Eine Schießscharte des Alpenwalls für Maschinengewehre am Passo Cimabanche im Pustertal. © O. Zauzig
Beobachtungspanzerglocke von Mussolinis Alpenwall oberhalb von Rijeka im heutigen Kroatien. © O. Zauzig
Der Hinterausgang der Gampen Gallery liegt versteckt. Marie Luise Weiss (links) und Monika Kofler kennen den Weg. © ast
Einer der größten Bunker des Alpenwalls wird heute als Museum genutzt: die Gampen Gallery. © Astrid Schmidhuber
Käse, so weit das Auge reicht: Das Innere des Alpenwalls eignet sich auch ideal zur Käsereifung. © Astrid Schmidhuber
Hier wird der Sekt gebunkert: Anna Ebner von der Kellerei St. Pauls zeigt die Flaschengärung. © Astrid Schmidhuber
Aus der Dunkelheit ans Licht geholt: Käsemeister Hubert Stockner steht vor dem sogenannten Genussbunker und zeigt einen Laib, der dort gereift ist – und auch eine entsprechende Prägung am Rand trägt. © Astrid Schmidhuber
St. Lorenzen – Friedlich ist es hier oberhalb von St. Lorenzen, am Eingang zum Pustertal. Kuhglocken läuten. Bergblumen blühen auf satten Wiesen, Berge wie der Kronplatz und dahinter die Drei Zinnen ragen imposant in die Höhe. Eine Bilderbuchlandschaft. So friedlich war es nicht immer. Hubert Stockner ist im Eisacktal aufgewachsen. Viele Jahre lief er am heutigen „Genussbunker“ achtlos vorbei. „Ich wusste nicht, was sich hinter dem Bergwall verbirgt“, erzählt er. Und obwohl der Eingang mittlerweile freigelegt ist und direkt an der Bergstraße liegt, fährt man beim ersten Besuch am Genussbunker meist erst mal vorbei. Navigationssysteme kennen diesen Ort nicht.
Hubert Stockner nimmt das gelassen. „Jedes Leben entsteht im Dunkeln. Genau wie meine Käsespezialitäten.“ Der Natursteinbunker mit einer ganzjährigen Temperatur von rund zehn Grad und einer Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 Prozent dient dem Käsemeister seit ein paar Jahren als Reifungshöhle für seine Käsespezialitäten. Dort pflegt und hütet er die edelsten Rohmilchkäse aus dem Alpenraum. Über Monate, manchmal sogar Jahre, reifen seine Spezialitäten.
17 Tonnen Käse reifen im Bunker heran
So weit das Auge reicht. Über 220 Meter lang ist die Regalwand. 17 Tonnen Käse sind darin zurzeit eingelagert. „Der Bunker ist für die Käseherstellung ideal. Die spezielle Mikroflora schlägt sich im einzigartigen Aroma nieder“, sagt der Käsemeister. Jeden der 3500 Käselaibe wendet er einmal in der Woche. „Alles Handarbeit.“ Die besten Gastronomen kaufen bei ihm ein – so auch der Drei-Sterne-Koch Norbert Niederkoffler, der sein Lokal im nahen Bruneck hat. Stockner sammelte seine ersten Erfahrungen als „Hirtenbua“ auf der Alm, ließ sich zum Molkereifachmann ausbilden, war viel im Ausland unterwegs, bevor er sich mit seinem Genussbunker selbstständig machte. 2017 hat er den ersten Käselaib eingelagert.
Italiens Diktator Mussolini ist sozusagen der Vater des Genussbunkers. Im Zweiten Weltkrieg ließ er bis 1942 die Wehranlagen heimlich bauen. Die Einheimischen bekamen das oft gar nicht mit. Mussolini siedelte für den Bau eigens Arbeiter aus dem Süden Italiens an.
„Die Faschisten trauten den deutschsprachigen Südtirolern nicht über den Weg“, sagt Monika Kofler, die ihr Wissen bei Führungen durch den Gampenpass-Bunker vermittelt. Das erklärte Ziel des „Vallo Alpino“ (Alpenwall): Schutz gegen einen Einmarsch der Deutschen – dem Stahlpakt zum Trotz. Darin hatten Hitler und Mussolini ihre Freundschaft beschworen und sich gegenseitige Unterstützung im Kriegsfall versprochen. Trotzdem entstanden entlang des Alpenkamms rund 350 Bunker. Bis zu 20 000 Arbeiter sollen daran gebaut haben.
Die Bunker waren Teil eines 1850 Kilometer langen Abwehrgürtels von der französisch-italienischen Grenze in den Seealpen bis zum heutigen Rijeka (italienisch Fiume) in Kroatien. Weil sich die Grenzen nach Kriegsende teilweise verschoben, liegt ein Teil der Anlagen nicht mehr auf italienischem Boden, sondern in Frankreich, Slowenien und Kroatien. Vor allem die Pässe und Täler wurden damals befestigt. Eigentlich waren 700 Bunker geplant. Doch im Oktober 1942 befahl Mussolini den Baustopp.
