Ein Rucksack voll wichtiger Dinge, zum Beispiel Handschuhe und Stirnband. © mw
Planung ist alles: Eine Wander-App erhöht zusätzlich die Sicherheit. © imago
Zu Hause prüfen: Wenn am Berg die Sohle abgeht, ist das ein Problem. © imago
Vorher informieren: Auf eisige Schneefelder sind Wanderer oft nicht vorbereitet. © imago
Bergführer Reiner Taglinger ist ein Profi, genau deswegen achtet er auf eine perfekte Vorbereitung. © Max Wochinger
Oberstdorf – Samstag, 22. März: Die Bergwacht Oberstdorf muss fünf Studenten aus einer Steilpassage am Entschenkopf in den Allgäuer Alpen retten. Sie hatten die winterlichen Bedingungen unterschätzt. Donnerstag, 17. April: Eine Familie kommt am Zwölferköpfl im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen weit vom Wanderweg ab. Die Bergwacht Oberau muss sie mit zehn Einsatzkräften aus einem steilen Gelände ins Tal führen. Zwei Einsätze, aber keine Einzelfälle: Immer wieder muss die Bergwacht ausrücken, weil Wanderer schlecht auf die Bergtouren vorbereitet sind. „Besonders im Frühjahr kommt es häufig zu solchen Notfällen“, sagt Bergführer Reiner Taglinger (56). Dabei lassen sie sich leicht vermeiden – mit der richtigen Vorbereitung auf die Bergtour.
Funktionskleidung, Rucksack, Stöcke: Reiner Taglinger sieht aus wie die meisten Wanderer, die an diesem Tag auf den Wank bei Garmisch-Partenkirchen steigen. Was den Österreicher aber von den anderen unterscheidet, ist seine Erfahrung: Seit 35 Jahren erklimmt er als staatlich geprüfter Berg- und Skiführer die Berge dieser Welt. Gerade ist er von einer Reise aus dem Himalaya nach Reutte an der deutsch-österreichischen Grenze zurückgekehrt. Der Ausbildungsleiter beim Verband Deutscher Berg- und Skiführer weiß, wie man sich richtig auf eine Bergtour vorbereitet und was viele Wanderer falsch machen.
■ Altschneefelder
„Gerade im Frühjahr unterschätzen viele die Gefahr von Altschneefeldern“, sagt er. „Wenn die Leute in München losfahren, ist es dort sommerlich warm. An Schnee denkt da niemand.“ In den Bergen stehe man aber schnell bis zu den Knien im Desaster. „Auf den Schneefeldern kann man schnell ausrutschen. So kann ein Ausflug in die Berge auch tödlich enden.“
■ Schuhwerk checken
Ein weiterer Fehler, der oft gemacht werde, sei die mangelnde Kontrolle der Ausrüstung: „Ich beobachte immer wieder, dass die Leute im Frühjahr ihre Schuhe aus dem Keller holen und sich nach ein paar Höhenmetern am Berg die Sohle ablöst“, sagt Taglinger. Grund dafür seien die Weichmacher, die sich bei falscher Lagerung auflösen. Der Schuh-Check zu Hause ist wichtig – und verhindert böse Überraschungen im gefährlichen Gelände.
■ Falsche Tourenplanung
Mehr als 3300 Mal musste die Bergwacht in Bayern in der vergangenen Sommersaison ausrücken. Über die Hälfte der Einsätze ging auf das Konto von in Not geratenen Wanderern: Fast 1800 Einsätze registrierte die Bergwacht in diesem Bereich. Immer öfter müsse man wegen mangelnder Tourenplanung und Unkenntnis der Wanderer zu Hilfe eilen, teilte die Bergwacht in Oberstdorf im November mit. In nur einem Monat im vergangenen Jahr musste sie deshalb in ihrem Einsatzgebiet 15 Mal ausrücken.
Wanderer würden oft ungeeignete Routen wählen und sich in den Bergen verirren: Genau diese Fehlentscheidungen hätten in den vergangenen Jahren stark zugenommen, so die Bergwacht. „Auch benachbarte Rettungsorganisationen aus Österreich melden seit Jahren steigende Zahlen an Einsätzen durch Erschöpfte, Verstiegene, falsch ausgerüstete oder unerfahrene Bergsteiger und Wanderer“, ärgern sich die Retter auf ihrer Internetseite.
