Dem Super-Kampfjet droht der Absturz

von Redaktion

Auf Konfrontationskurs: Dassault-Chef Éric Trappier, hier mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (re.). © pa

So könnte er aussehen: ein Modell des FCAS, präsentiert bei der Pariser Luftfahrtschau 2019. Daneben eine Begleitdrohne. © By Tiraden/Wikipedia

Berlin – Ursula von der Leyen, damals deutsche Verteidigungsministerin, war begeistert: „Ein großer Tag für die europäische Verteidigungsunion“, sagte sie im Juni 2019. Auf der „Paris Air Show“ unterzeichnete sie gemeinsam mit Spanien und Frankreich eine Vereinbarung für das „Future Combat Air System“, kurz FCAS. Es soll den Eurofighter und die französische Rafale ersetzen. Nicht nur als Kampfflugzeug, sondern als etwas völlig Neues: ein Systemverbund bemannter und unbemannter Akteure. Gemeinsam wollte man auch bei der Tarnkappenfähigkeit (Stealth) den Rückstand zu den USA aufholen. Sechs Jahre später steht das Projekt vor dem Aus.

Dassault-Chef will den Großteil vom Kuchen

An der Entwicklung beteiligt sein sollen Airbus Deutschland, das spanische Unternehmen Indra und der französische Hersteller Dassault Aviation – zu jeweils einem Drittel. Daran will sich Dassault-Chef Éric Trappier aber nicht mehr halten. Dassault fordert die Führung und 80 Prozent Arbeitsanteil. Deutschland und Spanien wären nur noch Junior-Partner in dem auf einen dreistelligen Milliarden-Betrag geschätzten Projekt. Schon 2018 war in einer gemeinsamen deutsch-französischen Pressemitteilung von „French Lead“ die Rede, von französischer Führung.

Die Nervosität ist groß – aber eine Entscheidung muss her. Das weiß auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). „Wir halten an dem Plan fest, bis zum Ende des Jahres eine Entscheidung zu treffen. Ganz egal, wie die aussieht, es wird bis zum Ende des Jahres eine Entscheidung geben“, sagte Pistorius erst vor wenigen Tagen in Berlin. Er habe sich mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) darüber ausgetauscht.

Für Oktober war in Berlin ein Treffen der drei Partner vereinbart – das nicht stattfand. Seine französische Amtskollegin (Catherine Vautrin) habe in einem Telefonat bekundet, am Projekt festhalten zu wollen, so Pistorius. „Aber das ist ja, wie wir alle wissen, nicht alleine eine Frage, die der französische Staat entscheidet, sondern wo auch eben Herr Trappier von Dassault eine offenkundig zentrale Rolle spielt, zumindest in der öffentlichen Kommunikation.“ Dassault 80 Prozent vom Kuchen zu überlassen, kommt für Airbus nicht infrage.

Das FCAS soll von 2040 an den Kampfjet Eurofighter ablösen. Und in Frankreich die von Dassault entwickelte Rafale – so wie der Eurofighter ein zweistrahliges Mehrzweckkampfflugzeug. Das neuartige Luftkampfsystem soll im Verbund mit unbewaffneten und bewaffneten Drohnen fliegen und ist insofern mehr als ein Kampfflugzeug.

Es wäre das dritte Mal, dass europäische Rüstungsprojekte an Frankreich scheitern: 1965 planten Frankreich und Großbritannien ein gemeinsames Kampflugzeug. Zwei Jahre später zog sich Frankreich zurück. So entstand der britisch-deutsch-italienische Tornado. Ähnlich verliefen die Pläne 1983 für ein zweites europäisches Flugzeugprojekt: „Future European Fighter Aircraft“. Frankreich wollte die Systemführerschaft und 50 Prozent der Arbeitsanteile. Die anderen Partner warfen hin, holten dafür Spanien an Bord. So entstand der Eurofighter Typhoon – und in Frankreich die Rafale.

Diesmal hat Deutschland keinen Plan B. Eurofighter-Partner haben sich längst anders orientiert, um ein ähnliches System zu entwickeln. Was also tun, wenn das „Future Combat Air System“ scheitert?

■ Einstieg in das Projekt Edgewing?

