Die lebensbedrohliche Erkrankung im CT-Diagnosebild: An dieser Stelle rissen die Wandschichten der Aorta ein. © A. Schmidhuber
Richard Rzeznik (3. v. re.) mit den Experten im Deutschen Herzzentrum München: (v.li.) Amelie Plettenberg, Simone Bilz, Dr. Jakob Kemmer, Prof. Markus Krane, Dr. Elda Dzilic, Dr. Christian Nöbauer und Dr. Agata Paszko. © Astrid Schmidhuber
Richard (hinten) und Familie an Heiligabend 2024: (v. li.) Sohn Alexander, Frau Hanna, die Enkel Mikko (mit Katze Maxl) und Luca, Tochter Magdalena. Vorne: Golden Retriever Timi. © privat
Obersöchering – Er stand schon mit einem Fuß im Jenseits. Nach einem Riss in der Hauptschlagader drohte Richard Rzeznik innerlich zu verbluten. Doch der 66-Jährige überlebte das Herz-Drama, weil seine Ärzte alles richtig gemacht haben. An Heiligabend 2024 wurde er aus dem Deutschen Herzzentrum München entlassen – zehn Tage nach seiner heiklen Not-OP und gerade rechtzeitig, um mit seiner Familie „unser Weihnachtswunder“ zu feiern. Richards Rettung gilt als Paradebeispiel dafür, was die moderne Spitzenmedizin leisten kann.
Der lebensbedrohliche Notfall (siehe Kasten) kündigt sich trügerisch harmlos an: Als Richard an einem Adventssamstag vor einem Jahr in Garmisch-Partenkirchen und Murnau durch Geschäfte bummelt, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen, fühlt er sich schlapp und müde. „Ich dachte, ich werde krank“, erinnert sich der 66-Jährige. Kurz darauf kämpft er um sein Leben. Das Protokoll der dramatischen Stunden.
21 Uhr: Richard telefoniert mit einem Freund. Während des Gesprächs wird ihm übel. „Plötzlich bekam ich extrem heftige Brust- und Rückenschmerzen.“ Er legt auf, um im Garten frische Luft zu schnappen. „Es ging alles so schnell. Plötzlich konnte ich nicht mehr klar denken, habe es gerade noch zu meinen Nachbarn geschafft.“ Dort bricht er bewusstlos zusammen – nur wenige Minuten nachdem die starken Schmerzen begonnen haben. Die vielleicht zehn, zwölf Meter, die er sich noch auf den Beinen hielt, retten ihm womöglich zum ersten Mal das Leben. Denn Richard ist während seines Notfalls alleine zu Hause in Obersöchering (Kreis Weilheim-Schongau), seine Frau Hanna besucht an diesem Wochenende ihre Tochter Magdalena und die Enkel Mikko und Luca in Haag (Landkreis Mühldorf).
21.15 Uhr: Der Rettungswagen bringt Richard in die Unfallklinik Murnau. Dort veranlassen die Ärzte sofort eine Computertomografie (CT) – ein zweiter Schlüsselmoment im Kampf um seine Rettung. Es kristallisiert sich eine Aortendissektion Typ A heraus. Aus dem Medizinerdeutsch übersetzt: ein Schlagader-GAU. „Dabei reißt die innerste Wandschicht der Aorta ein, sodass sich Blut zwischen den Wandschichten ansammelt. Gefäße, die von der Aorta unter anderem zum Herzen oder zum Gehirn führen, können eingeengt werden. Unter dem enormen Druck kann auch die äußerste Wandschicht der Aorta einreißen. Dann verblutet der Patient in kurzer Zeit“, erklärt Professor Markus Krane, Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie im TUM Klinikum Deutsches Herzzentrum.
23 Uhr: Dank der schnellen CT-Untersuchung in Murnau ist der Wettlauf gegen die Zeit noch nicht verloren. Die Ärzte organisieren im Expresstempo eine Verlegung ins Deutsche Herzzentrum München.
0 Uhr: Ein Ärzte-Team bereitet Richard für den Hubschrauberflug vor, kurz nach Mitternacht hebt die Maschine ab.
0.30 Uhr: Der Patient landet am Herzzentrum. Im Hintergrund laufen bereits die OP-Vorbereitungen. Ein Team um den erfahrenen Herzchirurgen Dr. Christian Nöbauer steht bereit, um so schnell wie möglich zu beginnen.
2 Uhr: Die Marathon-OP beginnt. „Wir haben die Aortenklappe, die Aortenwurzel, die aufsteigende Aorta und einen Teil des Aortenbogens ersetzt. Darüber hinaus haben wir die absteigende Aorta mit einem Stent versorgt“, berichtet Funktionsoberarzt Nöbauer.
8 Uhr: Nach sechs Stunden ist der Eingriff beendet, das OP-Team atmet durch. Es stand unter hohem Druck, denn eine OP wegen einer Aortendissektion Typ A gehört zu den schwierigsten der Herzchirurgie. Richard kommt auf die Intensivstation. Seine Familie betet, dass er überlebt. Auch eine schwere Behinderung kann nicht ausgeschlossen werden. „Die Ärzte sagten mir, dass Richards Gehirn Schaden genommen haben könnte“, erinnert sich seine Frau Hanna. Im Herzzentrum bangt sie mit Tochter Magdalena und Sohn Alexander um den geliebten Ehemann, Vater und Opa.
Die nächsten Stunden: Sie sind entscheidend. Richard liegt auf der Intensivstation. Der erste Hoffnungsschimmer: Er wird wach. „Ich konnte mich an nichts erinnern, wusste gar nicht, dass ich in München bin“, erzählt der 66-Jährige. Doch der Mann ist hart im Nehmen. „Er erholte sich erstaunlich schnell“, berichtet Herzchirurg Nöbauer. „Bereits nach einem Tag konnten wir ihn auf die Normalstation verlegen.“ Am 24. Dezember 2024 gibt das Ärzte-Team grünes Licht für seine Entlassung. Für seine Familie zählt an diesem Heiligabend nur ein Geschenk. Es sitzt neben ihnen vor dem Christbaum.