Tuvalu: Eine Insel plant ihren Untergang

von Redaktion

Der zwölf Kilometer lange Küstenstreifen kann sich kaum noch über Wasser halten. © Getty Images

Knietief im Wasser: Simon Kofe wandte sich 2021 mit einer alarmierenden Botschaft an die Welt. © Screenshot/YouTube

Taipeh – Als Simon Kofe anfängt zu sprechen, ahnt noch niemand, wo er sich wirklich befindet. Der Mann in dem Anzug steht an einem Podest und blickt eindringlich in die Kamera. „Wir sinken“, sagt er. „Aber das tun letztlich alle anderen auch.“ Während die Weltklimakonferenz in Brasilien gerade wieder über die Eindämmung der Erderwärmung berät, bereiten er und sein Volk sich bereits auf das Schlimmste vor. „Auf den Fall, dass unser Land verschwindet.“ Vier Minuten lang spricht der Politiker, bis die Kamera herauszoomt und zeigt: Kofe steht knietief im Wasser. Mitten im Pazifik, umgeben von türkisblauen Wellen, weißem Sand und Palmen.

Die Rede von Kofe ging um die Welt. Der damalige Außenminister Tuvalus nahm den Clip 2021 auf, weil er nicht zum UNO-Klimagipfel in Glasgow anreisen konnte – es war mitten in der Pandemie. Bis zu dieser Videobotschaft dürften nur die wenigsten von dem Inselstaat gehört haben, ein winziger Punkt auf der Weltkarte, irgendwo zwischen Australien und Hawaii. Doch auf einmal war Tuvalu Thema in den Nachrichten, in den sozialen Medien, es wurde sogar zum Reiseziel für etliche Blogger, die das Pazifik-Paradies noch einmal sehen wollten – bevor es eines Tages verschwinden könnte.

Auf der Insel wird das Trinkwasser knapp

Wann genau das passiert, weiß niemand so genau. Tuvalu besteht aus neun Inseln. Fast die Hälfte der gut zehntausend Einwohner lebt auf Fongafale – einem schmalen, nur zwölf Kilometer langen Streifen, auf dem jeder jeden kennt. Es ist einer der niedrigsten Orte der Welt. Der höchste Punkt liegt kaum viereinhalb Meter über dem Meer. Irgendwann wird auch er versinken, weil die Gletscher der Welt schmelzen und sich das Wasser durch die Erderwärmung ausdehnt.

Dass die Uhr tickt, spüren die Menschen bereits heute. Bei hohen Gezeiten drückt sich Wasser aus dem Boden und es bilden sich Pfützen. Die Küsten kommen näher, das Trinkwasser wird knapp, der Boden wird salziger. Anbau gibt es hier nicht mehr, fast alle Lebensmittel müssen aus dem Ausland importiert werden.

Tuvalu dürfte der erste Staat der Welt sein, der durch den Klimawandel unbewohnbar wird. Forscher schätzen, dass es in 30 bis 40 Jahren so weit sein könnte – sobald es dort kein Süßwasser mehr gibt. Doch das Land steht nicht alleine da. Bedroht sind alle Inselstaaten, die im Schnitt kaum zwei Meter über dem Meeresspiegel liegen – dazu gehören auch Kiribati und die Marshallinseln im Pazifik sowie die Malediven im Indischen Ozean. „Wenn wir von einem mittleren Erwärmungsszenario ausgehen, ist es wahrscheinlich, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um rund 70 Zentimeter steigt“, sagt der Glaziologe Ingo Sasgen (siehe unten). „Aber auch ein Anstieg von zwei Metern kann nicht ausgeschlossen werden.“

In Tuvalu ist das Leben beschaulich wie die Insel selbst. Die wenigsten hier besitzen ein Auto, weil es weder Platz für Verkehr noch für Parkplätze gibt. Nur zwei- bis dreimal pro Woche landet ein kleiner Flieger auf dem Eiland. Es gibt ein Hotel, eine Polizeistation und ein Gefängnis, das nicht einmal richtig abgesperrt ist – wohin sollte man hier auch fliehen?

