Der perfekte Christbaum braucht viel Liebe

von Redaktion

Michael Spennesberger verletzt die Spitze mit einer Zange, das bremst das Wachstum.

Die Pflegeanschnitte hinterlassen Narben am Stamm.

Formvollendet: So sieht die perfekte Krone einer Nordmanntanne aus.

Hier wächst Weihnachten: Stefan und Sohn Michael Spennesberger auf ihrer Tannenbaum-Plantage in Oberweilbach, einem Ortsteil der Gemeinde Hebertshausen. Rechts ist ein Teil der Wasserbesprengung zu sehen. © Norbert Habschied (4)

Oberweilbach – Als wir zu Besuch sind, herrscht noch die Ruhe vor dem Sturm. Im Tannenhof Oberweilbach im Landkreis Dachau wird alles vorbereitet für die Zeit, die für Chef Stefan Spennesberger das Jahresgeschäft bedeutet. Gerade verlässt ein Lkw voller Christbäume den Hof. „Die sind für einen Weihnachtsmarkt in München“, sagt der Tannenbauer. Der 51-Jährige wirft einen prüfenden Blick über den Hof. „Die Anspannung ist schon da“, sagt er. Seit Samstag ist Ernstfall. In einem Umkreis von 50 Kilometern rund um Oberweilbach kann man auf Parkplätzen, an Supermärkten und auf Weihnachtsmärkten Spennesberger-Bäume kaufen. Und natürlich auf dem Tannenhof selbst.

Der Tannenhof ist ein Familienbetrieb und einer von rund 400 bayerischen Christbaum-Anbauern. Wie auf den meisten Plantagen im Freistaat wird hier konventionell gewirtschaftet. Angefangen mit den Bäumen haben die Eltern in den 1980er-Jahren. Damals noch viel kleiner – und mit Blaufichten neben den Tannen. „Blaufichten waren zu dieser Zeit noch sehr beliebt“, sagt Spennesberger. Mittlerweile baut er nur mehr Nordmanntannen an. „Fichten werden nur noch vereinzelt nachgefragt.“

Spennesberger führt auf das erste Feld direkt neben dem Hof. Links stehen einige sehr hohe Tannen, die ziemlich gerupft aussehen. „Ein Frostschaden“, erzählt der Chef. Gepflanzt wurden sie 2012, sie wuchsen und gediehen, bis es im Winter 2017/2018 so warm wurde, dass die Bäume erste Knospen ausbildeten, die dann, als es wieder kalt wurde, erfroren. Als Christbäume taugen sie nicht mehr – also lässt Spennesberger sie erst mal stehen und verwertet jetzt die Tannenzweige. Die werden für Adventskränze und Dekorationen auch immer gebraucht.

Frost ist ein Thema bei den Anbauern. In diesem Jahr war es der Spätfrost im Frühjahr. In ganz Deutschland, aber auch in anderen großen Erzeugerländern wie Dänemark, sorgten die eisigen Temperaturen im Mai für große Schäden auf den Plantagen. Dazu kamen ein ungewöhnlich trockenes Frühjahr und ein in Nordbayern sehr trockener Sommer. Vor allem Neuanpflanzungen haben gelitten, beklagen dort einige Anbauer. Martina Kippes, die unter anderem im Gramschatzer Wald nördlich von Würzburg Christbäume anbaut, schätzt, dass zwischen 30 und 40 Prozent ihrer jungen Tannen vertrocknet sind.

In Oberweilbach halten sich die Schäden in Grenzen. „Wir hatten in Summe genug Niederschlag“, sagt Spennesberger. Und gegen den Frost hat er schon vor Jahren in eine Beregnungsanlage investiert. „Dieses Jahr haben wir die Anlage tatsächlich gebraucht“, sagt er. Bedroht Spätfrost die Triebe, beregnen die Sprinkler die Bäume mit feinen Wassertropfen. Über den Trieben bildet sich eine Eisschicht. Durch die Erstarrungswärme, die entsteht, wenn Wasser gefriert, schützt die Eisschicht die Triebe vor dem Erfrieren. In fünf Nächten lief die Anlage im Mai. Insgesamt 15 Stunden. Die Beregnung muss so lange durchgeführt werden, bis das Thermometer wieder den Plusbereich erreicht. „Das sind so Nächte, in denen schläft man nicht“, erzählen Stefan und sein Sohn Michael. Zu viel steht für das Unternehmen auf dem Spiel.

