Merz‘ Ministerriege: Der Bald-Kanzler hat gestern seine Kabinettsliste vorgestellt. © Kay Nietfeld/dpa
Katherina Reiche (Wirtschaft): Die Älteren erinnern sich – 2002 berief Edmund Stoiber eine junge Frau aus Brandenburg als Familienexpertin in sein Wahlkampfteam. Aus dieser Zeit kennt Merz Katherina Reiche gut. Stoiber verlor, aber Reiche machte Karriere als Staatssekretärin, erst für Umwelt (2009-2013), dann für Verkehr (2013-2015). Anschließend verließ sie die Politik und ging als Hauptgeschäftsführerin zum Verband kommunaler Unternehmen. 2020 übernahm die ehrgeizige Konservative die Geschäftsführung der Westenergie GmbH in Essen, die gut 10000 Mitarbeiter hat. Damit bringt Reiche, deren Berufung niemand erwartet hat, genau jene Praxiserfahrung mit, die sich die Wirtschaft nach Robert Habeck wünscht. Auch eine Überraschung: Die 51-jährige dreifache Mutter ist mit dem früheren Verteidigungs- sowie Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg liiert. Das haben die beiden gestern über ihren Anwalt bekannt gegeben.
Alexander Dobrindt (Innen): Der 54-Jährige ist schon lange der starke Mann der CSU in Berlin. Von 2013 bis 2017 fungierte er bereits als Verkehrsminister, wobei sich die von der CSU ersonnene Pkw-Maut dabei eher als Mühlstein entpuppte. Danach wurde er Chef der Landesgruppe und spielte in dieser Funktion seine Qualitäten als Stratege und Verhandler hinter verschlossenen Türen aus. Im Innenministerium dürfte er seinen Ruf als Konservativer untermauern. „Wir werden einen guten Übergang organisieren“, verspricht Vorgängerin Nancy Faeser. Mit Frau und Sohn wohnt Dobrindt in Peißenberg bei Weilheim.
Johann Wadephul (Außen) ist ein Kind der Küste: Der 62-Jährige kommt aus Husum an der Nordsee. Wadephul (ausgesprochen: Wadeful) trat mit 19 bei der JU in Schleswig-Holstein ein – zur selben Zeit begann er, als Zeitsoldat zu dienen. Heute ist er Oberstleutnant der Reserve. Der Fachanwalt für Medien- und Sozialrecht interessiert sich schon lange für Außenpolitik; deshalb gab er vor 17 Jahren seinen Fraktionsvorsitz im Kieler Landtag ab, um nach Berlin zu wechseln – er wollte als Abgeordneter seinen „Horizont erweitern“. Dort nahm die Karriere des verheirateten Vaters dreier Kinder Fahrt auf: 2017 wurde er Vizechef der Unionsfraktion mit Schwerpunkt Verteidigung, Außen- und Sicherheitspolitik. Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte er aber bislang nur, weil er Anfang des Jahres auf den Fake-Anruf russischer Komiker reinfiel und mit ihnen über Taurus sprach.
Thorsten Frei (Kanzleramtschef) verfolgt einen klassischen Weg auf der politischen Karriereleiter. Bereits seine Vorgänger wurden vom Parlamentsgeschäftsführer (PGF) der Unionsfraktion zur rechten Hand des Kanzlers befördert. Als PGF zieht der 51-jährige Schwarzwälder schon jetzt die Fäden im Hintergrund: organisiert, verhandelt, vermittelt. Regelmäßig gewährte er der Hauptstadtpresse beim Frühstück umfangreiche Einblicke in die Oppositionsarbeit der Union. Stets im Fokus: Innen-, Migrations- und Sicherheitspolitik. Innerhalb von drei Jahren hat sich Frei so zum engen Merz-Vertrauten gemausert. Dabei wechselte der gelernte Jurist erst 2013 nach Berlin – auch nur, nachdem ihm mehrfach eine Kandidatur angeboten worden war. Doch Frei wollte damals lieber noch Oberbürgermeister von Donaueschingen bleiben. Daran erinnert sein unverwechselbarer badischer Dialekt.
