INTERVIEW

„Deutschland ist das Schlusslicht in Europa“

von Redaktion

Oliver Huizinga vom AOK-Bundesverband: Politik unternimmt zu wenig im Kampf gegen das Rauchen

München – Rauchen ist ein Risikofaktor für viele Erkrankungen. Trotzdem rauchen Millionen Deutsche. Was kann man dagegen tun? Der politische Handlungsbedarf sei groß, sagt Oliver Huizinga, Abteilungsleiter für Prävention im AOK-Bundesverband.

Herr Huizinga, wie hoch sind die Kosten, die Raucher den Krankenkassen verursachen?

Etwa 15 Prozent der Todesfälle sind auf das Rauchen zurückzuführen. Das verursacht nicht nur millionenfaches Leid, sondern auch enorme volkswirtschaftliche Kosten. Tabakkonsum ist Daten der Universität Hamburg zufolge mit etwa 97 Milliarden Euro jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Davon entfallen etwa 30 Milliarden auf die Behandlung tabakbedingter Krankheiten.

Für diese Kosten müssen auch Nichtraucher aufkommen. Finden Sie das fair?

Es ist Kern der Solidargemeinschaft, gesundheitliche Risiken auf viele Schultern zu verteilen. Und die Vermeidung des Rauchens ist bei Weitem nicht nur eine Frage der individuellen Verantwortung, sondern auch der politischen Rahmenbedingungen. Diese sind aktuell ungünstig, vor allem im Kinder- und Jugendschutz.

Was meinen Sie genau?

Der politische Handlungsbedarf hat viele Ebenen. Ein großes Problem sind die bunten Vapes beziehungsweise E-Zigaretten. Süße Aromen und bunte Verpackungen sowie Werbung durch Influencer machen die Produkte für junge Zielgruppen sehr attraktiv. Das ist fatal, denn Gewohnheiten prägen sich früh – und Vapes gelten als Einstieg ins Tabakrauchen. Zudem ist hierzulande sogar das Rauchen im Auto erlaubt, wenn Kinder dabei sind. Auch setzen wir Rauchverbote in Gesundheitseinrichtungen, Bahnhöfen oder Kneipen nur unzureichend um. Werbung für Nikotinprodukte mit Displays im Kiosk oder an Tankstellen ist ebenso Alltag wie die Produktplatzierung in der Kassenzone im Supermarkt. Nicht zuletzt ist die Tabaksteuer bei uns vergleichsweise niedrig.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?

Deutschland hinkt der internationalen Entwicklung weit hinterher. Auf der sogenannten Tabakkontrollskala, welche die Umsetzung empfohlener Maßnahmen bewertet, belegen wir den letzten Platz in der EU. Laut der Weltgesundheitsorganisation lagen die letzten Preiserhöhungen für Zigaretten unterhalb der Inflationsrate und haben das Rauchen nicht teurer, sondern billiger gemacht. Auch vor dem Hintergrund der hohen finanziellen Belastungen für die Sozialsysteme darf man schon die Frage stellen, warum die Politik den Ausbau sinnvoller Schutzmaßnahmen nicht stärker forciert.

Soll das Rauchen wie in anderen Ländern ganz verboten werden?

Staaten wie Großbritannien oder Neuseeland, in denen aktuell über tabakfreie Generationen diskutiert wird, haben vorher zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Im Vergleich dazu haben wir hierzulande zunächst noch erheblichen Nachholbedarf.

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