ZUM KRIEGSENDE VOR 80 JAHREN

In nur 40 Tagen war Bayern befreit

von Redaktion

9. Mai: In voller Montur unterzeichnet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Berlin-Karlshorst die Kapitulation. © ullstein

Bayern besetzt: Soldaten der 101. US-Airborne Division fotografieren bei Berchtesgaden die Alpen. © Imago

München – Es ging am Ende Schlag auf Schlag: Erst am 25. März 1945 hatten die US-Truppen bei Aschaffenburg erstmals bayerischen Boden erobert. Knapp einen Monat später standen sie schon in Südbayern: Ulm fiel am 24. April, Regensburg am 26. April, Augsburg am 28. April. Nun ging es um München.

Der Stadt drohte wenige Tage vor Kriegsende ein blutiges Finale. Bereits am 21. April hatte NS-Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp den Oberkommandierenden der Wehrmacht, Albert Kesselring, in seinem Hauptquartier in Pullach aufgesucht, um ihn zur Aufgabe Münchens zu überreden. Doch Kesselring blieb stur, ordnete den Kampf bis zur letzten Patrone an. „Das heißt also weiterkämpfen“, soll Epp resigniert gesagt haben. Doch im Chaos der letzten Tage drangen die Durchhaltebefehle nicht mehr durch, selbst der Münchner Gauleiter Paul Giesler, der noch die Isarbrücken sprengen lassen wollte, flüchtete sich am 29. April nach Berchtesgaden (wo er sich wenige Tage später das Leben nahm). „Der Weg für die Amerikaner nach München war damit frei“, schreibt der Historiker Walter Ziegler. Im Gegensatz zu Aschaffenburg, wo eine Woche verbissen gekämpft wurde, im Gegensatz auch zu Nürnberg, wo Fanatiker um den Gauleiter Karl Holz bis zum eigenen Tod kämpften, blieb München ein mörderischer Häuserkampf erspart. Am 30. April marschierte die US-Armee kampflos ein.

320 000 gefallene Soldaten aus Bayern

Ein kritischer Moment war insbesondere das Hissen einer weißen Fahne als Symbol für die kampflose Übergabe des Ortes. In Allershausen bei Freising ging es Schlag auf Schlag. Um 8.15 Uhr rückte die SS-Division „Götz von Berlichingen“ aus dem Dorf ab, 20 Minuten später hing die weiße Fahne am Kirchturm, noch einmal zehn Minuten danach erschienen die Amerikaner. Nicht weit entfernt, in Sittenbach (Kreis Dachau), erlebte Albert Edelmann Folgendes: „Auf einmal hieß es: Panzer kommen über die Felder von Sixtnitgern her auf Sittenbach zugefahren.“ Von seiner Dachkammer aus sah er einen Panzer. „Da krachte es auch schon zwei Mal hintereinander, und es splitterte und zischte um meinen Kopf herum.“ Blitzschnell steckte der Bub aus dem Fenster ein Bettlaken auf dem Schrubber hinaus. „Nun schien der Amerikaner beruhigt zu sein.“

Auch der Architekt Georg Maria Kronenbitter aus Kottgeisering im westlichen Landkreis Fürstenfeldbruck hatte sein Erlebnis: „Es ist neun Uhr durch, da heißt es, von Pleitmannswang kommen die Panzer!“, schrieb er am 29. April in sein Tagebuch. „Was werden es sein: Gaullistische Truppen oder Amerikaner? Vom Kirchturm weht bereits die weiße Fahne und schon rattern die ersten Panzer zum Dorf hinaus nach Grafrath. Mächtige Kolosse.“ Wenig später explodiert etwas: „Eine dicke schwarze Rauchwolke steht über der Grafrather Brücke, die in die Luft ging.“ In Kolbermoor musste der Chef einer Baumwollspinnerei mitansehen, wie sein Betrieb geplündert wurde. „Die allgemeine Unsicherheit, besonders den Ausländern gegenüber, besteht weiter und die ganze Bevölkerung ist dem hemmungslosen Wüten dieser Menschen schutzlos preisgegeben“, wetterte er.

Bei dieser Einschätzung wurde natürlich vorangegangenes Leid der Zwangsarbeiter außer Acht gelassen, die ja nicht freiwillig in Bayern waren, die schikaniert, ausgebeutet, ja bei geringsten Vergehen hingerichtet worden waren. Aber dieses subjektive Empfinden der Schutzlosigkeit in der sogenannten Niemandszeit – in der deutsche Soldaten oder Polizei ausgeschaltet waren, die Amerikaner indes noch nicht voll die Kontrolle ausübten – war verbreitet. Mitten in diese Phase der Unsicherheit platzten am 27. April Nachrichten über die „Freiheits- und Aufbau-Aktion Bayern“ unter dem Hauptmann Rupprecht Gerngross, der über den Sender Freimann zur Befreiung Bayerns aufrief. Die NS-Führung schlug das nieder – allein in der Bergarbeiterstadt Penzberg ermordeten Fanatiker 16 Einheimische. Von innen, durch einen Aufstand, war das NS-Regime auch in seinen letzten Tagen nicht zu stürzen. Das schaffte nur die militärische Übermacht der Amerikaner.