Nina Warken (Gesundheit): Die 45-Jährige übernimmt ein schwieriges Ministerium, das wegen der starken Lobby-Verbände von Ärzten, Pharmaindustrie und Apothekern im Feuer steht. Die bisherige Generalsekretärin der CDU Baden-Württemberg sitzt seit 2013 im Bundestag und war seit 2021 Fraktions-Geschäftsführerin. Die Rechtsanwältin aus Tauberbischofsheim war bislang auf Innenpolitik spezialisiert. Einziger Berührungspunkt mit der Gesundheitspolitik in ihrem Lebenslauf war 2021 die Mitgliedschaft im Parlamentarischen Begleitgremium zur Corona-Pandemie. Der ursprünglich als Nachfolger von Karl Lauterbach (SPD) gehandelte gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge, wird Staatssekretär. Die 45-jährige Hobby-Tennisspielerin ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.
Alois Rainer (Agrar und Heimat): Politische Grundregel: Selbst die knappste Entscheidung muss hinterher klingen wie eine lang gehegte Strategie. Also sagt Markus Söder: „Auf den grünen Vegetarier Özdemir folgt der schwarze Metzger Rainer.“ Nun, der Metzgermeister Alois Georg Josef Rainer aus Straubing, Meisterprüfung 1986, war nicht erste Wahl. Erst nach Günther Felßner und Michaela Kaniber kam der 60-Jährige ins Spiel. Der Familienvater ist erfahrener Parlamentarier, seit 2013, war zuvor lange Bürgermeister. Im Bundestag, wo er beliebt ist und als gesellig gilt, kümmerte er sich um Agrar- und Finanzpolitik, bei ersterem wird ihm gute Sachkunde nachgesagt. Ob er die Führung eines Ministeriums, das über Nacht in Riesenkrisen schleudern kann, im Kreuz hat, debattieren Parteifreunde. „Er ist normal – das tut uns gut“, sagt einer, der ihn gut kennt. Für ihn spricht: Er kommt aus einer Profi-Polit-Familie. Schwester: Ex-Ministerin Gerda Hasselfeldt. Vater Alois, Landwirt und ebenfalls Metzger, saß fast 30 Jahre in Land- und Bundestag.
Dorothee Bär (Forschung, Technologie, Raumfahrt) verantwortet erstmals ein eigenes Ministerium. Doch eine Newcomerin ist sie nicht. Die 47-jährige Unterfränkin sitzt seit fast 23 Jahren im Bundestag, sahnte bei der letzten Wahl den Titel Erststimmenkönigin (Wahlkreis Bad Kissingen) ab. Als Staatsministerin für Digitalisierung von 2018 bis 2021 wurde sie bekannter. Bär, verheiratet, Mutter von drei Kindern, nennt sich „Gamerin“, setzt sich für Frauenrechte ein und ist seit 2021 Vize-Fraktionsvorsitzende für Familie und Kultur. In der Unionsspitze genießt sie hohen Stellenwert, für Kollegen ist sie die „Doro“. In den Koalitionsgesprächen verhandelt Bär als einzige CSU-Frau in der übergeordneten 19er-Gruppe mit. Jetzt bekommt sie ein Milliarden-Ministerium, das den Fokus nun auch auf Raumfahrt setzt. Und Schwarz-Rot hat große All-Ambitionen.
Patrick Schnieder (Verkehr): Dieser CDU-Mann aus der Eifel überragt sogar Friedrich Merz – zumindest körperlich. 2,02 Meter misst Patrick Schnieder, weshalb er sich augenzwinkernd als „Eifelturm“ bezeichnet. Als Verkehrsminister muss der 56-Jährige nun auch politisch über sich hinauswachsen. Er hat eine Schlüsselrolle beim Verteilen des milliardenschweren Sondervermögens für Infrastruktur. Der „Eifelturm“ bringt Erfahrung mit: Von 2009 bis 2021 saß er im Verkehrsausschuss. Bevor er 2009 Parlamentarier wurde, war Schnieder fast zehn Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Arzfeld. In Rheinland-Pfalz stand der Jurist jedoch politisch bislang im Schatten seines Bruders Gordon Schnieder, der Vorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz und Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2026 ist.
