In Irlbach baut BMW seine Zukunft

von Redaktion

Klein, aber kräftig: die BMW-Rundzelle „Gen6“. © BMW

Das Plakat der Gegner hängt noch immer. Aber sie haben den Bürgerentscheid verloren. © Andreas Höss

Industrie neben Weizen und Mais: Diese Luftaufnahme zeigt, welche Fläche das neue Werk in Anspruch nimmt. © BMW

Noch im Aufbau: Ein Blick in das neue BMW-Montagewerk für Hochvoltbatterien in Irlbach-Straßkirchen. © BMW

Saft für die neuen Batterien: Ingenieure inspizieren die Rohrleitungen in der Energiezentrale des neuen Werks. © BMW

Irlbach-Straßkirchen – Weil Straßkirchen ein Straßendorf ist, liegt auch das Rathaus an der Hauptschlagader durch die kleine Gemeinde. „Leben im Industrie-Dorf? Nein Danke“, steht auf einem Plakat, das gegenüber dem Rathaus weht, drinnen spricht gerade Bürgermeister Christian Hirtreiter. „Ja, die Mampferia“, schwärmt er und weist darauf hin, dass es die Neueröffnung des Restaurants ohne die BMW-Fabrik wohl nicht gegeben hätte. Und die Industrieansiedlung bringe viele weitere Vorteile: Das Dorf brauche Geld für Kindergärten, die Kläranlage und eine lang ersehnte Umgehungsstraße. Wegen des BMW-Werks baut es die Infrastruktur so stark aus, dass sich der Gemeindehaushalt verdreifacht habe.

Gut zwei Jahre ist es her, dass die Irlbacher und Straßkirchner im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen über den Bau einer Batteriefabrik von BMW abstimmten. Vor allem die Bürgerinitiative (BI) „Lebenswerter Gäuboden“ mobilisierte wegen Sorgen vor Stau, Lärm und einem Betonklotz im Ackerland und erzwang einen Bürgerentscheid. Doch sie scheiterte im September 2023 krachend. Zwei Drittel stimmten für das neue Batteriewerk. Für die BI war das eine schmerzhafte Niederlage, für Bürgermeister Hirtreiter, der nachts heimlich Pro-BMW-Plakate geklebt haben soll, ein Sieg. Auch Wirtschaft und Politik lobten das Votum. Tenor: In Deutschland geht doch noch was – trotz Bürokratie, trotz Mitbestimmung und trotz Wirtschaftsflaute.

Was seither in Rekordzeit passiert ist, kann man etwa zwei Kilometer vom Rathaus entfernt sehen. Im Herbstlicht reißen Bagger den Boden für eine Parkfläche auf, Lastwagen mit Baumaterial rollen vor den Bayerwald-Hügeln durch einen neuen Kreisverkehr. 60 Kilometer Kabel und Leitungen sind verlegt, die Werksfeuerwehr steht mit sechs Löschzügen bereit. Inmitten von Feldern ragt auch die monumentale Montagehalle auf: 500 Meter lang, 300 Meter breit, 30 Meter hoch. Erste Maschinen sind schon installiert. Um Weihnachten dürften die wichtigsten Bauvorhaben fertig sein, ab Ende 2026 soll die Fabrik die Werke in München, Dingolfing und Regensburg mit 1000 Batterien pro Tag für die nächste Generation an Elektro-BMWs versorgen. Sie bieten 30 Prozent mehr Reichweite, laden 30 Prozent schneller und sind nur noch halb so teuer.

Für BMW hat das Batteriewerk enorme Bedeutung. Und es ging schnell. 50 Ordner habe man einreichen müssen, heißt es bei BMW, Hirtreiter spricht von 6000 Seiten Papierkrieg. Dennoch wurde schon im April 2024 die Baugenehmigung erteilt. 1000 Arbeiter wuseln seither auf dem Gelände, zwei Drittel aus Bayern, betont BMW, ein Drittel aus dem Umfeld. In nur 19 Monaten zogen sie eine gigantische Fabrik hoch. „Das ist Bayern-Tempo“, schwärmt Ilka Horstmeier, die im BMW-Vorstand für Personal und Gebäude verantwortlich ist – China-Speed lässt grüßen.

Anders als in China, wo man solche Vorhaben einfach durchdrücken kann, mussten die Münchner aber eine Charmeoffensive starten, um die Menschen im Gäuboden von sich zu überzeugen. Ein Infopavillon wurde eingerichtet, und Horstmeier setzte sich zusammen mit dem Vorstands-Kollegen Milan Nedeljković ins Restaurant „Jedermann“, um persönlich Bedenken auszuräumen. Am Ende kam der Konzern den Bürgern in einigen Punkten entgegen. Um den Wasserverbrauch zu minimieren, wird Regenwasser gesammelt, um die Verkehrsbelastung zu reduzieren, eine extra Straße samt Kreisverkehr gebaut und eine Routenführung für Lkw eingerichtet. Außerdem werden Ausgleichsflächen geschaffen, 500 Bäume und 3000 Büsche gepflanzt und Gebäude begrünt, um die Landschaft nicht zu sehr zu verschandeln. Trotzdem hatte Horstmeier vor dem Bürgerentscheid „eine schlaflose Nacht“, wie sie gesteht.

Dass sich BMW am Ende durchsetzte, habe auch am guten Image des Unternehmens gelegen, meint Bürgermeister Hirtreiter. Doch noch sind nicht alle Gräben zugedeckt. Die BI gibt es noch immer, manche Protest-Plakate hängen noch, und bei einzelnen Mitgliedern scheint der Stachel der Niederlage tief zu sitzen. „Man meidet sich nach Möglichkeit“, zitierte das „Straubinger Tagblatt“ vor wenigen Wochen einen ehemaligen Aktivisten.

Doch es gibt auch viele andere Stimmen, die wie Hirtreiter, bei dem der Riss durch die eigene Familie ging, von einem Neuanfang sprechen. „Jetzt können wir endlich wieder nach vorne schauen“, sagt er. Und da sieht er nicht nur die immer noch nicht angepackte Umgehungsstraße („muss realisiert werden“), sondern auch Jugendliche, die bald zur Batteriefabrik radeln, statt wie bisher ins BMW-Werk nach Dingolfing zu pendeln oder wie Hirtreiters Vater „mit dem Moped nach München“. Hirtreiter ist auch „frohen Mutes“, dass BMW weiter Gewinne einfährt und dadurch die Gewerbesteuer sprudelt. Und das möglicherweise nicht nur wegen BMW, wie der Bürgermeister nebenbei berichtet. Angesichts des Rekordtempos, mit dem die Münchner ihr Bauvorhaben in Niederbayern umgesetzt haben, hätten auch andere europäische Konzerne ihr Interesse an einer Produktionsstätte im Gäuboden bekundet. Das Protestieren, Werben, Überzeugen und Plakatekleben: In Irlbach und Straßkirchen könnte es womöglich bald weitergehen.

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