Aufruhr im Urlaubsparadies

von Redaktion

© IMAGO/Jordi Boixareu

Jede Menge los an Spaniens Stränden.

Es brodelt auf den Straßen: Nicht nur auf der Kanareninsel Fuerteventura protestierten zuletzt Tausende gegen den Massentourismus. Im ganzen Land ist die Stimmung aufgeheizt – und die Saison geht gerade erst richtig los. © Europa Press Canarias/dpa

München – So klingt Vorfreude. Er höre manchmal, dass es früher auf Mallorca schöner gewesen sei, sagt Tobias Riether, aber sein Eindruck sei ein anderer. Heute sei alles besser, dieses Jahr ganz besonders: „Wir stehen vor einer der krassesten Saisons.“

Gut, er ist da nicht ganz objektiv. Wenn Riether nicht gerade als Zahnarzt arbeitet, geht er seiner Zweittätigkeit als Partyschlagersänger Tobee nach. Mallorca ist eines seiner Reviere, hier steht er im Sommer jede Woche auf der Bühne des „Bierkönig“ und reiht Hit an Hit: „Saufi, Saufi“, „Aua im Kopf“, „Helikopter 117“.

Nicht alle auf den Balearen, oder generell in Spanien, sehen der Urlaubssaison so freudig entgegen. Zuletzt häuften sich im Land die Demonstrationen gegen Massentourismus. 7000 Menschen gingen auf der Insel Teneriffa auf die Straße, 3000 auf Gran Canaria, 1500 auf Lanzarote. Aufgerufen hatte die Plattform „Die Kanarischen Inseln haben ein Limit“.

Da sind sie nicht allein. Auf der Baleareninsel Ibiza gilt seit 1. Juni ein Grenzwert von 20 000 Touristenfahrzeugen pro Tag, um den Strom der Besucher einzudämmen, die mit Fähren vom Festland übersetzen. Weil es allein schon 16 000 Mietwagen gibt, sind Ibiza-Reisen mit Privat-Pkw nur noch nach Anmeldung möglich. Wohnwagen benötigen eine Reservierung für einen Campingplatz.

Der Tourismus in Spanien nimmt immer mehr zu, der Widerstand auch. Im Frühjahr rief das „Mallorca Magazin“ den Notstand aus: „Elend auf Mallorca breitet sich rasant aus.“ Das viele Geld, das die Menschen auf die Ferieninsel bringen, lande in zu wenigen Taschen. Laut dem Statistikinstitut Spaniens ist jeder fünfte Bewohner der Balearen armutsgefährdet. Noch stärker als die Einkommen steigen die allgemeinen Kosten.

Das Phänomen, dass die extreme Beliebtheit bei den Gästen eine Region irgendwann überfordert, heißt neudeutsch „Overtourism“. Der wissenschaftlich etablierte Begriff sei „Tragfähigkeit“, sagt der Münchner Tourismusforscher Jürgen Schmude, Professor im Ruhestand an der LMU. Auf Mallorca sieht er sie doppelt strapaziert: Wirtschaftlich, weil alles teurer wird. Und „perzeptuell“, wie es die Forschung nennt. „Man fühlt sich als Einheimischer eingeschränkt.“

Das eine hängt untrennbar mit dem anderen zusammen. Vor allem die Mieten treiben die Preise. Immer mehr Immobilien werden als Ferienwohnung genutzt und dem regulären Markt entzogen. Die wenigen freien Objekte werden immer teurer und für Einheimische kaum mehr erschwinglich. Auf den Balearen stiegen die Mieten nach Angaben der Immobilienagentur Fotocasa in den vergangenen zehn Jahren um 158 Prozent. Hinzu kommen die sonstige Teuerung von Energie bis zu Lebensmitteln, zunehmende Umweltverschmutzung durch immer mehr Besucher, eine Überlastung der Infrastruktur, Staus und Lärm. Das alles, ahnt Schmude, „wird uns die nächsten 20, 30 Jahre begleiten“.

Im März veröffentlichten sieben mallorquinische Organisationen einen Brandbrief, in dem sie die Touristen dazu aufriefen, ihre Reisepläne zu überdenken: „Kommt nicht hierher!“ Mallorca sei „nicht das Paradies, das man euch verkauft“. Man erlebe „einen Kollaps“.

