaktorunglücks. Verbrauchte Brennstäbe müssen zudem aufwendig gelagert werden. Ein Endlager muss laut dem Standortauswahlgesetz mindestens für eine Million Jahre Sicherheit bieten.

■ Die Renaissance

Die Internationale Energieagentur sieht in einem Bericht vom Januar eine Wiedergeburt der Atomenergie. Es werde viel Geld investiert, neuartige kleine und in Masse herstellbare Reaktoren, sogenannte Small Modular Reactors (SMR), böten neue Chancen. Laut dem World Nuclear Industry Status Report 2024 stammten 2023 gut 9,1 Prozent des Stroms weltweit aus Atomenergie, 1996 waren es noch 17,5 Prozent. Zwischen 2004 und 2023 wurden 102 neue Reaktoren gebaut, davon 49 in China, und 104 stillgelegt. 2024 nahm die weltweit installierte Leistung aus AKW um 4,3 Gigawatt zu. Zum Vergleich: Allein China erweiterte in den ersten neun Monaten 2024 seine Solarparks um eine Leistung von rund 161 Gigawatt.

■ Wie viele AKW weltweit?

Anfang des Jahres lieferten dem Nuklearbericht zufolge weltweit 411 Atomreaktoren Strom, zwei weniger als ein Jahr zuvor. Installiert sind 372 Gigawatt Leistung. Die meisten Anlagen laufen in den USA (94), dort liefern sie 18 bis 19 Prozent allen Stroms. Frankreich (57 Reaktoren) bezieht 65 Prozent des Stroms aus Atomenergie, China (59) nur fünf Prozent. Neu gebaut wird vor allem in Asien.

■ Könnte Deutschland politisch umkehren?

2011 beschloss die Bundesregierung aus Union und FDP, alle AKW bis Ende 2022 vom Netz zu nehmen. Die letzten drei (Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim) liefen bis April 2023. So wie der Ausstieg ließe sich auch der Einstieg zumindest bei den stillgelegten Akw politisch beschließen, die Gesetze könnten geändert werden. Ob der Bau neuer AKW angesichts der aufwendigen Verfahren genehmigt würde, ist unklar.

■ Könnte man alte AKW wieder hochfahren?

Im Prinzip ja, zumindest die sechs Atomkraftwerke, die zuletzt in Deutschland abgeschaltet wurden. Allerdings haben die ehemaligen Betreiber bereits mit dem Abriss begonnen. „Technisch kann man viel machen, alles eine Frage von Zeit und Geld – und, ob es sich überhaupt rechnet“, sagt ein Insider, der nicht namentlich genannt werden will. Bei den Atomkraftwerken Brokdorf an der Elbe und Emsland in Niedersachsen wäre der Aufwand am geringsten. Sie haben die Rückbaugenehmigung nämlich erst vor wenigen Monaten erhalten. Unklar ist aber, ob ein solches Kraftwerk eine neue Betriebsgenehmigung mit strengen Prüfungen benötigt. Der Experte erwartet Kosten von mindestens 0,5 bis einer Milliarde Euro, um ein Akw wieder fit zu machen. Bis es am Netz sei, vergingen bis zu fünf Jahre, weil Personal ausgebildet werden müsse.

■ Wer baut Reaktoren – und in welcher Zeit?

Weltweit liefern im Wesentlichen vier Firmen Reaktoren: Chinas Staatskonzern CNNC, Frankreichs Staatskonzern EdF, eine Tochter der russischen Atombehörde Rosatom und die US-Firma Westinghouse, die dem Finanzinvestor Brookfield und dem Brennelemente-Hersteller Cameco (beide Kanada) gehört. Im vergangenen Jahrzehnt dauerte der Bau eines AKW im Schnitt knapp zehn Jahre – ohne Planung und Genehmigung. Beim dritten Reaktor im finnischen Olkiluoto waren 16,6 Jahre vom Spatenstich bis zur Stromlieferung nötig, geplant waren 4,2 Jahre. Der Doppelreaktor im britischen Hinkley Point sollte 2023 nach zehn Jahren Bauzeit ans Netz, derzeit wird mit 2031 gerechnet. Dem Nuklearreport zufolge verzögern sich fast die Hälfte aller Projekte. China schafft es, neue Reaktoren in rund sieben Jahren zu bauen.

■ Wie teuer ist Atomstrom?

