Hoffnung aus dem Labor

von Redaktion

Das Innovationszentrum in Martinsried wird 30 Jahre alt – Diese Biotech-Start-ups machen Mut

Dominik Schuhmacher von Start-up-Unternehmen Tubulis forscht nach Medikamenten gegen Krebs. © Peter Kneffel/dpa

Jan Poth (li.) und Jens Ruhe von SciRhom: Ihre Firma forscht an Medikamenten zur Bekämpfung von Autoimmunerkrankungen.

Das IZB auf dem Campus in Martinsried umfasst rund 23 000 Quadratmeter Fläche. © Marcus Schlaf

Adrian Schomburg von Start-up-Unternehmen Eisbach Bio forscht an einer möglichst schonenden Krebstherapie.

Spezial-Sand gegen staubige Straßen: Luitpold Fried präsentiert das Bindemittel seines Start-ups Bind-X.Peter Kneffel/dpa

Kampf gegen Keime: Kilian Vogele (li.) und Patrick Großmann vom Start-up Invitris entwickeln synthetische Viren, die antibiotikaresistente Bakterien zerstören sollen. © Peter Kneffel/dpa (3)

Planegg – Forschergeist, Fachwissen, Mut zum Risiko und viel Geduld sind die Zutaten, mit denen Start-ups am Fortschritt arbeiten – in der Medizin, der Industrie, im Dienstleistungsbereich oder beim Umweltschutz. In Martinsried, einem Ortsteil der Gemeinde Planegg im Landkreis München, liegt das Epizentrum der deutschen Biotechnologie. Dort bietet das Innovations- und Gründerzentrum (IZB) Unternehmen seit 30 Jahren ein Arbeitsumfeld mit Büros und Labors. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte die Biotechnologie jüngst eine der faszinierendsten Branchen, die zudem gigantische Fortschritte mache und viele Menschen direkt betreffe. Der Freistaat habe seit der Gründung 75 Millionen Euro in den Standort investiert. Zurzeit sind etwa 40 Firmen im IZB ansässig. Fünf Beispiele:

Tubulis: Hoffnung auf schonende Chemo

Eine Chemotherapie ist oft die letzte Hoffnung für Krebspatienten – doch sie greift nicht nur den Tumor an, sondern auch die gesunden Zellen des Körpers. Die Folgen sind mitunter schwere Nebenwirkungen wie Haarausfall, Immunschwäche und Nervenschäden. Häufig müsse die Medikamentendosis reduziert oder die Therapie ganz abgebrochen werden, sagt Dominik Schumacher, Geschäftsführer von Tubulis. Das 2019 gegründete Unternehmen arbeitet deshalb an Tumortherapien, konkret an Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten. Um Nebenwirkungen möglichst zu verhindern, setzt Tubulis auf Antikörper, die in der Lage sind, speziell Krebszellen zu erkennen, und modifiziert diese. „Die Idee ist: Ich nehme den Antikörper, belade ihn mit einem chemotherapeutischen Molekül, der Antikörper transportiert dieses dann gezielt zum Tumor und lädt es dort ab“, erklärt Schumacher. „Im Idealfall wirkt es nur dort und das gesunde Gewebe rundherum bleibt verschont.“ 100-prozentig ließen sich mit dieser Methode Nebenwirkungen zwar nicht vermeiden, aber massiv reduzieren.

In der Praxis könnten Ärzte einen Patienten dann länger mit einem Medikament behandeln oder hätten mehr Spielraum bei der Dosierung. Drei Antikörper-Wirkstoff-Konjugate von Tubulis seien in der klinischen Entwicklung in einer Phase-1-Studie, so Schumacher. Tubulis hat rund 70 Mitarbeiter.

Eisbach Bio: Tabletten gegen Tumore

Einen anderen Ansatz als Tubulis verfolgt das Unternehmen Eisbach Bio in seiner Krebsforschung. Ziel ist aber auch hier: ein Medikament möglichst ohne Nebenwirkungen zu entwickeln. Der Wirkstoff soll das Tumorwachstum stören, indem er dessen genetische Schwachstellen angreift. „Wir analysieren, was in einer Tumorzelle anders ist als in der gesunden Körperzelle und entwickeln ein Medikament, das sich zwar in allen Körperzellen und -regionen verteilt – aber es richtet nur in den Tumorzellen einen Schaden an“, erläutert Geschäftsführer Adrian Schomburg.

Der Wirkstoff könne insbesondere bei Tumorarten angewendet werden, für die es bisher wenige Behandlungsmöglichkeiten gibt – etwa weil bisherige Medikamenten schwere toxische Nebenwirkungen für den Patienten haben oder der Tumor Resistenzen dagegen entwickelt.

Eisbach Bio hat seinen Wirkstoff in einer Phase-1/2-Studie in der klinischen Anwendung. Dabei wird die Verträglichkeit, Wirksamkeit und Sicherheit bei Patienten untersucht, die beispielsweise Eierstock-, Prostata- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs haben. Verabreicht wird das Medikament einmal täglich als Tablette. Eisbach Bio wurde 2019 gegründet und hat zwölf Mitarbeiter.

