Günstig in den Urlaub per Wohnungstausch

von Redaktion

Jede Nadel eine Reise: Eva und Andreas haben schon viele Länder gesehen – und markieren das auf einer Weltkarte.

Auf die Koffer, fertig, los: Andreas und Eva H. in ihrem Haus in München. Die nächste Reise wartet schon. © JENS HARTMANN (2)

München – Eva H. steht vor einer Weltkarte. Neben der wirkt die zierliche Frau im roten Pullover gleich etwas kleiner. Die Karte ist mit bunten Stecknadeln übersät. Wer sie zählen will, braucht Zeit, Geduld und ein gutes Gedächtnis. Eva streicht mit ihrem Zeigefinger zielsicher über das gewellte Papier und bleibt am unteren rechten Ende hängen. Im kleinen Neuseeland steckt ein grüner Pin. Die Farbe der Hoffnung wählt die 61-Jährige für Orte, die sie noch sehen will. Überall, wo blaue Pins stecken, war sie schon. Fast immer an ihrer Seite ist Ehemann Andreas, 62. Seit Jahren reist das Ehepaar um die Welt. Weil die beiden früher in ihrem Job in der Energiebranche auch beruflich viel unterwegs waren, wurden sie irgendwann „hotelmüde“. Bis sie schließlich eine neue Art des Reisens für sich entdeckten. Seitdem holen sie sich regelmäßig Fremde in die eigenen vier Wände.

„Ihr seid doch irre!“ Diese vier Wörter haben Andreas und Eva oft gehört, als sie Freunde und Bekannte in ihre Pläne einweihten. Die hatten nur wenig Verständnis dafür, dass die beiden für ihren Urlaub vorübergehend das eigene Haus tauschen wollen. Und das nicht mit Freunden, sondern Fremden aus dem Internet. Ihre Tauschpartner kommen von der Online-Plattform „HomeExchange“. Wie sie auf diese gestoßen sind, wissen sie nicht mehr. Wie entsetzt ihr Umfeld war, aber noch genau. 32 Haustausche später schmunzelt das Ehepaar darüber nur noch. „Die meisten haben es nicht fassen können.“

Dabei sind die Münchner nicht die einzigen, die sich für diese unkonventionelle Reiseform entscheiden. Nach eigenen Angaben hat „HomeExchange“ weltweit über 240 000 Mitglieder, davon 8000 in Deutschland. Dort haben die Nutzer, die pro Jahr 175 Euro für ihre Mitgliedschaft zahlen, vergangenes Jahr etwa 14 000 Mal Häuser oder Wohnungen untereinander getauscht. Regelmäßig verlassen auch Andreas und Eva ihr mehrstöckiges Haus in Bogenhausen und lassen andere darin leben. Wer das ist, wollen sie aber möglichst genau wissen. Für den bevorstehenden Trip nach Neuseeland haben sie mehr als 60 Leute angeschrieben, bevor sie jemand Passenden fanden.

„Auch beim Chatten lernt man Menschen gut kennen“, sagt Andreas. Einige sortieren seine Frau und er schon nach kurzer Zeit aus. Stutzig macht es sie, wenn man auf Profilbildern nur Türklinken oder Sehenswürdigkeiten sieht. „Dann sind wir raus.“ Genauso hält es das Ehepaar auch mit Tauschanfragen während des Oktoberfests. Davon gibt es „unglaublich viele“ – sie lehnen aber stets ab. Häuser tauschen ist für beide mehr als nur Mittel zum Zweck.

In ihre Reiseziele möchten sie tief eintauchen. Das Land, die Einheimischen und ihre Kultur „richtig“ kennenlernen. In einer Wohngegend geht das besser als in einem Viertel voller Hotels, finden sie. In ihrer langen Tausch-Karriere erleben sie ständig Spannendes und Kurioses. Mit einem jüdischen Ehepaar sitzen sie in Florida stundenlang beim Abendessen. In Kalabrien betreten sie eine Bar und werden ohne Vorahnung frenetisch von drei fremden Italienern mit Vornamen begrüßt. Ihre Tauschpartner hatten sie angekündigt. Manchmal werden sie plötzlich zu Haustierbesitzern, müssen Katzen versorgen oder in Frankreich Goldfische füttern. Weil es „irre heiß“ ist, bangt Eva um das Leben der Fische. „Ich hab mir tagelang Sorgen gemacht.“ Am häufigsten waren sie per Haustausch in Italien. Einmal bekamen sie für ihr großes Haus eine winzig kleine Wohnung – dafür mit wunderschönem Bergblick. Valencia, Bretagne, Bordeaux, Florida, Arizona, Vancouver; die Reiseliste ist lang.

Während die Münchner in die italienische Kneipenkultur eintauchen oder exotische Fische füttern, leben im Haus in Bogenhausen fremde Menschen. Essen von ihren Tellern, waschen sich mit ihrem Shampoo und schlafen in ihrem Bett. Auf die Sache mit dem Bett werden die beiden am häufigsten angesprochen. Eva sieht das pragmatisch: „Im Hotelbett haben vor mir ja noch viel mehr fremde Menschen geschlafen.“ In ihrem Bett sollen sich die Gäste wohlfühlen. Deshalb liegen dort immer zehn verschiedene Kissen bereit.

Auf dem Esstisch liegt eine dicke Mappe. Eva schlägt sie auf, blättert einmal durch die knapp 40 Seiten. Darin erfahren die Tauschpartner, wie sie die Spülmaschine starten, den großen Sonnenschirm aufspannen oder richtig Müll trennen. Außerdem gibt’s Empfehlungen für die besten Biergärten, schönsten Schlösser oder interessantesten Museen.

Negative Erfahrungen hat das Ehepaar beim Tauschen noch nicht gemacht. Ihre Partner waren immer sehr gewissenhaft. Besonders beim Putzen, sagt Eva. „Manchmal ist das Haus nach dem Tausch sogar sauberer als vorher.“

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