Karin Prien (Familie und Bildung) ist bereits seit 2017 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein und seit 2021 CDU-Vize im Bund. Die 59-Jährige gilt als liberale Kraft innerhalb der CDU-Mitte, arrangierte sich aber mit Merz. Prien wurde in Amsterdam geboren. Nach ihrem Abitur in Rheinland-Pfalz studierte sie Rechts- und Politikwissenschaften in Bonn. Da sie jüdische Vorfahren hat, flüchtete Priens Familie während des Zweiten Weltkriegs in die Niederlande. Ihre Familiengeschichte machte die Politikerin erst 2016 öffentlich. Seit 2018 ist sie Sprecherin des Jüdischen Forums der CDU. Karin Prien ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.
KarstenWildberger (Digitales): Von der Konzernspitze ins Kabinett wechselt der künftige Bundesminister für Digitales. Wildberger, 55, ist seit 2021 Chef der Ceconomy AG, zu der Mediamarkt und Saturn gehören, 50 000 Mitarbeiter. Diese Aufgabe (und das Jahresgehalt von 2,8 Millionen Euro!) gibt er zum 5. Mai ab – am 6. Mai ist Merz‘ Kanzlerwahl. Führungspositionen hatte Wildberger auch bei T-Mobile und Vodafone. Beim Energiekonzern Eon war er im Vorstand den digitalen Wandel zuständig. Er bringt also Praxiserfahrung aus der Privatwirtschaft mit. Politische Erfahrung hat der promovierte Physiker, der aus Gießen stammt, jedoch kaum. Er ist Vizepräsident im „Wirtschaftsrat der CDU“, der formal aber kein Teil der Partei ist. Deshalb sollen die erfahrenen CDU-Abgeordneten Philipp Amthor und Thomas Jarzombek dem Neuling als Staatssekretäre unter die Arme greifen – auch bei der zweiten großen Aufgabe des neuen Ministeriums, der „Staatsmodernisierung“.
Wolfram Weimer (Kultur) war Chefredakteur der „Welt“, der „Berliner Morgenpost“ und des „Focus“, gründete das Magazin „Cicero“. Mit seinem Unternehmen Weimer Media Group ist er Verleger von Publikationen wie „Business Punk“ und „Wirtschaftskurier“. Mit Kulturthemen ist der als konservativ geltende 60-Jährige noch nicht aufgefallen. Die Benennung kommt überraschend, zumal Weimer noch nie ein politisches Amt hatte. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, ist angeblich Opernfan und Klavierspieler und wohnt am Tegernsee. Dort hat auch Merz ein Domizil. Und dort läuft auch jedes Jahr ein großer Polit-Gipfel, den Weimers Leute organisieren. Stammgast: Merz, übrigens in einer Woche wieder.
Florian Hahn (Staatsminister im Außenamt): Ein Mini-Außenminister – so feiert die CSU den Posten eines „Staatsministers“ (eine Art Staatssekretär). Hahn aus dem Landkreis München (Putzbrunn/Ottobrunn) stand seit Tagen dafür fest. Der 51-Jährige, getrennt, zwei Kinder, zählt zum weiteren Söder-Umfeld. Um Verteidigungs- und Außenpolitik kümmert er sich intensiv, ist als Soldat der Reserve gut vernetzt in der Truppe und der Industrie. Besseres Englisch könne/müsse man lernen, aber die Kontakte unter anderem zu US-Republikanern, die hart konservative Grundhaltung und das tiefe Interesse seien ein großer Gewinn, heißt es in der CSU.
Weitere Staatsminister/-sekretäre: Christiane Schenderlein (Sport), Michael Meister (Bund/Länder), Serap Güler und Gunther Krichbaum (Außen), Daniela Ludwig (Innen), Gitta Connemann, Stefan Rouenhoff (Wirtschaft), Georg Kippels und Tino Sorge (Gesundheit), Mareike Wulf und Michael Brand (Bildung), Christian Hirte und Ulrich Lange (Verkehr), Silvia Breher und Martina Englhardt-Kopf (Agrar), Silke Launert und Matthias Hauer (Forschung).
MIK/CD/KAB/HUD/KR/SBE/FWE