Der Vatikan vor der Richtungswahl

von Redaktion

US-Kardinal Raymond Leo Burke zählt zu den Hardlinern und wird versuchen, einen weiteren Reformpapst zu verhindern. © imago

„Ich liebe dich“: Kardinal Tagle und Franziskus zeigen bei einem Besuch des Papstes auf den Philippinen das Handzeichen für die Botschaft „I love you“. Tagle wäre ein Nachfolger im Sinne von Franziskus, ist aber mit 67 sehr jung für einen Papst. © pa

Rom – Es ist kurz vor neun Uhr morgens am Petersplatz. Nach dem Tod von Papst Franziskus am Vortag beginnen gleich die ersten Beratungen der Kardinäle in der Synodenaula im Vatikan. Unter den Kolonnaden schreiten nebeneinander zwei Männer in schwarzen Mänteln voran. Der eine trägt Hut, es ist der US-amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke. Neben ihm mit Baskenmütze Kardinal Robert Sarah aus Guinea. Beide gelten als Hardliner, beide waren erklärte Opponenten des verstorbenen Papstes.

Zwar geht es in den Beratungen am Dienstag vor allem um organisatorische Dinge wie die Begräbnisfeier, die am Samstag um 10 Uhr stattfinden wird. Aber allen Beteiligten ist klar: In rund zwei Wochen, Anfang Mai, beginnt das Konklave. Und auch, wenn in diesen Stunden die Pietät für den verstorbenen Papst im Vordergrund steht, bringen sich die verschiedenen Lager in der katholischen Kirche für die Nachfolge von Franziskus in Stellung. Vor allem bei den Konservativen ist die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Tradition groß.

Franziskus und sein Kardinals-Coup

Burke (76) und Sarah (79) sind unter 80 Jahre alt und damit im Konklave teilnahmeberechtigt. Die beiden, die offen gegen den Reformkurs von Franziskus opponierten und von diesem deshalb aus ihren Ämtern entfernt wurden, sind die Speerspitze der Konservativen. Chancen, die Nachfolge anzutreten, haben beide kaum. Dafür waren Burke und Sarah zu radikal in Opposition zu Franziskus. Die Bestrebungen der Hardliner dürften sich auf die Wahl eines klar konservativen, aber weniger radikalen Kandidaten richten. Zu denken ist etwa an Peter Erdö aus Ungarn oder den Erzbischof von Kinshasa, Fridolin Besungu.

Die Chancen für deren Wahl sind allerdings eher gering. Papst Franziskus hat in seiner Amtszeit 80 Prozent der 135 wahlberechtigten Kardinäle ernannt, sein erstes Kriterium war die pastorale Zugewandtheit der Kandidaten zum Volk Gottes, ihr Blick auf Grenzsituationen wie Armut oder Ausgrenzung und nicht die Pflege der Tradition.

Die wichtigste Frage, die die Kardinäle in den kommenden Beratungen des sogenannten Vorkonklaves beantworten müssen, lautet: Soll erneut ein Wirbelwind auf dem Stuhl Petri installiert werden oder wünscht man sich nach den für die Kirche aufregenden zwölf Franziskus-Jahren eher ein ruhigeres Pontifikat? Eines, in dem sich die neuen Entwicklungen setzen und Konflikte zwischen Reformern und Konservativen beigelegt werden können?

Franziskus war vor allem in der ersten Hälfte seines Pontifikats eine Herausforderung für die katholische Kirche. Reform-Zugeständnisse wie die Kommunion für Wiederverheiratete, Segen für homosexuelle Paare oder die synodale Gestaltung der Kirchenführung müssen weltkirchlich wohl erst noch verdaut werden. Franziskus selbst bremste zum Schluss die Reformen, weil er angesichts der Widerstände merkte, dass die Spannungen innerkirchlich zu groß wurden.

Aus diesem Grund ist es unwahrscheinlich, dass erneut ein besonders eifriger Reformer zum Zuge kommt. Aber auch ein Kandidat, der die Entwicklungen wieder zurückdreht, dürfte wenig Chancen haben. Gesucht werden könnte im Konklave und davor ein Kardinal, der für den pastoralen Stil von Franziskus steht, die Kirche in seinem Sinne weiterführt, aber den Bogen nicht überspannt.

Ein weiterer Aspekt auf der Suche nach dem Profil für den nächsten Papst ist die Internationalität des Kardinalskollegiums. Franziskus ernannte in seiner Amtszeit Kardinäle aus insgesamt 86 Ländern, sein Vorgänger Benedikt XVI. nominierte Männer aus nur 37 Ländern. Die Internationalität des Kardinalskollegiums hat eine gewisse Orientierungslosigkeit der aus allen Ecken der Welt nun in Rom eintreffenden Kardinäle zur Folge. Die Kirchenführung muss sich erst einmal kennenlernen. Diese Tatsache erhöht freilich die Chance eines bekannteren, renommierten Kandidaten wie dem bisherigen Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin.

Die Dynamiken des Konklaves sind groß

Parolin war nach dem Papst der zweite Mann im Vatikan, ist freundlich und gebildet. Der 70-Jährige stammt aus Vicenza im Veneto und ist vor allem als Diplomat anerkannt. Als Vatikanbotschafter war er in zahlreichen Ländern aktiv. Parolin ist zudem Architekt des umstrittenen Abkommens zwischen dem Vatikan und China über Bischofsernennungen. Charismatisch fällt der bisherige Kardinalstaatssekretär allerdings im Vergleich zum leutseligen Franziskus ab. Auch verfügt der Italiener nicht über pastorale Erfahrung als Diözesanbischof. Parolin dürfte dennoch die erste Wahl der Orientierungslosen sein.

Doch die Dynamiken eines Konklaves sind unvorhersehbar. Gibt es einen Kardinal, der in den Beratungen des Vorkonklaves die Hirne und Herzen der Kollegen anspricht, kann sich alles ändern. Dem Argentinier Jorge Mario Bergoglio gelang im Konklave 2013 so ein Auftritt, das Konklave drehte sich zu seinen Gunsten.

Einem Mann, dem dies zuzutrauen wäre, ist Luis Antonio Tagle aus Manila. Tagle gilt als „asiatischer Franziskus“, strahlt immer Fröhlichkeit aus, steht für den aufstrebenden asiatischen Katholizismus. Tagle hat ein Händchen für die Menschen, war lange Erzbischof von Manila. Franziskus holte ihn 2019 in den Vatikan als Chef der wichtigen Evangelisierungsbehörde. Tagle würde die Herzen der Gläubigen wohl im Sturm erobern, ist aber mit 67 Jahren noch sehr jung als neuer Papst. Das würde möglicherweise ein ungewünscht langes Pontifikat zur Folge haben. In dieser Hinsicht hat der Erzbischof von Barcelona, Juan José Omella, gute Chancen. Er ist bereits 79 Jahre alt, Mitglied im Kardinalsrat des Papstes und auf einer Linie mit Franziskus.

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