Die US-Investmentbank Lazard schätzt jedes Jahr für die USA, was es kostet, eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Für Atomenergie waren 2024 im Schnitt 18,2 Cent nötig. Gas kam auf 16,9 Cent, Solarstrom kostete 6,1 Cent, Windstrom 5,0 Cent. Dass es künftig billiger wird, ist unwahrscheinlich. Christian von Hirschhausen, Wirtschaftsprofessor an der TU Berlin, schreibt: „Fehlende Wirtschaftlichkeit und steigende Kosten dominieren die kommerzielle Kernkraftwirtschaft bis heute.“ Deshalb steht hinter praktisch allen Neubauten weltweit der Staat. In Deutschland hatten sich die Betreiber für 24,1 Milliarden Euro aus der Pflicht für die Zwischen- und Endlagerung herausgekauft.

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags schreibt in einem Bericht von 2021: „In den Jahren 2007 bis 2019 betrugen die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Stromerzeugung aus Atomenergie durchschnittlich zwischen 25 Ct/kWh und 39 Ct/kWh. Davon sind 21 bis 34 Ct/kWh bisher noch nicht im Strompreis enthalten und daher ‚versteckte Kosten‘ der Atomenergie. Insgesamt summieren sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten allein in diesem relativ kurzen Zeitraum auf 348 bis 533 Mrd. EUR (real). Davon entfallen rund 25 Mrd. EUR auf staatliche Förderungen, die direkt den Staatshaushalt belasten.“

■ Was kostet ein Neubau?

Je nach Größe und Technologie: Die beiden Reaktoren im britischen Hinkley Point haben eine Leistung von zusammen 3,2 Gigawatt, die Technologie stammt von EdF. Die Kosten werden derzeit mit 57 Milliarden Euro beziffert, geplant waren 19 Milliarden. Das finnische Olkiluoto-3 (1,6 Gigawatt, seit 2022 am Netz) kostete rund elf Milliarden Euro, geschätzt waren nur 4,5. Gebaut haben die EdF-Tochter Framatome und Siemens. Flamanville-3 (ebenfalls EdF) in der Normandie kostet geschätzt 23,7 statt der geplanten 3,3 Milliarden Euro.

■ Was sagen die ehemaligen AKW-Betreiber?

Die vier Ex-AKW-Betreiber EnBW, Eon, RWE und Vattenfall haben mit Kernenergie in Deutschland abgeschlossen. EnBW und RWE investieren kräftig in Erneuerbare Energien. Eon hat sich dem Netzbetrieb und Stromvertrieb zugewandt. Vattenfall konzentriert sich auf Strom aus erneuerbaren Quellen und das Endkundengeschäft. „Atomkraftwerke rechnen sich nicht und sind deshalb uninteressant“, sagt ein hochrangiger Manager, der nicht genannt werden möchte.

■ Was versprechen SMR?

Small Modular Reactors (SMR) sind kleine Reaktoren mit bis zu 300 Megawatt Leistung. Die Idee: Werden wesentliche Teile standardisiert und in Masse gefertigt, werden sie billiger. Statt einer großen Anlage könnten so dezentral viele kleine aufgestellt werden. Weltweit werden verschiedene Konzepte verfolgt, meist handelt es sich um kleine AKW-Versionen mit bewährter Technik. Prominentester Entwickler ist der britische Triebwerksbauer Rolls-Royce. Innovativere Ansätze arbeiten zum Beispiel mit flüssigem Uran und flüssigem Blei als Kühlmittel, etwa die deutsche Firma Dual Fluid. Manche wollen Atommüll als Brennstoff benutzen, was neben der Stromgewinnung dessen Strahlung reduzieren würde.

■ Sind SMR einsatzbereit?

Viele der Konzepte sind noch Theorie. In großem Maßstab gebaut wurden bisher keine dieser neuartigen Reaktoren. „Die Lücke zwischen der Begeisterung für SMR und der industriellen Realität wächst weiter“, heißt es im Nuklearreport.

■ Wie viel Atommüll gibt es?

Deutschland hat rund 27 000 Kubikmeter hochradioaktiven Müll angesammelt. Die Endlagersuche dürfte aber mindestens noch 20 Jahre dauern. Derzeit lagert der Atommüll an den Ex-Kraftwerken und in den Zwischenlagern Ahaus (NRW) und Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern). Finnland hat als einziges Land seit August 2024 ein Endlager im Probebetrieb. Schweden baut aktuell ein Endlager nahe dem Atomkraftwerk Forsmark.

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