Der Tannenhof gehört mit 60 Hektar Anbaufläche an drei Standorten zu den größeren Erzeugern in Bayern. Die meisten anderen wirtschaften auf ein bis fünf Hektar, sagt Thomas Emslander, Vizechef des Verbands der Bayerischen Christbaum-Anbauer. Verkauft werden im Freistaat im Jahr rund vier Millionen Bäume, wobei die Zahl seit einigen Jahren leicht, aber stetig zurückgeht. „Wir haben in Bayern immer mehr Single-Haushalte, in denen kein Baum zu Weihnachten gekauft wird“, sagt Emslander. Und der Plastikbaum erfährt immer mehr Zuspruch. „Die Menschen glauben, so ein Plastikbaum sei ökologischer.“ Emslander ist da anderer Meinung. Auch wissenschaftliche Studien stellen den künstlichen Tannen ein eher schlechtes Zeugnis aus (Artikel unten).

Zurück auf die Plantage mit den echten Tannen. Acht bis zehn Jahre wachsen sie hier, rund 20 Prozent Verlust rechnet Stefan Spennesberger ein. „Wir sind eine Fabrik ohne Dach, irgendetwas ist immer“, sagt er. „Mal ist es das Wetter, mal der Frost, mal wachsen die Bäume einfach nicht so gut.“

Neun Jahre Plantage bis zum Verkauf

Fast täglich ist er auf den Plantagen unterwegs. „Die meisten denken, die Tannen wachsen von alleine“, sagt er und zeigt auf das Feld mit neu angepflanzten Bäumen. „Aber es steckt viel Arbeit drin, dass sie zu schönen Christbäumen werden.“ Das beginnt mit Maßnahmen zur Bodenverbesserung mit Zwischenfrüchten – zur Lockerung des Bodens, damit die Wurzel besser laufen kann, wie das im Fachjargon heißt. Bis hin zur Pflanzung der etwa drei bis vier Jahre alten Tannen, die Spennesberger von mehreren Baumschulen bezieht.

Im vierten Jahr auf der Plantage, wenn alles gut geht, beginnt der Formschnitt. Die unteren Äste werden entfernt, damit der Baum besser durchlüftet. „Wir haben dadurch sehr viel weniger Probleme mit Pilzkrankheiten und Schädlingen.“ Die Spitze des Baumes, der Terminaltrieb, wird mit einer speziellen Zange verletzt, was ihr Wachstum verlangsamt. So wird die Spitze nicht zu lang. Das nämlich mögen die Kunden nicht. Ebenso wenig wie zu buschige Christbäume, weshalb auf der Plantage die Tannen regelmäßig per Hand und Maschine in Form gebracht werden. Der ideale Weihnachtsbaum aus Käufersicht ist die schlanke Nordmanntanne zwischen 1,80 und zwei Metern.

Durchschnittlich neun Jahre verbringt ein Tannenbaum in der Plantage, bis er verkauft wird. Dieses Jahr kostet der Meter Nordmanntanne je nach Qualität zwischen 23 und 30 Euro und damit knapp einen Euro mehr als im vergangenen Jahr.

Auf dem Tannenhof können die Käufer ihren Baum auch selbst schlagen, das sei sehr beliebt, vor allem bei jungen Paaren und Familien, sagt Stefan Spennesberger. Die Tannen sind entsprechend etikettiert, denn alle Bäume stehen nicht zum Verkauf. Seinen eigenen Christbaum hat der Tannenbauer schon im Sommer ausgesucht. Ein besonders hässlicher, der nicht zum Verkauf taugt? Spennesberger lacht. „So weit kommt’s noch!“ Nein, der Familienbaum sei ein schönes Exemplar. „Auch wir wollen uns freuen, wenn wir unseren Christbaum am Heiligen Abend anschauen.“

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