Im heiligen, blutenden Land

von Redaktion

Sie feierte mit Freunden auf dem Supernova-Festival, als die Hamas kam: Michal Ohana. © Alon Spiegel/fkn

An der Grenze zu Gaza: Moran Freibach. © Steffi Witte/FKN

Bewältigungsort für ein ganzes Land: Plakatwände erinnern an die 378 Besucher des Supernova-Festivals, die die Hamas am 7.Oktober 2023 missbrauchte, folterte, tötete. © Abir Sultan/EPA

Tel Aviv – Er kneift die Augen zusammen, wischt sich über die glänzende Stirn, dann steht er da wie ein störrischer Baum in der Wüste. Kurz, ohne hinzuschauen, weist Moran Freibach über den Streifen Ackerland, der den Kibbutz Nahal Oz im Westen Israels vom Land dahinter trennt. Durch den Zaun sind Trümmer zu sehen, früher Häuser, zu Asche gebombt. Da drüben, sagt Freibach dann, da sei das Reich des Terrors.

Früher dachte er anders. Der Landwirt beschäftigte dutzende Arbeiter aus Gaza, sie verdienten gut bei ihm, abends trank man zusammen Kaffee. Er glaubte an ein Zusammenleben, vielleicht zwei Staaten, und daran, dass die Palästinenser das Geld investieren, in Bildung, ihre Kinder, eine bessere Zukunft. „Ich lag falsch“, sagt er heute. „Alles, was ich denen gezahlt habe, haben sie in den Terrorismus gesteckt.“ Beweisen kann er das nicht – aber er hat keinen Zweifel.

Mehr als zwei Jahre sind seit dem Überfall der Hamas vergangen. Israel kämpft, mit dem Erlebten, gegen seine Feinde. Dabei scheint es heute einsamer als vor dem Massaker. Anfangs war die Solidarität groß, aber sie schwand mit jeder neuen Bombe auf Gaza. 70 000 tote Palästinenser, ein Genozid? Die Frage wühlt nicht nur Europa auf. Freibach bekam die Angriffe der Armee auf Gaza quasi täglich mit. Falls er Mitleid empfindet, verbirgt er es gut. „Ich will nichts mehr mit diesen Leuten da zu tun haben“, sagt er. Er wünsche niemandem den Tod. Aber Strom und Wasser sollten die Palästinenser am besten woanders hernehmen.

Dann weg vom Zaun, rein in den Kibbutz, es knirscht auf dem Weg. Patronenhülsen, bis heute hat sie niemand weggeräumt. Stumm erzählen sie davon, was die Hamas am 7. Oktober 2023 hier anrichtete.

Eigentlich hatten die 400 Bewohner an diesem Tag ein Fest geplant, 70 Jahre Kibbutz Nahal Oz, alles war vorbereitet. Doch im Morgengrauen öffnete sich die Hölle. Um 6.30 Uhr zischten Raketen aus Gaza herüber, eine halbe Stunde später fielen die ersten Terroristen ein, auf Pickups, Motorrädern. Sie wüteten, wie besessen, aber nach Plan. Ein Haus nach dem anderen nahmen sie sich vor, machten eine 17-jährige Geisel zum Köder, um die Bewohner herauszulocken – und zu töten. Freibach, von den Nachbarn per Whatsapp gewarnt, blieb mit seiner Frau und den fünf Kindern im Schutzraum seines Hauses, elf Stunden lang. Eine Flasche als Klo, ein fauliger Apfel für den Kleinsten, kein überflüssiges Wort. Erst um 17.30 Uhr hatten Soldaten die Terroristen besiegt. 15 Kibbutz-Bewohner waren tot, acht wurden verschleppt.

„Ich dachte früher, die Hamas habe es auf unsere Soldaten abgesehen“, sagt der Landwirt. „Jetzt weiß ich, dass die da drüben uns töten wollen. Mich.“ Hassten ihn vielleicht sogar seine Landarbeiter? Heute blickt er anders auf den Konflikt, die Palästinenser. Das wenige Vertrauen ist weg, nicht nur bei ihm. Das Gefühl, von Feinden umgeben zu sein, kennt Israel schon lange. Das Gefühl, derart verwundbar zu sein, ist neu.

Das macht die Sache noch komplizierter, für alle. Israels Regierung ist noch wachsamer als vor dem bestialischen Hamas-Massaker, manche sagen: aggressiver. In Gaza sterben, trotz Waffenruhe, noch immer Palästinenser, regelmäßig greifen die Israel Defence Forces (IDF) Ziele im Libanon, in Syrien, im Jemen an. Nicht zu vergessen: der Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran. Israel sagt, es gehe punktuell vor, auch während des Gazakriegs habe man Zivilisten stets gewarnt, die Hamas habe die Menschen aufgehalten, dem Tod überlassen. Kritiker sagen: Die rechte, in Teilen rechtsextreme Regierung habe jedes Maß verloren. Hat sie?

„Wir sind in einem großen Krieg mit Kräften, die man zusammen denken muss“, sagt Israels Präsident Izchak Herzog bei einem Empfang in Jerusalem. Er meint den Iran und die von ihm gesponserten Milizen: Hisbollah, Huthis, Hamas. „Wir sehen Israel auch als Schutzmacht für Europa.“ Der Hinweis kommt nicht zufällig, gerade in Europa ist die Kritik an Israels Handeln groß. Selbst Deutschland, dem Land historisch eigentlich tief verpflichtet, schränkte seine Waffenlieferungen über Monate ein. Am Sonntag sagte Kanzler Friedrich Merz in Jerusalem, auch Israel müsse sich am Völkerrecht messen lassen. Das Embargo sei ein nötiges Zeichen gewesen.

