Nach dem Gletschersturz droht eine Flutwelle

von Redaktion

Wenige Tage zuvor: Es rumort schon, aber noch hält der Gletscher. © dpa

Matthias Bellwald sprach den Menschen Mut zu. © Blick

Eine gewaltige Staubwolke stieg nach dem Aufprall der Lawine im Lötschental benachbarte Hänge hoch. © ARD

Blatten am 18. Mai vor der Katastrophe: Ein beschaulicher Ort in den Schweizer Alpen. © Jean-christophe Bott/dpa

Blatten nach der Katastrophe: Das Dorf ist nahezu verschwunden, viele der wenigen verschonten Häuser sind vom aufgestauten Fluss überflutet. © Jean-christophe Bott/dpa

… und begraben das Dorf Blatten unter sich. © Youtube

… arbeiten sich donnernd die Rinne hinab …

Mittwoch, 15.30 Uhr: Millionen Tonnen Schutt und Eis …

Blatten – Es ist gegen 15.30 Uhr, als den Birchgletscher die Kraft verlässt. Seit Tagen hat das bröckelnde Kleine Nesthorn, ein 3341 Meter hoher Bergvorsprung in den Schweizer Alpen, Schutt auf ihm abgeladen. Millionen von Tonnen. Am Mittwoch bricht der Gletscher ab. Das Donnern ist gewaltig. Ein Ton der Zerstörung, der sich schnell steigert, während geschätzt drei Millionen Tonnen Eis und Geröll auf das Lötschental zurollen. Es dauert keine halbe Minute, dann begräbt die Lawine das kleine Dorf Blatten unter sich. Eine gewaltige Staubwolke steigt über die angrenzenden Hänge, dann erstirbt das Donnern langsam.

Die Gefahr im Lötschental ist noch nicht gebannt

Die Videos, die vom Bergsturz im Schweizer Kanton Wallis im Internet kursieren, sind so beeindruckend wie beängstigend. Sie zeigen, wie machtlos der Mensch ist, wenn sich Naturgewalten entfesseln. Er hat nicht gehalten, der Gletscher. Experten hatten das seit Tagen befürchtet. Deshalb war Blatten bereits vorige Woche evakuiert worden. Die rund 300 Einwohner konnten nur das Nötigste mitnehmen. Jetzt haben sie alles verloren.

Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Erstens geht weiter Geröll ab, zweitens droht eine Flutwelle. Der Schutt hat den Fluss Lonza abgewürgt. Bricht das Wasser durch, sind einige Orte von einer Flut bedroht. Laut dem Kantonsgeologen Raphaël Mayoraz bilde sich ein See, „der größer und größer wird. Die Lonza wird einen Weg da durchfinden, das können wir nicht kontrollieren“. Die Behörden haben Teile der Gemeinden Wiler und Kippel evakuiert. Drohnen und Hubschrauber sammeln Informationen aus der Luft, die Schweizer Armee ist unterwegs ins Krisengebiet. Sie hat schweres Gerät dabei – und Pumpen, um das Wasser abzuleiten.

Die Einwohner von Blatten haben ihr Armageddon schon hinter sich. 90 Prozent der rund 130 Häuser sowie die Kirche sind unter der Schuttschicht begraben. Sie sei zwischen 50 und 200 Meter dick, sagte Mayoraz. Der Kegel ist zwei Kilometer lang und rund 200 Meter breit. Viele der wenigen verbliebenen Häuser sind durch den Wasserstau der Lonza überflutet. Insgesamt donnerten nach Schätzungen drei Millionen Kubikmeter Fels, Geröll und Eis ins Tal. Blatten ist das letzte Dorf im 27 Kilometer langen Lötschental. Es liegt auf rund 1500 Metern.

Die Schweizer Überwachung der Gebirge hatte schon Mitte Mai gewarnt. Als die Spalten im Fels des Berges wuchsen, kam am 19. Mai der Aufruf zur Evakuierung. Über Tage bröckelte der Fels, aber viele Einwohner hofften, dass ihr Dorf verschont bleibt. Vergeblich. Der Abgeordnete Beat Rieder aus dem Nachbarweiler Wiler sagte im Schweizer Fernsehen: „Es ist ein Ereignis, das das Tal seit Beginn der Geschichtsschreibung nie erlebt hat. Die Leute haben alles verloren, was man sein ganzes Leben aufgebaut hat. Man blickt auf den Bildschirm und kann nichts machen, das ist ein schwerer Schock.“ Die Blattener werden streng abgeschirmt und betreut. Ein 64-jähriger Einheimischer war trotz Räumung im Gefahrengebiet unterwegs und wird noch vermisst.

Blattens Gemeindepräsident Matthias Bellwald sprach den Menschen Mut zu. „Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz. Auch wenn Blatten im Moment unter Schutt begraben liegt, werden wir es wieder aufbauen. Ich bin sicher, dass wir viele Freunde haben werden, die uns dabei helfen, das zu tun, was vor uns liegt.“ Damit aus einer langen Nacht wieder ein Morgen werde.

Das Lötschental ist auch ein Urlauberparadies. Im Sommer mit Wander- und Kletterrouten sowie Bergseen und viel unberührter Natur, im Winter mit kilometerlangen Skipisten.

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