Heute werden diese Wehranlagen wissenschaftlich erforscht, „Bunkerologie“ nennt man das. Einer der bekanntesten Forscher ist Heimo Prünster. Er hat über seine Erkenntnisse ein Buch geschrieben – „Das indiskrete Auge“. Mittlerweile stehen 20 Wehranlagen unter Denkmalschutz. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg, blieben die Verteidigungsanlagen zwar erhalten, aber oft ungenutzt. „Doch spätestens nach dem Ende des Eisernen Vorhangs wurden die Wehranlagen obsolet. Sie gingen vom Militär in den Besitz des Landes Südtirol über“, sagt Heimo Prünster. Südtirol versteigerte sie Anfang der 2000er-Jahre an Privatleute und Unternehmen. Manche der 350 Anlagen waren auch nicht mehr zu retten und zerfielen. „Wert und Bedeutung des Alpenwalls wurden damals nicht erkannt“, bedauert Prünster. Lange Zeit sei das Thema Bunker in Südtirol tabu gewesen.
Heute sind die Bunker Zeitzeugen. Am Gampenjoch auf 1518 Meter Höhe beispielsweise, wo die „Gampen Gallery“ für Besucher zugänglich gemacht wurde.„In nur neun Monaten bauten die süditalienischen Arbeiter 1940 eine monströse Verteidigungsanlage“, sagt Monika Kofler, die Führungen gibt. Das Stollensystem erstreckt sich über 1,5 Kilometer im Berginneren – auf vier Stockwerken. Es sollte die größte Wehranlage an der Kulturgrenze zum Trentino werden. Fünf Schießscharten sollten zur Verteidigung des Etschtals dienen. „Doch Kanonen kamen nie am Gampenpass an“, sagt Monika Kofler.
Die Bauarbeiten am Gampenpass verliefen weitestgehend unbemerkt von der Bevölkerung im Tal. Marie Luise Weiss vom Museum berichtet anhand von ausgestellten Fotos: „Immer wenn sich dem Pass ein Auto näherte, wurde ein riesiger, schwarzer Vorhang vor die Baustelle gezogen, sodass man im Vorbeifahren nichts von den Arbeiten sehen konnte.“
100 000 Flaschen reifen unter der Erde
Seit 2010 sind die zugewucherten Schießscharten wieder zugänglich. Die einzig fertiggestellte Etage ist heute die Museumsfläche. Im Bunker begegnen Besucher mehr als 20 Papp-Personen, die vom Bau und der geplanten Nutzung des Bunkers berichten. Wer durch den 60 Meter langen Gang am Eingang ins Innere des Bunkers läuft, denkt, die Anlage ist frisch renoviert. Doch dem ist nicht so. Dass alles so gut erhalten wurde, liegt an der hohen Luftfeuchtigkeit und der Kühle. Selbst an heißen Sommertagen klettert die Temperatur nie über zehn Grad. Ohne Jacke wird die Bunkertour eher zu einer fröstelnden Tortur.
Die Gampen Gallery erzählt nicht nur Kriegsgeschichte. Sie beherbergt auch eine umfangreiche Gesteinssammlung: „Aus dem Berg – in den Berg“. Sie besteht aus 2500 Mineralien, die Toni Kiem aus ganz Europa zusammengetragen hat.
Im Überetsch bei St. Pauls gibt es einen freistehenden Bunker – mit bestem Blick auf Bozen. Im Volksmund heißt der Spaziergang durch die Apfelplantagen am Bunker vorbei „Bunkerrunde“. Sie ist bei Einheimischen und Touristen beliebt. Unweit befindet sich ein weiterer unterirdischer Bunker, den die Kellerei St. Pauls für die Herstellung ihres „Praeclarus“ nutzt. Nicht umsonst heißt der Werbeslogan für den Sekt „Prickelnder Genuss zur Perfektion gebunkert“.
An die 100 000 Flaschen sind eingelagert. Anders als der Prosecco, der in Tanks reift, kommt der Paulsner Sekt in die Flasche. „Für die Flaschengärung nutzen wir die konstante Kühle von rund zehn Grad“, erklärt Anna Ebner von der Kellerei. Und die Dunkelheit des Bunkers. Außerdem schützen die meterdicken Wände vor Vibrationen, was bei der Flaschengärung nicht unerheblich sei. Bis zu 60 Monate reift das Getränk. „Je länger, desto feinperliger!“
Die Alpenbefestigungen kamen nie zum Einsatz, Südtirol blieb von zerstörerischen Kriegshandlungen verschont. Auch die Besetzung durch Hitler am 8. September 1943 verlief beinahe kampflos. Die Bunker sind aus Südtirol nicht mehr wegzudenken. Ob sie ein Kulturerbe sind, ist eine strittige Frage, die noch nicht abschließend beantwortet ist.