Bonn – Er ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit, ein Warner und Lösungssucher: Hans Joachim Schellnhuber kämpft seit Jahrzehnten für echten Klimaschutz. Nun wird er 75.
„Einen Klimawandel, der gravierende Auswirkungen hat, können wir nicht mehr abwenden“ – diese deutlichen Worte sagte Hans Joachim Schellnhuber 2022. Schellnhuber ist nicht nur einer der weltweit führenden Klimaforscher, sondern auch ein Mahner und Lösungssucher. „Es ist unsere Pflicht, die Fakten wiederzugeben“, so begründete der Wissenschaftler diesen Einsatz in der „Süddeutschen Zeitung“ Anfang dieses Jahres. Mit „Alarmismus“ habe das wenig zu tun. „John“ Schellnhuber gilt als Begründer und Vordenker der interdisziplinären Klima- und Klimafolgenforschung – am 7. Juni wird er 75 Jahre alt.
1992 gründete der gebürtige Bayer das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das er bis 2018 selbst leitete. Im selben Jahr fand in Rio de Janeiro der Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung statt; 154 Staaten unterzeichneten dabei erstmals die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen. Ziel der Vereinbarung: die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen. 1994 trat sie in Kraft. 2015 einigten sich dann 195 Staaten – unverbindlich – im Pariser Klimaabkommen darauf, den weltweiten Temperaturanstieg möglichst auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken.
Zehn Jahre später befürchtet Schellnhuber allerdings, dass die 2-Grad-Grenze überschritten wird. Hoffnung liege aber darin, „dass wir diesen Übertritt so niedrig und so kurz wie möglich halten“, wie er dem „Vorarlberger Kirchenblatt“ zuletzt erklärte. In den 1990er-Jahren hätte man den Klimawandel noch durch eine bloße Reduktion des CO2- Ausstoßes stoppen können. Doch 30 Jahre kaum gebremste Emissionen hätten die Welt an den Punkt geführt, „an dem wir nicht nur den Ausstoß so rasch wie möglich auf null senken, sondern auch aktiv CO2 aus der Atmosphäre entfernen müssen“.
Der Wissenschaftler, der jahrelang als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats die Bundesregierung in Klimafragen beriet, hat das gemeinnützige Unternehmen „Bauhaus Erde“ gegründet. Denn laut Schellnhuber hält die Bau- und Immobilienbranche einen riesigen Hebel für den Klimaschutz in den Händen. Die Branche könne „vor allem in Verbindung mit einer nachhaltigen Waldwirtschaft entscheidend zum Klimaschutz beitragen.“ Der entscheidende Punkt sei, Baumaterialien wie Stahl, Beton, Aluminium und Kunststoffe, die in ihrer Produktion enorme Mengen Kohlenstoffdioxid verursachen, durch nachwachsende Materialien wie Holz, Bambus oder Hanf zu ersetzen.
Ansonsten wird es aber ungemütlich, prognostiziert der Klimaforscher: Bei mehr als zwei Grad Erwärmung erreiche die Menschheit die Zone diverser Kipppunkte. „Es wird keinen Knall geben, mit dem unsere Welt, wie wir sie kennen, enden wird. Aber es wird eine sehr ungemütliche Welt sein, deren Weiterentwicklung sich nicht mehr linear voraussagen lässt.“
HANNAH SCHMITZ