Kohle, Wasser- und Atomkraft: ein Blick in andere Länder

von Redaktion

München – Klimaneutralität wollen die meisten Industrieländer. Eine Blaupause für Deutschland gebe es zwar nicht, sagt Marktexperte Tobias Federico, „aber ich würde mir das Beste aus anderen Ländern heraussuchen“.

■ Norwegen

Nordnorwegen hat den günstigsten und grünsten Strom Europas. Das Land kann sich zu 90 Prozent mit Wasserkraft versorgen. Deutschland fehlt es dafür an Bergen. 25 Prozent des Ausbaus von Wind- und Solarkraft könnten aber ohne Subventionen stattfinden, „falls es Staatsgarantien gibt“, wie Bernd Weber von Epico erklärt. „Norwegen vergibt solche Garantien, um Ausfallrisiken für die Betreiber zu senken“. Der Staat garantiert also die Stromabnahme. Vor allem kleine Unternehmen könnten so günstiger Windstrom direkt beim Betreiber kaufen, weil der keine Risikoaufschläge verlangen muss. „Und der Staat spart sich die Förderung.“

■ Frankreich

Frankreich verkauft den Strom aus seinen alten AKW in einem subventionierten Tarif, deutlich unter den Marktpreisen. Der Strommix besteht daneben aus Wasser- und Windkraft, ist viel CO2-ärmer als in Deutschland. Der frei gehandelte Strom kostete die letzten Jahre etwa so viel wie in Deutschland. Federico sieht aber einen Vorteil: „Frankreich setzt auf zentrale Großkraftwerke. Dadurch müssen sie kaum Netze ausbauen und sparen.“ Das könne in Deutschland auch funktionieren: Zentralisierung auf Offshore-Wind und Braunkohle-Kraftwerke mit Kohlenstoffabscheidung.

■ Polen

Polen hat viele Braunkohlekraftwerke. Wegen des CO2-Preises ist der Strom teurer als in Deutschland. Dafür biete die – auch in Deutschland vorhandene – Braunkohle Energiesicherheit, sagt Federico. Polen wolle unter anderem auf CO2-Abscheidung (CCS) an Kohlekraftwerken setzen. Die Abscheidung machen den Strom zwar teurer, „er wäre aber immer noch günstiger als Erdgas mit CO2-Kosten.“ Union und SPD wollen am Kohleausstieg festhalten und dafür CCS an Gaskraftwerken. Hier gilt sie wegen der geringen CO2-Dichte aber als extrem teuer.

■ Schweden

Schweden hat wie Norwegen viel Wasserkraft. Dazu kommt Kernenergie. Der Strommix ist klimafreundlich und günstig. Federico ist gespalten: „Was Klimaschutz und Energieunabhängigkeit angeht, macht Kernenergie Sinn. Wir haben aber auch gesehen, dass sie als Großkraftwerke zu teuer sind.“ Wie wirtschaftlich die kleinen Reaktoren (SMR) sind, die viele Länder gerade entwickeln, müsse man abwarten.

■ Skandinavien gesamt

Schweden, Norwegen und Dänemark haben mehrere Strompreiszonen, um realistische Marktpreise bilden zu können. Das wäre in Deutschland auch nötig, sagt Wissenschaftler Andreas Löschel: „Die Stromerzeugung zwischen Nord- und Süddeutschland fällt in zahlreichen Stunden physisch auseinander.“ Weil der Strom zwischen Nord und Süd mangels Leitungen nicht frei fließen kann, gebe es Fehlanreize: „Es kann durchaus passieren, dass ein teures Gaskraftwerk in Bayern hochfährt, um etwa einen Batteriespeicher zu laden, der sein niedriges Preissignal im Kern von den norddeutschen Windparks bekommen hat.“ Bayerns Wirtschaft wehrt sich gegen eine Marktteilung, weil sie höhere Strompreise fürchtet. Löschel schlägt einen Ausgleich vor: „Die Unterschiede im durchschnittlichen Strompreis lägen wohl bei deutlich unter einem Cent pro Kilowattstunde. Die Effizienzgewinne wären so groß, dass man damit auch die süddeutsche Industrie entlasten könnte.“
MAS

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