Italien, Großbritannien und Japan arbeiten an Edgewing, auch einem Nachfolger für den Eurofighter. Edgewing setzt auf Gleichberechtigung. Bis 2035 soll ein einsatzfähiges System bereit sein. Fünf Jahre vor FCAS. Kann man hier als vierter Partner einsteigen? Vielleicht. Doch mit welcher Verhandlungsposition? Der Kuchen ist verteilt. Da ist wohl kaum mehr rauszuholen als gegenüber Frankreich. Mit Glück eine eigene Endmontagelinie, eher noch eine industrielle Beteiligung bei den begleitenden Drohnen. Oder eine Rolle als nachrangiger Zulieferer. Wartung, Überholung, Reparatur. Überdies könnten andere Nationen, die auf Edgewing setzen – etwa im mittleren Osten –, auf eine industrielle Beteiligung drängen. So würde die Sache noch komplizierter. Außerdem drängt die Zeit. Jeder Tag, der ins Land zieht, schwächt die deutsche Position weiter.

■ Warum nicht mit Schweden?

Es gibt mit Schweden ein weiteres Land in Europa, das erfolgreich ein Kampfflugzeug baut. Das einstrahlige Kampfflugzeug Gripen der schwedischen Firma Saab ist ähnlich aufgebaut wie Eurofighter und Rafale, technisch mit beiden aber nicht auf Augenhöhe. Dafür ist Gripen deutlich wirtschaftlicher. Das war für viele Länder der Hauptgrund für einen Kauf. Tschechien, Ungarn Südafrika, Brasilien und Thailand haben den schwedischen Flieger.

Ist eine Zusammenarbeit von Deutschland und Spanien mit Schweden für künftige Flugzeuge denkbar? Das Triebwerk der Gripen wird bei Volvo gebaut, ist aber ein weiterentwickelter Flugmotor von General Electric (USA). Diese Abhängigkeit könnte mit Hilfe von MTU verringert werden. Auch der Eurofighter profitiert bereits von schwedischer Technik bei der Tranche 5 des Eurofighter wird Arexis integriert, ein System von Saab für Kampfflugzeuge mit neuesten Sensor- und Selbstschutzfähigkeiten.

■ Oder Deutschland im Alleingang?

Könnte Deutschland einen Alleingang wagen? Die technischen Möglichkeiten bestünden. Finanziell würde es eng. Aber muss es ein ganz neues Flugzeug sein?

FCAS und Edgewing gelten als Projekte der sechsten Kampfflugzeug-Generation. Die amerikanische F35 zählt zur fünften Generation, der Eurofighter rangiert zwischen vier und fünf. Was macht den Unterschied? Zum Beispiel die Tarnkappenfähigkeit. Doch in China und Deutschland sind Systeme in der Entwicklung, solche Flugzeuge wieder zu enttarnen. Und Stealth erfordert Kompromisse bei der Aerodynamik.

So überholt ist der Eurofighter gar nicht. Und er macht Entwicklungssprünge. Schon vor Jahren sprach Airbus von einer „Brücke zu FCAS“. Vor allem die Fähigkeit, im Team mit Drohnen zu operieren, müsste in Tranche 5 in Ansätzen vorhanden sein und ließe sich weiterentwickeln. Vorteil: Man fängt nicht bei null an. Nachteil: Deutschland müsste die Weiterentwicklung allein oder mit Spanien schultern. Mit BAE Systems (Großbritannien) und Leonardo (Italien) wären die Partnerländer industriell weiter an Bord. Ein Zweipersonen-Cockpit, das der Eurofighter standardmäßig nicht hat, ist kein Hexenwerk. Für Ausbildungs- und Überwachungszwecke gibt es das bereits.

Zudem gibt es für den Eurofighter einen Markt. Er wird bis mindestens in die 2050er-Jahre im Einsatz sein, nach weiteren Entwicklungsschritten länger. Und absehbar haben die Edgewing-Länder Bedarf an modernisierten „alten“ Kampfjets. Selbst wenn Edgewing 2035 erstmals abhebt und wieder landet, bedeutet das nicht, dass es einsatztauglich ist. Die nötigen Tests dauern oft Jahre.

Für Deutschland könnte die Weiterentwicklung des Eurofighter am Ende vielleicht der einzige Weg sein, um die Verteidigungsfähigkeit in der Luft schnellstmöglich auf ein neues Level zu heben.

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