764 Zigaretten hat jeder Deutsche im Jahr 2023 statistisch gesehen konsumiert.
Verboten, aber im Trend: sogenannte Pouches. © pa
Die Sucht ist oftmals stärker: Noch immer raucht etwa ein Drittel der erwachsenen Bundesbürger. © imago
München – Der neue Suchtbericht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ist kein Ruhmesblatt. Etwa acht Millionen Deutsche sind suchtkrank. Illegale Drogen sind nur ein Problem. Alkohol und Nikotin heißen die anderen, die in Deutschland legal ein fast unbehelligtes Dasein fristen. Jeder Fünfte trinkt zu viel und noch immer rauchen mehr als 30 Prozent der Erwachsenen. War schon die Ampel quasi inaktiv, findet sich auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD nichts Erhellendes zum Thema Sucht. „Definitiv ausbaufähig“ nennt DHS-Chefin Christina Rummel das Papier.
Beim Thema Nikotin scheint Deutschland vordergründig auf einem guten Weg. Blickt man auf die klassische Zigarette, wird deutlich weniger geraucht als noch vor drei Jahrzehnten. Der Konsum ist von 146,5 Milliarden Stück im Jahr 1991 auf 64 Milliarden im Jahr 2023 gesunken. Gründe dafür gibt es viele: ein steigendes Gesundheitsbewusstsein, Warnhinweise auf den Schachteln, Werbeverbote, Steuererhöhungen. Seit 1989 wurde die Tabaksteuer mehr als 15 Mal erhöht, was dem Staat mehr als 14 Milliarden Euro im Jahr beschert. Nicht zu vergessen das 2007 eingeführte Rauchverbot in der Gastronomie.
Trotzdem werden im Schnitt jedes Jahr noch immer 764 Zigaretten pro Kopf (Stand 2023) konsumiert. Laut der DHS rauchten vergangenes Jahr mehr als 30 Prozent der Deutschen. Der regelmäßig durchgeführten DEBRA-Studie der Universität Düsseldorf zufolge hat sich die Zahl der Tabakraucher in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. In den Corona-Jahren rauchten zeitweise sogar gut 36 Prozent.
Außerdem hat die klassische Zigarette Konkurrenz bekommen. Vor allem bei jungen Erwachsenen sind elektrische Zigaretten und Vaporizer, kurz Vape, beliebt. Knapp fünf Prozent aller 18- bis 25-Jährigen konsumieren E-Zigaretten, die Zahl steigt seit Jahren an.
Rauchen ist die häufigste vermeidbare Todesursache – und kostet viel Geld. Die Krankheitskosten belaufen sich laut der Krankenversicherung DKV auf 20 Milliarden Euro pro Jahr, der AOK-Bundesverband spricht sogar von 30 Milliarden. Dazu kommen Schäden für die Wirtschaft, etwa durch Fehltage. Die DHS schätzt die volkswirtschaftlichen Folgekosten in ihrem aktuellen Bericht auf insgesamt 97 Milliarden Euro pro Jahr. Seit dem Rauchverbot in der Gastronomie hat der Staat außer Steuererhöhungen aber keine nennenswerten Maßnahmen mehr gegen Nikotinprodukte ergriffen.
Vietnam droht mit 15 Jahren Knast
Andere Länder sind aktiver. Großbritannien plant ein umfassendes Rauchverbot. Alle Jugendlichen, die nach 2009 geboren wurden, sollen weder Tabak noch E-Zigaretten kaufen dürfen – auf Lebenszeit. Ab 2027 soll das Mindestalter für den Kauf von Zigaretten jedes Jahr um ein Jahr angehoben werden. So soll eine ganze Generation rauchfrei werden. Auch Werbung und die Herstellung von E-Zigaretten sollen stärker reguliert werden.
Das italienische Mailand hat zum Jahreswechsel das Rauchen im öffentlichen Raum verboten. Es drohen Geldstrafen bis zu 240 Euro. Das Verbot gilt jedoch nicht für E-Zigaretten, und wer einen Mindestabstand von zehn Metern zu anderen Personen einhält, darf auch weiter qualmen.
