Von Bethlehem in die Wohnstuben

von Redaktion

Die Mindelheimer Jesuitenkrippe in der dortigen Jesuitenkirche hat rund 80 etwa einen Meter große Figuren. © pa

Die Marktredwitzer Krippenkultur in Oberfranken zählt zum Immateriellen Kulturerbe in Deutschland. © pa

Alpenländische Weihnachtskrippe in Piding (Berchtesgadener Land). Hier die Heiligen Drei Könige, prunkvoll gekleidet. © pa

Eine Barockkrippe in der Stiftskirche in Laufen im Rupertiwinkel, Berchtesgadener Land. Die 80 Zentimeter großen Figuren sind Gliederpuppen und damit voll beweglich. © pa

Neapolitanische Weihnachtskrippe: Diese Krippen sind typischerweise sehr groß und figurenreich und zeigen auch das alltägliche Leben in Neapel. © Picture Alliance

Die Mechanische Krippe in Altötting misst 25 Quadratmeter und gilt als größte und künstlerisch wertvollste Krippe dieser Art in Deutschland. Sie hat nur einen Elektromotor. © sb

Geboren in einer Wurzelhöhle: die Krippe in St. Anton, einer katholischen Kirche in Kempten im Allgäu. © Picture Alliance

München – Bereits im Weihnachtsevangelium ist von der Futterkrippe die Rede, in die Maria das neugeborene Kind legte. Wann jedoch erstmals versucht wurde, diese Szene bildlich oder räumlich darzustellen, lässt sich heute nicht mehr eindeutig bestimmen.

Als frühestes Zeugnis gilt eine Begebenheit aus dem Jahr 1223: Der heilige Franziskus von Assisi inszenierte in der Nacht zum 25. Dezember im italienischen Greccio eine Feier mit lebenden Menschen und Tieren, als Nachbildung der Geburtsgrotte von Bethlehem. Ob dies tatsächlich die „Geburtsstunde“ der Weihnachtskrippe war?

Eine entscheidende Rolle für die Verbreitung der Krippen spielten ab dem 16. Jahrhundert die Jesuiten. Sie förderten Kirchenkrippen bewusst als anschauliche Vermittlung katholischer Glaubensinhalte – nicht zuletzt im Gegensatz zur reformatorischen Bilderkritik. Eine der frühesten belegten Kirchenkrippen wurde 1562 in Prag aufgestellt und sorgte für großes Aufsehen. Bald wurden Krippen zu regelrechten Publikumsmagneten.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich bestimmte Regionen zu klassischen „Krippenländern“. Dazu zählen bis heute Tirol, Oberösterreich und Bayern ebenso wie Neapel und Sizilien in Italien. Hier entstand eine beeindruckende Vielfalt an Formen, Materialien und Darstellungsweisen. Neben kostbaren Bühnenkrippen aus der Barockzeit, insbesondere aus Süddeutschland und Neapel, fanden sich bald auch ungewöhnliche und teils kuriose Schöpfungen: Nähkastenkrippen oder sogenannte Wurzelkrippen, bei denen weiß gekalkte Wurzelstücke eine alpine Bergwelt nachbilden.

Weit verbreitet waren und sind bis heute Heimatkrippen. In ihnen tragen die Figuren regionale Trachten, die Szenerie zeigt bäuerliche Ansiedlungen oder vertraute Hauskulissen. Häufig stammen die Figuren aus der heimischen Volkskunst: In vielen Gegenden wurden sie im Nebenerwerb geschnitzt, meist von Männern, während Frauen die Bemalung übernahmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es jedoch zu einem Niedergang der traditionellen Holzwarenproduktion. Einfache Darstellungen wurden zur Massenware, oft anonym gefertigt.

Neben der klassischen Darstellung der Geburt Christi entwickelten sich im Laufe der Zeit komplexere Formen. Aus dem Wunsch heraus, den gesamten Weihnachtsfestkreis plastisch darzustellen, entstand die sogenannte Wechselkrippe. Hier werden die Etappen der Weihnachtsgeschichte anhand wechselnder Szenen erzählt: von der Verkündigung Mariens und der Herbergssuche über die Anbetung der Hirten bis hin zur Anbetung der Könige. Figuren und Kulissen werden dabei ausgetauscht, was vor allem bei offenen Landschaftskrippen gut möglich ist. In Simultankrippen hingegen sind mehrere Szenen gleichzeitig nebeneinander dargestellt. Mancherorts war es Brauch, im Ort von Haus zu Haus zu gehen, um besonders aufwendige Privatkrippen zu bestaunen, man nannte dies „Kripperl schaun“.

