Wenn die Berge ins Wanken geraten

von Redaktion

Die weltweite Gletscherschmelze hat Forschern zufolge massive Auswirkungen auch auf die Wasserversorgung

Genf – Wie konnte es zu der Naturkatastrophe in der Schweiz kommen? Geologen sprechen von mehreren Faktoren, die gemeinsam zum Abbröckeln des Kleinen Nesthorns im Kanton Wallis geführt haben könnten – darunter das Tauen des Permafrostbodens im Zuge des Klimawandels und andere geologische Prozesse und Wetterereignisse. Als Permafrost bezeichnen Geologen ständig gefrorenen Boden, dessen oberste Schicht sich auch im Sommer nicht über Null Grad erwärmt. Permafrost hält das Gestein wie Kitt zusammen, taut er auf, geht diese bindende Kraft verloren. Es drohen Steinschläge und Murgänge so wie jetzt am Kleinen Nesthorn.

Erst im März hatten die Vereinten Nationen vor verheerenden Auswirkungen der Gletscherschmelze gewarnt. Weltweit schrumpfen viele der rund 275 000 Gletscher in alarmierendem Tempo, sowohl im Gebirge als auch in den polaren Regionen. Zwischen 2012 und 2023 war der Schwund 36 Prozent größer als in den zehn Jahren davor, zeigt eine Studie der Schweizer Universität Fribourg. Hauptursache ist der menschengemachte Ausstoß von Treibhausgasen, die das Klima erwärmen.

Die Folgen sind vielfältig. So ist Gletscherschmelzwasser ein entscheidender Bestandteil zur Versorgung der Weltbevölkerung mit Trinkwasser. Forscher sprechen von einer Frage des Überlebens der Menschheit. Gletscher sind Reservoire, deren Schmelzwasser in heißen Jahreszeiten Flüsse nährt, die auch die Landwirtschaft nutzt. „Die 273 Milliarden Tonnen Eis, die in einem einzigen Jahr (durch Gletscherschmelze) verloren gehen, entsprechen dem Wasserverbrauch der gesamten Weltbevölkerung während 30 Jahren, wenn man von drei Litern pro Person und Tag ausgeht“, zitiert die Universität Zürich den Glaziologen Michael Zemp. In Europa stammt ein Großteil des Trinkwassers aus Grundwasser, das vor allem aus Niederschlägen gespeist wird. Welche Rolle Schnee- und Eisschmelze genau für das Grundwasser spielen, wird noch erforscht.

Die Gletscherschmelze führt auch zu einem immer schnelleren Anstieg des Meeresspiegels. Forscher warnen zudem, dass der Golfstrom, der für das milde Klima in Europa verantwortlich ist, durch große Mengen an Schmelzwasser aus polaren Gletschern kollabieren könnte. Auch die Biodiversität leidet: Wärmeempfindliche Pflanzen und Tiere müssen höher wandern. Kaltwasserarten in Flüssen sind bedroht, wird ihr Habitat nicht mehr von Gletscherwasser gekühlt.
WHA

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