Geholfen hat der Appell wenig. In diesem Jahr dürften die Balearen erstmals die Marke von 20 Millionen Besuchern überschreiten. Im vergangenen Jahr waren es knapp 19 Millionen, davon allein 13,5 auf Mallorca. Einwohner hat die Insel nicht mal eine Million. „Wir haben ein Limit erreicht“, räumt auch Jaume Bauzá ein, Tourismusminister der konservativen Regionalregierung.

Ibiza, Mallorca, Barcelona, Malaga, alle stoßen sie an ihre Grenzen. Insgesamt besuchten 2024 fast 94 Millionen Touristen Spanien, gegenüber dem bisherigen Rekordwert ein Jahr zuvor war das eine Steigerung um noch mal neun Millionen. Der Trend dürfte anhalten. Im ersten Quartal kamen 17,1 Millionen internationale Gäste, ein Plus von fast sechs Prozent. 2,1 Millionen davon waren Deutsche. Tobee Riether, der singende Zahnarzt, behält wohl Recht. Es könnte krass werden.

Längst merkt auch die Politik, wie es im Lande gärt. Ministerpräsident Pedro Sanchez stellte im Winter einen Zwölf-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Wohnungsnot vor, der auch den Tourismus betrifft. Für Kurzzeit-Mietobjekte sollen die Vorschriften verschärft werden. Einige Städte wie Barcelona sind da schon weiter, sie legen sich mit dem Branchenriesen Airbnb an (siehe unten).

Tragfähige Lösungen gebe es aber kaum, gibt Schmude zu bedenken. „Vor allem keine schnellen.“ Dass etwa der spanische Tourismusminister Jordi Hereu die Reiseziele „diversifizieren“ will, sieht der Forscher nüchtern. Ein Mallorca-Reisender werde auf dem Jakobsweg keinen Spaß haben. „Zumindest nicht den Spaß, den er auf Mallorca sucht.“

Markus Pillmayer, Professor an der Hochschule München, kommt bei der Frage nach Lösungen ein unschönes deutsches Wort in den Sinn: „Verzicht.“ Ansätze wie auf Ibiza, eine Begrenzung der Fahrzeuge, könnten ein Ansatz sein, enden aber auf halbem Weg, weil es nur um Autoverkehr geht. Pillmayer denkt eine Kategorie größer: „Die Limitierung der touristischen Ankünfte. Das wäre interessant, aber man müsste es auch durchhalten.“ Und das werde schwierig angesichts der ganzen Dienstleistungskette, die am Tourismus hänge, von Airlines über Reiseveranstalter bis zur Hotellerie.

Auf den Balearen plant man jetzt mal ein kleines Paket an Maßnahmen. Die Übernachtungsgebühr soll in der Hochsaison angehoben werden, zwischen Anfang Juni und Ende August von vier auf sechs Euro pro Person. Kreuzfahrtpassagiere sollen statt zwei künftig ebenfalls sechs Euro pro Kopf und Nacht zahlen müssen. Auf Mietwagen, die weniger als sechs Monate im Jahr genutzt werden, könnte eine Abgabe erhoben werden, im Gespräch ist auch eine Steuer für Privatfahrzeuge von Urlaubern.

Ob das hilft und die Zahlen senkt? Oder nur die Einnahmen steigert? Schmude verweist auf Venedig, wo seit vergangenem Jahr an ausgewählten Tagen Eintrittsgelder fällig sind. „Der Effekt ist gleich null“, ein paar Euro mehr halten keinen Touristen ab. Er begrüßt den Vorstoß trotzdem, weil die Einnahmen helfen, die Folgen des Booms abzumildern. Schmude warnt nur davor, immer mehr Gebühren zu erheben, sonst werde Reisen nur noch etwas für Besserverdienende: „Dann sind wir wieder im 19. Jahrhundert.“

Auf Mallorca will man ein attraktives Ziel bleiben, auch und gerade für die Masse. Ende Mai stellte Jaime Martinez, Bürgermeister der Inselhauptstadt Palma, ein 300 Millionen Euro schweres Renovierungsprojekt rund um den Ballermann vor. Straßen und Gehwege sollen erneuert, veraltete Ein- und Zwei-Sterne-Absteigen in privaten Wohnraum umgewandelt, aber auch neue Häuser errichtet werden.

Zehn Jahre sind dafür veranschlagt. Bauarbeiten in Palma ziehen sich. Die Erneuerung von Kanalisation und Straßenbeleuchtung etwa läuft schon seit zwei Jahren, doch im Sommer ruhen die Maschinen.

Die Urlauber sollen nicht gestört werden.

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