Inhaltlich dominieren bis heute die Szenen der Anbetung der Hirten, die traditionell bis zum 4. Januar gezeigt wird, sowie die Anbetung der Könige ab dem 5. Januar bis Mariä Lichtmess. Seltener geworden sind Darstellungen wie der Bethlehemitische Kindermord, der früher oft als Wechselszene zum Fest der Unschuldigen Kinder am 28. Dezember aufgestellt wurde. Auffällig ist, dass viele Krippen über die Jahrhunderte „gewachsen“ sind: Der Figurenbestand wurde stetig erweitert, ergänzt und verändert.

Gerade die barocken Bühnenkrippen erreichten eine enorme Pracht. Mitte und Ende des 18. Jahrhunderts waren Krippen mit über hundert Figuren keine Seltenheit. Es handelte sich dabei häufig um kunstvoll gearbeitete Gliederpuppen mit stoffbekleideten Körpern, Holzarmen und -beinen sowie charaktervollen Köpfen, teils aus Wachs gefertigt. Die Stoffe stammten nicht selten aus Resten der Herstellung kirchlicher Ornate und waren entsprechend kostbar: Brokat- und Seidenstoffe, Gold- und Silberborten sowie feine Spitzen prägten das Erscheinungsbild. Da viele dieser Figuren über Jahrhunderte hinweg genutzt wurden, waren sie um 1900 oft in schlechtem Zustand. Vereine von Krippenfreunden widmeten sich ihrer Restaurierung und trugen so wesentlich zum Erhalt dieses Kulturerbes bei.

Im 19. Jahrhundert veränderten sich Stil und Material. Neben geschnitztem Holz kamen Gips, Papiermaché und andere Materialien zum Einsatz, später auch Wachsfiguren mit Glasaugen. Der orientalische Typus der Krippe gewann an Beliebtheit: idealisierte Landschaften Palästinas, Hügelketten, Oasen, orientalische Stadtansichten und ruinöse Architektur mit der Geburtsgrotte im Zentrum. In der Romantik und im Historismus prägte der sogenannte Nazarenerstil ein schlichteres, frommeres Erscheinungsbild, bevor sich viele Krippenbauer wieder bewusst der Heimatkrippe zuwandten.

Technische Innovationen bereicherten die Krippenkunst. Mechanische Krippen und Krippenautomaten sind seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Papierkrippen verbreiteten sich seit dem 18. Jahrhundert: zunächst handgemalt, später gedruckt und mit Schablonen koloriert. In den Familien wurden die Figuren ausgeschnitten und zusammengeklebt, die Landschaft aus Moos, Wurzeln, Holz und Gips gestaltet.

Die häusliche Weihnachtskrippe blieb lange vor allem städtischen, meist katholischen Familien vorbehalten. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sie sich stärker durch und fand um 1900 auch Eingang in protestantische Haushalte. In der religiösen Unterweisung der Kinder nahm sie einen festen Platz ein. Zwischen 1918 und 1933 erreichte eine Erneuerungsbewegung der christlichen Kunst auch die Krippen, begleitet von zahlreichen Vereinsgründungen. Seit den 1970er-Jahren entstanden neue Formen wie die Blockkrippe, und seit den 1990er-Jahren laden Krippenwege mit gestalteten Fenstern von Privatleuten und Geschäften zum Spaziergang ein. Lebende Krippen und Krippenspiele auf Weihnachtsmärkten haben sich seit den 1980er-Jahren etabliert.

Wer Krippenkunst heute erleben möchte, findet in Bayern eindrucksvolle Beispiele. Die Mechanische Krippe in Altötting zeigt über 130 handgeschnitzte Figuren, von denen fast 50 durch einen einzigen Elektromotor bewegt werden. Sie stellt Szenen aus dem Heiligen Land zur Zeit der Geburt Jesu dar, wurde 1928 eröffnet und nach umfassender Restaurierung im Oktober 2022 neu aufgestellt. Eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen hat das Bayerische Nationalmuseum in München mit Krippen aus mehreren Jahrhunderten, darunter herausragende alpenländische und süditalienische Werke. Weitere Ausstellungen sind unter anderem im Mittelschwäbischen Heimatmuseum Krumbach, im Diözesanmuseum Bamberg und im Stadtmuseum Abensberg zu sehen.

So zeigt die Geschichte der Weihnachtskrippe eindrucksvoll, wie sich Frömmigkeit, Kunsthandwerk und regionale Traditionen über Jahrhunderte hinweg miteinander verbunden haben und bis heute das Weihnachtsfest auf besondere Weise prägen.

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