Doch schon bald könnte für die Tuvaluer ein völlig neuer Lebensabschnitt beginnen. Seit Juni können sie sich für ein Klima-Visum im 4000 Kilometer entfernten Australien bewerben. Das Falepili-Abkommen soll das Überleben der Menschen in Tuvalu sichern. Jedes Jahr dürfen nun 280 Menschen nach Australien umsiedeln, um dort zu leben, zu arbeiten oder zu studieren. Sie werden per Lotterie ausgewählt. Wer das große Los zieht, darf seine Heimat verlassen, bevor sie vom Meer verschluckt wird.

Bewohner wollen nach Australien umsiedeln

Der Andrang ist riesig. Inzwischen haben sich mehr als 80 Prozent der Bewohner beworben. Sollte es in diesem Tempo weitergehen, dürfte es noch 40 Jahre dauern, bis die gesamte Bevölkerung Tuvalus nach Australien umgezogen ist.

Das Australien-Abkommen ist auch deshalb einzigartig, weil es die Souveränität Tuvalus weiter anerkennt – selbst wenn Tuvalu gar nicht mehr existiert. „Bisher gibt es noch keine Regelungen dafür, was passiert, wenn Staaten ihr Staatsgebiet verlieren“, sagt Mechthild Becker, Klimamigrationsexpertin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Nach dem Völkerrecht wird ein Staat durch vier Merkmale definiert: eine Bevölkerung, eine Regierung, Beziehungen zu anderen Staaten – und eben ein eigenes Territorium. In der Vergangenheit wurden Länder höchstens politisch ersetzt (wie etwa die DDR durch die Wiedervereinigung), doch noch nie ist ein Staat einfach von der Weltkarte verschwunden.

Tuvalu gründet die erste digitale Nation

Tuvalus Pläne für den Fortbestand des Landes machen die Sache noch kniffliger. „Während unser Land verschwindet, haben wir keine andere Wahl, als die erste digitale Nation der Welt zu werden“, sagt Simon Kofe. Tatsächlich arbeitet die Regierung an einem virtuellen Duplikat der Insel, in dem Häuser, Strände, Bäume, aber auch Bräuche, Rezepte und Musik gespeichert werden. „Stück für Stück werden wir unser Land erhalten, unserem Volk Trost spenden und unsere Kinder und Enkel daran erinnern, was unser Zuhause einst war“, so Kofe. Doch es geht auch um Selbstbestimmung. Etwa durch digitale Pässe, um Wahlen oder die Registrierung von Geburten weiterhin zu ermöglichen.

Laut Klimaexpertin Becker müsste die Staatengemeinschaft endlich klären, inwiefern Länder, „die den Klimawandel maßgeblich verursacht haben“, Staaten wie Tuvalu unterstützen. „Müssen sie für Schäden und Verluste aufkommen, die schon stattgefunden haben oder nicht mehr abwendbar sind? Und wenn ja, in welchem Umfang?“ Kleine Inselstaaten stünden „an vorderster Front“ der Klimakrise. „Sie sind die Leidtragenden des ungebremsten Klimawandels, obwohl ihr Beitrag an globalen Treibhausgasemissionen verschwindend gering ist.“

So sieht man es auch in Tuvalu. Noch hat sich nicht jeder damit abgefunden, dass der Inselstaat vor dem Untergang steht. Das Land brauche „echte Zusagen“ von anderen Staaten, sagte etwa Klimaminister Maina Talia unlängst. „Landgewinnung, der Bau von Schutzwällen und die Stärkung unserer Widerstandsfähigkeit haben für uns oberste Priorität.“ Es gelte das Verursacherprinzip: „Wer verschmutzt, der zahlt.“ Irgendwann müsse man die Industrieländer zur Rechenschaft ziehen, forderte Talia. In der Zwischenzeit bereiten sich die Tuvaluer weiter auf den Untergang ihrer Heimat vor.

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