■ Plötzliche Dunkelheit
Besonders die Einsätze mit der Meldung „von plötzlicher Dunkelheit überrascht“ nehmen zu. So mussten die Bergretter im vergangenen Sommer zwei Pärchen im Bereich des Krumbacher Höhenweges im Oberallgäu aus brusthohem Schnee retten. Wenige Tage nach dem Einsatz wurde die Rettung erneut alarmiert, weil zwei junge Wanderer am Geißfuß nahe Oberstdorf eine vermeintliche Abkürzung durch wegloses Gelände nahmen. „Die zwei wurden zum einen von der Dunkelheit und zum anderen von steilen Felsabbrüchen überrascht“, so die Bergretter.
■ Sich selbst einschätzen
Eine Tour in den Bergen sollte den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen entsprechend geplant werden. Auch die vorherrschenden Temperaturen und mögliche Schneevorkommen sollten berücksichtigt werden, warnen die Bergretter. „Maßgeblich sind hierbei eine vernünftige Selbsteinschätzung und die Bereitschaft, sich insbesondere als Neuling im Gebirge langsam an die Materie heranzutasten.”
■ Die richtigen Fragen
Doch wie bereite ich mich richtig auf eine Bergtour vor? „Bevor ich mir eine Route aussuche, muss ich mir wichtige Fragen stellen“, sagt Bergprofi Reiner Taglinger. „Wie viele Stunden soll die Tour dauern? Will ich in einer Berghütte einkehren? Wie viele Höhenmeter schaffe ich? Im Durchschnitt schafft ein Wanderer 400 Höhenmeter pro Stunde.” Man müsse sich langsam an den Bergsport heranwagen.
■ Gute Apps nutzen
Für die Suche nach einer geeigneten Route empfiehlt Taglinger die App von Outdooractive. Mit ihr kann man Routen planen und Karten herunterladen. Einfach die Navigation anschalten und losgehen sollte man aber nicht: „Man sollte schon wissen, wo man sich aufhält und wie die Strecke verläuft.” Immerhin gebe es erstaunlich viele Flecken in den Alpen ohne Netzempfang, sagt Taglinger.
■ Der Wetterbericht
Zur Planung gehöre auch ein Blick auf den Wetterbericht, sagt der Bergsportler. „Dafür kann man den Wetterbericht des Deutschen Alpenvereins nutzen. Man kann auch die Bilder und Videos von den Webcams in den Bergen anschauen. Dort sieht man, ob und wie viel Schnee oben liegt.“ Zudem sollte man auf die Temperaturen achten: Besonders im Sommer gilt es, die Mittagssonne zu vermeiden. „Besser ist es, früh loszustarten“, rät Taglinger.
■ Die Ausrüstung
Ist die passende Tour gefunden, geht es an die Ausrüstung, allem voran die Schuhe. Der Bergführer empfiehlt knöchelhohe Wanderschuhe; die sorgen für einen sicheren Tritt und halten zudem die Füße trocken. Der Nachteil: Sie sind schwerer als Halbschuhe.
Zur Ausrüstung gehören auch Wanderstöcke, sagt der Bergprofi. „Die entlasten vor allem beim Heruntergehen die Knie.“ Taglinger hat seine Teleskop-Stöcke immer griffbereit im Rucksack. Der sollte um die 20 Liter Fassungsvermögen haben, sagt er. So haben auch Sonnencreme, Trinkflasche, Energieriegel, Handschuhe und Stirnband sowie eine lange Hose zum Überziehen Platz. Bei jeder Tour hat er die Produkte im Rucksack.
■ Langsam statt Vollgas
Am Berg sollte man langsam losstarten – und nicht gleich Vollgas geben, sagt Taglinger. „Ich mache immer den Vergleich zum Auto: Den Motor lässt man auch erst warmlaufen, bevor man aufs Gaspedal tritt.“ Und noch ein Tipp vom Profi: Nicht große, sondern kontrollierte und kleine Schritte machen. „Es heißt ja: Ein kleiner Schritt hält länger fit.“