Neuanfang fern der einstigen Heimat: Hilda Bell aus Grulich kam in Gilching unter. © SVJ/Archiv
„Schachtelhausen“, eine Vertriebenensiedlung in Schöngeising bei Fürstenfeldbruck. © Jexhof-Museum
In Güterwaggons kamen die Vertriebenen an. © CTK
Flüchtlingskolonnen im Sommer 1945 in Berlin (nachkoloriert). 3,5 Millionen kamen allein aus dem Sudetenland nach Ost- und Westdeutschland. © akg-images
Mit Hakenkreuzen als verhasste Deutsche markiert, warten Sudetendeutsche in Prag auf den Abtransport (Juli 1945). © CTK
München – Hilda Bell empfing in ihrem Wohnzimmer in Gilching, Kreis Starnberg. Zur Begrüßung sagte sie: „Deutschland, heiliges Wort, du voll Unendlichkeit, über die Zeiten fort bist du gebenedeit.“ Schiller – „das musste ich in der Schule lernen“. Dann setzte sie sich in ihren Sessel und fing an zu erzählen. Über ihre alte Heimat, die sie einst verlassen musste. 80 Jahre ist das jetzt her: die Vertreibung der Sudetendeutschen.
Etwa 3,5 Millionen Deutsche sind nach Kriegsende aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach West-, aber auch Ostdeutschland gekommen. 1,9 Millionen Vertriebene verschlug es bis 1952 nach Bayern, gut zur Hälfte Sudetendeutsche. Sie sind offiziell Bayerns „vierter Stamm“, nach den Altbayern, Franken und den Schwaben. Als wir vor zehn Jahren die damals 94-jährige Hilde Bell besuchten, zeigte sie mit Stolz, aber auch Wehmut, eine Erinnerung: ein vergilbtes Werbeplakat mit der Aufschrift „Eduard Kolbe, Kraliky“.
Eduard Kolbe – das war ihr Vater, er besaß eine Fabrik für landwirtschaftliche Geräte. Und Kraliky – das ist auf Deutsch Grulich. Der Ort im Osten des Sudetenlandes, heute Teil der Tschechischen Republik, wo Hilda Bell, geborene Kolbe, aufgewachsen war. Sie nannte sich scherzhaft „ein armes Mädchen aus Böhmen“, aber so arm war ihre Familie nicht, sagte sie gleich dazu. Fünf Geschwister, eine unbeschwerte Kindheit – dann kam die NS-Besatzung und der Krieg. Hilda Bell wurde („da bin ich ganz offen“) BDM-Führerin.
Prügel im Keller des Landratsamtes
Nach 1945 wurde mit den verhassten Deutschen abgerechnet. Der Betrieb des Vaters wurde besetzt. Hilda Bell hat alles aufgeschrieben. „Ei Grulich war ich daheeme“ heißt ihr Bericht, in dem sie über Prügeltage im Keller des Landratsamtes berichtet („es gab Tote, blau und schwarz geschlagen“) und über alltägliche Schikanen. Deutsche mussten eine Armbinde mit N („Nemec“ = Deutscher) tragen, auf die Straße ausweichen, sobald ein Tscheche auf dem Gehsteig entgegenkam, und jeden grüßen: „dobry den“ – Guten Tag!
Zum Glück für ihre Familie hielten die alten Geschäftspartner des Vaters zu ihnen. Vor allem auch zu Hilda – denn das Mädchen konnte fließend Tschechisch und hatte bei Geschäften oft übersetzt. „Die Bauern und die Eltern der Lehrbuben kamen, um zu sehen, wie es uns geht“ – von gewaltsamen Übergriffen blieb die Familie bis zur Ausreise verschont. Nicht alle hatten so viel Glück. Im Zuge der „wilden Vertreibungen“, letztlich eine Art ethnische Säuberung, kam es auch zu Massakern. Am bekanntesten dürften der Brünner Todesmarsch ab Ende Mai 1945 und die Aussiger Ertränkungen am 31. Juli 1945 mit jeweils wohl mehreren hundert Toten sein. Im Sommer begann, nach einer Phase von Exzessen, die Zeit der staatlich organisierten Verfolgung und Drangsalierung, unter denen jetzt auch diejenigen litten, die zuvor keine Nationalsozialisten gewesen waren. Die Benes-Dekrete von März 1946 ermöglichten die Vermögenseinziehung sogenannter „staatlich unzuverlässiger“ Personen – womit bald fast jeder Deutscher gemeint war. Am Ende stand der Zug Richtung Westen: „Lastwagen bringen uns zum Bahnhof, mit Kind und Kegel und Gepäck, unsere letzte Habe“, so hat es Hilda Bell in ihren Aufzeichnungen notiert. Sie landete mit ihrer Familie zunächst in Niedersachsen, neben Bayern der zweite Siedlungsschwerpunkt der Vertriebenen. Später zog sie nach München und dann nach Gilching um.