In Vietnam sind seit 1. Januar E-Zigaretten verboten, Einfuhr und Konsum sind illegal. Sogar das Auswärtige Amt warnt vor der Einfuhr nach Vietnam. Es drohen bis zu 115 000 Euro Geldstrafe oder bis zu 15 Jahre Gefängnis. Auch Singapur, Thailand und die Malediven haben E-Zigaretten verbannt, ebenso seit 1. Januar Belgien – als erstes Land in Europa. Wegwerfprodukte wie Vapes, die einige hundert Züge halten und dann im Müll landen, würden Jugendliche zum Rauchen verleiten, erklärte der belgische Gesundheitsminister. In Deutschland gibt es solche Vorhaben derzeit nicht. E-Zigaretten gibt es für Volljährige überall: im Supermarkt, an Tankstellen oder im Internet.
Für eine Überraschung sorgte die Gemeinde Holzwickede bei Dortmund: Der Gemeinderat beschloss im Dezember ein Rauchverbot für kommunale Veranstaltungen. Ganz einmütig war das aber nicht. Die Gemeindeverwaltung äußerte Bedenken bezüglich der Umsetzung, auch die CDU wehrte sich. Vergeblich. Das Rauchverbot, teilte Bürgermeisterin Ulrike Drossel auf Anfrage mit, gelte für jegliche Art von Rauchwaren. Erstmals umgesetzt werden soll es beim Tanz in den Mai. Drossel selbst (unabhängiger Holzwickeder Bürgerblock) sprach von einer „zu weitgehenden weiteren Reglementierung der Bürger“.
Die EU-Kommission in Brüssel diskutierte zuletzt auch über ein Rauchverbot im Freien, im Parlament fand sich dafür aber keine Mehrheit. Es blieb bei der Empfehlung, die Nichtraucherzonen auf bestimmte Außenbereiche wie Spielplätze, Schwimmbäder oder Bahnhöfe auszudehnen.
Auch in Deutschland hapere es an politischen Mehrheiten, sagt Burkhard Blienert (SPD), der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen. „Wir hatten selbst in der Ampel keine Einigkeit, als es um das Rauchverbot im Auto ging, wenn Kinder und Schwangere mitfahren. Die FDP hat sich ja sogar öffentlich klar dagegen positioniert“, sagte Blienert unserer Zeitung. Auch in den Länderparlamenten fehle es an Mehrheiten, um die Empfehlungen aus Brüssel in den Bundesländern umzusetzen. Nichtraucherschutz sei weitgehend Ländersache. Deutschland unternehme viel zu wenig bei diesem Thema. Blienerts Forderungen: Schluss mit Werbung, mehr Hilfe beim Rauchausstieg, ein Verbot von Einweg-E-Zigaretten und ein konsequenterer Nichtraucherschutz besonders für Kinder. „Niemand will in Deutschland das Rauchen verbieten“, sagt der Suchtbeauftragte. „Aber dass auch 2025 noch in Tankstellen oder an Supermarktkassen mit bunten Werbebildern für Tabak- und E-Zigaretten geworben werden darf, das geht einfach nicht.“
Suchtforscherin für höhere Steuern
Auch Suchtforscherin Andrea Rabenstein beklagt die Omnipräsenz. „Vor allem die Einwegprodukte findet man überall“, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie der Tabakambulanz des LMU-Klinikums. Die Münchner Spezialambulanz hilft Menschen, die allein nicht mit dem Rauchen aufhören können. Rabenstein behandelt Schwerstabhängige, von denen manche kaum noch die Treppe in den ersten Stock schaffen.
„Wir stellen fest, dass Rauchen bei Jugendlichen wieder cool ist“, sagt Rabenstein. Viele langjährige Kettenraucher seien auf E-Zigaretten umgestiegen – im Glauben, damit gesünder zu leben. „Das Abhängigkeitspotenzial der Vapes ist aber ähnlich hoch wie bei normalen Zigaretten. Und viele konsumieren mehr, weil man beim Dampfen nicht vor die Tür gehen muss wie beim Rauchen.“ Zudem sei völlig unklar, welche Schäden E-Zigaretten in der Lunge anrichten.
Die Münchner Suchtmedizinerin fordert viel mehr Aufklärung an Schulen und in den Sozialen Medien. „Auf Instagram und TikTok gibt es Videos von Jugendlichen, die beim Dampfen dicke Rauchringe auspusten“, kritisiert Andrea Rabenstein. „Die Jugendlichen sehen das und finden das cool.“ Um dem entgegenzuwirken, betont sie, brauche es viel mehr Prävention. Deutschland sei das Schlusslicht in Europa. Rabenstein empfiehlt noch höhere Steuern auf Tabakprodukte. „Das bringt langfristig am meisten.“