Taipeh – Ingo Sasgen ist Geophysiker und Klimaexperte an der Uni Augsburg. Er erklärt, warum der Meeresspiegel ansteigt – und inwiefern auch Deutschland betroffen ist.
Könnten auch deutsche Nordseeinseln irgendwann verschwinden?
Ganz ausschließen kann man das sehr langfristig nicht. Durch Deiche und Aufschüttungen hat man zwar Zeit gewonnen, aber das Meer steigt weiter. Die Erwärmung können wir hoffentlich irgendwann stabilisieren. Dann hätten wir zwar ein wärmeres, aber konstantes Klima – mit mehr Starkregen, Dürren, Wetterextremen. Beim Eis ist das anders. Es reagiert sehr langsam. Selbst wenn es nicht noch wärmer wird, schmelzen die Eisschilde in Grönland und der Antarktis weiter – über viele Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende. Der Meeresspiegel kann dadurch um mehrere Meter steigen.
Kann man sagen: Das Eis auf der Welt schmilzt und deshalb steigt das Meer?
Das stimmt nur teilweise. Etwa ein Drittel des Anstiegs kommt von der thermischen Ausdehnung – Wasser dehnt sich beim Erwärmen aus. Zwei Drittel stammen inzwischen vom zunehmenden Schmelzen der Gletscher und der großen Eisschilde in Grönland und der Antarktis. Deshalb steigt der Meeresspiegel immer schneller. Auch die vier verbliebenen Gletscher in den bayerischen Alpen tragen dazu bei, wenn auch in sehr geringem Maß. Ich war kürzlich auf der Zugspitze. Dort sieht man die Reste des Schneeferners und man sieht mit bloßem Auge, wie auch diese letzten Eisfelder bald verschwinden werden. Im Prinzip sind die Gletscher in Bayern ein bisschen wie Tuvalu: Orte, an denen wir die Folgen des Klimawandels zuerst bemerken.
Steigt der Meeresspiegel überall gleich stark?
Nein. Schmilzt in Grönland Eis, verliert das dortige Eisschild Masse und zieht damit das Wasser weniger stark an. Der Meeresspiegel in der Nähe Grönlands sinkt sogar leicht, während er auf der Südhalbkugel überproportional steigt. Umgekehrt wirkt die Antarktis auf den Meeresspiegel auf der Nordhalbkugel. Insgesamt steigt der Meeresspiegel in den tropischen Regionen rund um den Äquator – also auch auf Tuvalu – besonders stark.
Betrifft uns das in Bayern?
Auch Bayern fahren gern ans Meer. Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstenzonen, die weniger als zehn Meter über dem Meeresspiegel liegen. Dort werden Küsten in Zukunft häufiger überflutet, auch bei normalem Wetter. Das sehen wir heute schon in Venedig. Außerdem betrifft es uns finanziell. Küstenschutz ist Ländersache, aber die Kosten werden heute schon über den Bund geteilt. Damit sind auch Binnenländer wie Bayern in der Solidaritätspflicht. Und: Wir sind Mitverursacher. Unsere Emissionen tragen zur Erwärmung der Atmosphäre bei.