Mit dem Eintreffen der Flüchtlingszüge waren die Behörden in Deutschland 1945/46 überfordert – und die Berichte von damals erinnern frappierend an die Lage in Deutschland 2015, als wieder hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, diesmal aber nicht aus dem Sudetenland, sondern aus Syrien, Iran, Afghanistan. Und obwohl man die einstigen Vertriebenen und die späteren Flüchtlinge nicht gleichsetzen darf – war damals wie heute Improvisation gefragt, stießen die Neulinge auf Ablehnung, kam es zu Phasen der Überforderung.
In Württemberg-Baden, wie es damals hieß, bekamen die Behörden im Oktober 1945 nur 24 Stunden Zeit, um zehn Ausladebahnhöfe für die täglich eintreffenden Eisenbahntransporte mit je 1400 Flüchtlingen zu nennen. In Kraiburg, Kreis Mühldorf, kam der erste Zug mit Sudetendeutschen am 23. April 1946 an. Am 25. April der nächste, am 29. April erneut einer. 1200 bis 1700 Menschen wurden in Baracken in dem sogenannten Holzlager im Süden der Stadt notdürftig untergebracht. Nicht selten kamen die Vertriebenen in ehemaligen Schuppen des Reichsarbeitsdienstes unter – so etwa die 120 Flüchtlinge, die das kleine Schöngeising (Kreis Fürstenfeldbruck) aufnahm. Ihre Holzbaracken-Siedlung war als „Schachtelhausen“ bekannt. Bayern wurde zu einem Land der Lager (ohne Stacheldraht): Im Oktober 1946 gab es 1381 Barackenstätten mit 151113 Bewohnern.
Was nun geschah, in Kraiburg, Traunreut und anderswo, hat der Historiker Mathias Beer als „verordnete Assimilation“ beschrieben: Die Vertriebenen, fast acht Millionen in Westdeutschland, passten sich an, bauten auf, behielten aber auch ihre Kultur, Eigenheiten und Sprachgewohnheiten. Wenn ältere Leute „Schnitte“ statt Brotscheibe sagten, kamen sie ziemlich sicher nicht aus Bayern, sondern vielleicht aus Ostpreußen.
Wo es ging, wurde 1946 auf eine „breite Streuung im Ansiedlungsgebiet“ geachtet, so der Historiker Beer. Dadurch sollte die angestrebte Anpassung der Vertriebenen gefördert werden. Gezielt wurden ehemalige Bewohner einer Ortschaft verteilt – ein 2000-Einwohner-Dorf im Sudetenland wurde in einem Fall auf 158 Ortschaften in den westlichen Besatzungszonen zerstreut. In Bayern sind für 1946 exakt 764 Transporte mit 777130 Ausgewiesenen nachgewiesen. Sie kamen in sechs Grenzdurchgangslagern an – in Furth im Wald, Wiesau bei Tirschenreuth oder Piding bei Bad Reichenhall. Ein Staatskommissar mit starken Durchgriffsrechten, Wolfgang Jaenicke aus Breslau (der dann in Lenggries landete), kümmerte sich mit 166 lokalen Flüchtlingskommissaren um Versorgung und Unterbringung. Beschlagnahme von Wohnraum war zum Groll der Einheimischen nicht selten.
Haberfeldtreiben gegen die Flüchtlinge
In Überacker, Kreis Fürstenfeldbruck, beschwerte sich eine Flüchtlingsfrau 1949 bitter über eine „verschworene Clique“, die ein „Haberfeldtreiben“ gegen sie organisiert habe. Andernorts wurden eilig Glühbirnen abgeschraubt oder Öfen demontiert, sobald eine Flüchtlingsfamilie im Anmarsch war. In Geretsried musste die Flüchtlingsfamilie Pawlowski aus Königsberg vier Jahre in einer Holzbaracke leben. Der Bauer, bei dem sie hätten wohnen sollen, riss den Bretterfußboden raus, um das zu verhindern – daran erinnerte sich das damalige Flüchtlingskind Magdalene Marmetschke noch 2011 mit Bitterkeit, als unsere Zeitung sie interviewte.
Die meisten Schlesier kamen in Oberfranken und Niederbayern an, Schwaben und Oberbayern wurden zur bevorzugten Heimstatt der Sudetendeutschen. Reine Flüchtlingsgemeinden waren die Ausnahme – aber es gab sie: Neugablonz, Geretsried, Waldkraiburg, Traunreut und Neutraubling waren „ein bayerisches Spezifikum“ der Flüchtlingsansiedlung, so Historiker Walter Ziegler. Doch die meisten Vertriebenen lebten bald in gewachsenen Orten. Nebeneffekt: Die Zeit konfessionell geschlossener Gebiete ging zu Ende – 1939 gab es 1564 einheitliche Gemeinden, 1946 nur noch neun, schreibt der Historiker Ziegler.
2022 ist Hilda Bell im Alter von 100 Jahren gestorben. Sie hat ihren Geburtsort Grulich immer wieder besucht. „Meiner Familie, meinen Freunden und allen Nachbarn danke ich herzlich, nur so konnte Gilching für mich Heimat sein“, stand in ihrer Traueranzeige.