Invitris: Viren aus dem Reagenzglas

Antibiotikaresistenzen gehören weltweit zu den größten medizinischen Herausforderungen: Laut einer Studie der University of Washington sterben jährlich rund eine Million Menschen aufgrund multiresistenter Keime, gegen die Antibiotika nichts ausrichten. Eine Möglichkeit der Therapie ist der Einsatz von Bakteriophagen (kurz: Phagen) – das sind Viren, die Bakterien zerstören, gegen die kein Antibiotikum mehr Wirkung zeigt. Das Problem der Phagen ist, so erklärt es Invitris-Chef Patrick Großmann, dass sie sich sehr spezifisch gegen bestimmte, einzelne Bakterien richten und nicht großflächig, sondern personalisiert verwendet werden können. Das mache die Therapie sehr aufwendig. In Deutschland ist sie nur in Einzelfällen zugelassen.

Das 2022 gegründete Start-up hat eine Technologie entwickelt, mit der es Phagen synthetisch herstellen kann. Dazu simulieren sie die natürlichen Prozesse innerhalb eines Bakteriums im Reagenzglas. Das Verfahren sei sehr sicher, weil Arbeitsprozesse, die bei der Laborarbeit mit Bakterien notwendig sind – etwa das Ausfiltern toxischer Elemente –, wegfallen. Das Invitris-Team besteht derzeit aus sechs Unternehmern und Wissenschaftlern.

SciRhom: Kampf gegen Rheuma

Etwa zehn Prozent der Deutschen leiden unter chronischen Entzündungskrankheiten wie Rheuma oder Darmentzündungen. Sie sind oft auf Autoimmunkrankheiten zurückzuführen, bei denen das Immunsystem irrtümlich körpereigenes Gewebe angreift. Das 2016 gegründete Unternehmen SciRhom gilt als Pionier bei der Entwicklung von Therapien für Autoimmunerkrankungen: Im Fokus stehen rheumatoide Arthritis und entzündliche Darmerkrankungen. Bisherige Rheuma-Medikamente erreichten bei gut 50 Prozent der Patienten eine etwa 50-prozentige Verbesserung der Symptome, sagt Geschäftsführer Jan Poth. „Wir sind überzeugt, und das haben wir bereits in präklinischen Studien – also Tiermodellen – zeigen können, dass unser Ansatz das deutlich verbessert.“

Bisherige Medikamente seien in erster Linie Hemmstoffe, die einzelne Entzündungstreiber im Körper blockieren und dadurch den Krankheitsverlauf mildern. In der Regel bildeten bei Autoimmunerkrankungen mehrere Entzündungstreiber ein verzweigtes, aufeinander aufbauendes System und erforderten somit mehrere Abwehrmechanismen, erläutert Poth. Der Wirkstoff von SciRhom soll so früh in dieser Kaskade ansetzen, dass er gleich mehrere Entzündungstreiber auf einmal ausschalten kann, sagt Co-Chef Jens Ruhe. Seit Oktober 2024 befindet sich der Wirkstoff in einer Phase-1-Studie. Da gehe es vor allem um Verträglichkeit und Sicherheit, sagt Ruhe.

Bind-X: Viel Wirbel um Staub

Im Bergbau ist Staub eine der großen Herausforderungen. Minen in Südamerika oder Afrika haben in der Regel keine asphaltierten Zufahrtswege. Das kann auch Gefahren bergen: Muldenkipper wirbeln so viel Staub auf, dass mangels Sicht Unfälle passieren und die Gesundheit der Mitarbeiter gefährdet ist, erläutert Luitpold Fried, Technischer Leiter von Bind-X. Auch für nahe Wohnsiedlungen ist der Staub ein Problem. Zur Schadensbegrenzung versprühen die meisten Minen mehrmals täglich Wasser, und die Lastwagen fahren sehr langsam.

Dabei sei Wasser die schlechteste Variante der Staubkontrolle, sagt Fried. Denn mit dem Klimawandel wird Wasser immer knapper. Außerdem müssten die Spritzfahrzeuge mit den Wassertanks mehrmals täglich fahren, um den Staub zu unterdrücken, erklärt er – das kostet Personal und Sprit.

Bind-X hat Bindemittel entwickelt, die auf Wegen und offenen Flächen ausgebracht werden und das Aufwirbeln von Staub verhindern. Dafür greift das Unternehmen auf einen natürlichen Prozess zurück: die mikrobielle Biozementierung, bei der ein biologischer Prozess Staub in Stein verwandelt. Das Bindemittel lasse eine Kruste entstehen, die den Staub im Bergbau um mehr als 70 Prozent reduziert, sagt Fried. Trotzdem könne Regenwasser weiterhin versickern. Je nach Regenhäufigkeit genüge es mancherorts, das Mittel nur einmal im Jahr auszubringen. Die Methode könne etwa auch im Straßenbau sowie zur Unkrautunterdrückung in der Landwirtschaft verwendet werden.

Bind-X hat mehr als 30 Mitarbeiter, ein Werk in Südafrika und vertreibt sein Produkt in Europa, Afrika, Südamerika und Australien.

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