Der Historiker Ian Kershaw hat dazu folgende Rechnung aufgemacht: Wäre das Regime nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zusammengebrochen, „hätten nur halb so viele deutsche Soldaten ihr Leben auf dem Schlachtfeld lassen müssen.“ so aber schossen die Totenziffern am Ende noch einmal in die Höhe. Die Bilanz: 5,3 der 18 Millionen Wehrmachts-Soldaten starben – fast jeder Dritte. 320 000 stammten aus Bayern. Hinzu kamen 500 000 tote Zivilisten (33 600 aus Bayern) und natürlich die Millionen zählenden Opfer des Terrors: Juden, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge. Erst am 1. Mai erreichten US-Einheiten, die zuvor das Grauen im KZ Dachau gesehen hatten (befreit am 29. April), KZ-Häftlinge, die auf dem Todesmarsch über 50 Kilometer weit getrieben worden waren. Die unvorstellbaren Grausamkeiten bewegten noch 50 Jahre später Clarence Matsumura, einen US-Veteranen japanischer Herkunft, der beschrieb, wie er mit seiner Einheit bei Waakirchen die KZ-Häftlinge erreichte. An den Füßen, so erinnerte sich Matsumura, hatten die Elendsgestalten nur Lumpen oder Holzschuhe – trotz Schneefalls.

Anderswo gingen die Kämpfe sogar in den ersten Maitagen noch weiter. Am 3. Mai sprengte ein SS-Trupp in Schneizlreuth die Saalach-Brücke – genau in dem Moment, als der Bürgermeister mit einer weißen Fahne den Amerikanern entgegenging. Er starb. Am 4. Mai erreichten die Amerikaner Berchtesgaden und erst am 5. Mai das Dorf Kreuth – womit nun endlich ganz Bayern besetzt war. Und das in nur 40 Tagen.

Für den damals fünfjährigen Heinrich Aumüller war die Ankunft der Amerikaner ein beeindruckendes Erlebnis. Der Münchner Bub war seit 1943 mit seiner Mutter evakuiert und wohnte nun im Schulhaus des Dorfes Vogling bei Siegsdorf. „Die ersten Amerikaner habe ich gegrüßt, wie ich’s vom Oberlehrer Brandner, der ein Nazi war, gelernt hatte: ,Heil Hitler‘“. Zum Glück für Aumüller haben die Amerikaner „nur gelacht und einen Sack mit Bonbons hingestellt. Ich durfte mit vollen Händen zulangen.“

Am 8. Mai ist der Krieg endgültig vorbei

Mit dem Einzug der Amerikaner begann eine neue Zeit, mischten sich Gefühle von Erleichterung über die Befreiung vom Nazijoch mit Befürchtungen über eine ungewisse Zukunft. Auch das Verhalten der Besatzungstruppe variierte von Ort zu Ort. Es gab auch Übergriffe, Vergewaltigungen, auch vereinzelt Exzesstaten wie die Erschießung von acht Gendarmerie- bzw. Waffen-SS-Angehörigen in Oberpframmern bei Ebersberg. Aber die überwiegende Mehrheit der US-Einheiten verhielt sich der Ortsbevölkerung gegenüber aufgeschlossen, ja freundlich.

Einschneidend war lediglich, dass die Amerikaner oft Wohnungen im Dorf beschlagnahmten. Auch die Familie von Albert Edelmann in Sittenbach musste raus. Als er dann nach etlichen Tagen wieder ins Haus kam, stellte er fest, dass sein Bett entzwei war – wahrscheinlich zusammengebrochen unter der Last eines amerikanischen GI. Wiltrud Angerer aus München, damals 14, war mit einem Gerücht konfrontiert: „Eine Frau riet meiner Mutter, sie solle mein Gesicht mit schwarzer Schuhcreme verschmieren, da alle hübschen Mädchen von den amerikanischen Soldaten vergewaltigt würden.“ Wiltrud weigerte sich – und nichts passierte ihr.

Fernab, im Hauptquartier der sowjetischen Armee in Berlin-Karlshorst, unterzeichnete am frühen 9. Mai um Viertel vor eins ein nervöser Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulationsurkunde in fünffacher Ausfertigung – nachdem Generaloberst Jodl schon im französischen Reims am 7. Mai offiziell die Waffen gestreckt hatte. Die Kapitulationsurkunde wurde dann auf den 8. Mai datiert – der Krieg war offiziell zu Ende.

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