Was würde Shani dazu sagen? Oder Matan? Oder Ben? Von Gedenktafeln herunter lachen sie jedem zu, der vorbeikommt an diesem traurigen Ort. Hamas-Kämpfer ermordeten sie, wie knapp 400 andere, meist junge Besucher des Supernova-Festivals. Das Gelände liegt nicht weit von Nahal Oz entfernt, es ist eine Pilgerstätte geworden, Bewältigungsort für ein ganzes Land. Ein Zelt steht noch da und ein Container, in dem sich Festival-Besucher vor den Mördern versteckten, vergebens. „Ich glaube, der Staat ist froh, dass wir hier waren“, sagt eine junge Frau, auf deren Unterarm sich Blumentattoos ranken. „Wir haben das Land vor noch Schlimmerem bewahrt.“

Michal Ohana, 28 Jahre alt, hat das Supernova-Massaker überlebt. Sie lächelt, aus Höflichkeit, ihre dunklen Augen nicht. Zu viel ist passiert. Laut Untersuchungsbericht wusste die Hamas nichts von dem Festival, entdeckte es zufällig. Die rund 100 Terroristen, die eigentlich weiter ins Landesinnere wollten, um dort zu töten, witterten ihre Chance. Sie blieben – und gingen auf Menschenjagd. Es gibt Videos davon, auch Ohana zeigt eines auf ihrem Handy. Sie nahm es auf, damit die Welt erfahren würde, wie sie starb.

„Ich fühlte mich anfangs so schuldig, überlebt zu haben“, sagt Ohana heute. Viele ihrer Freunde sind tot, sie nicht, aber es war knapp. Sie flüchtete im Auto vom Festivalgelände, wie viele andere, aber Terroristen fingen sie unterwegs ab. Ohana wurde angeschossen, ins Bein, sie schleppte sich unter einen gestrandeten Panzer der Armee, rief ihre Mutter an: „Mama, ich lieb dich, aber sie haben mich getroffen.“ Zwei Minuten dauerte das Gespräch, dann legte Ohana auf, um Akku zu sparen. „Ich lag blutend da, niemand kam zu Hilfe.“ Stundenlang lag sie da, in Todesangst.

Das Gelände füllt sich, Menschen wandern zwischen den Bildertafeln hindurch, andächtig, wie auf einem Friedhof. Ohana ist gern hier, sie fühlt sich ihren Freunden nahe, die nicht mehr sind, für sie ist es Teil der Therapie. Plötzlich knallt es, einmal, zweimal. Granaten, Gewehrfeuer? Mancher zuckt zusammen, aber nur kurz, das Geräusch löst keine Angst mehr aus. Drüben in Gaza gibt es an diesem Tag wieder tote Palästinenser, sie bleiben namenlos. Täglich neues Leid, das sich auf das alte stapelt, hier im blutenden, heiligen Land.

Natürlich gab es auch in Israel Widerstand gegen die Härte der Netanjahu-Regierung, vor allem aber aus Sorge um die Geiseln und die eigenen Soldaten. Laut einer Umfrage vom Juli sorgten sich 86 Prozent der arabischen Israelis wegen des Hungers und des Leids in Gaza, 79 Prozent der jüdischen Israelis waren nicht beunruhigt. Die Armee, sagten sie, tue alles, um Zivilisten zu schonen. Die eigene Sicherheit hat Priorität. Nie wieder wollen sich die Menschen in Israel so ausgeliefert fühlen wie am 7. Oktober.

„Israel hat seine Strategie völlig geändert“, sagt Sarit Zehavi. Bei der kleinsten Aktivität der islamistischen Hisbollah schlage man zu. Zehavi, Gründerin der NGO Alma, steht auf dem Mount Meron im Norden Israels, von hier aus kann man über die Grenze zum Libanon sehen. Kampfjets jagen durch den Himmel, drüben sind drei Dörfer zu sehen, ein christliches, zwei schiitische. Letztere völlig zerstört. Die Islamisten hatten in den Häusern ganz normaler Leute Waffen versteckt, sagt Zehavi. „Für einen Tag X. Die Hisbollah hatte hier das Gleiche vor wie die Hamas.“

Warum es anders kam? „Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage“, sagt Zehavi. Der Überfall blieb aus, dafür flogen täglich Raketen; so viele, dass die israelischen Grenzorte für Monate evakuiert werden mussten. Israel schlug hart zurück. Die Hisbollah ist heute massiv geschwächt, aber Berichten zufolge pumpt der Iran schon wieder Geld in den Wiederaufbau. Die Bedrohung hört nicht auf.

Trotzdem kamen 80 Prozent der Menschen zurück hierher, es ist ihre Heimat. Auch im Kibbutz Nahal Oz ist wieder Leben. Moran Freibach, der Landwirt, kehrte schon drei Tage nach dem Massaker zurück, bestellte die Felder, fütterte das Vieh, kaufte neue Traktoren. Arbeit ist seine Therapie. „Wir bauen alles wieder auf“, sagt er, „größer und besser.“ Der Terror soll nicht das letzte Wort haben.

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