Das Lieblingsschloss des Märchenkönigs

von Redaktion

Ein Bett als Schmuckstück: Das Schlafzimmer in ist nicht weniger prunkvoll als die übrigen Räume. © Andreas Mayr

Sonderanfertigung für seine Majestät: Der Lüster aus Meissener Porzellan im Speisezimmer. © Andreas Mayr

Vertraute Umgebung: Kastellan Christian Misniks im Spiegelzimmer von Schloss Linderhof. © Andreas Mayr (3)

Imposantes Treppenhaus: Über Stufen aus Carrara-Marmor geht es in die königlichen Gemächer.

Idylle am Morgen: Noch ist es vor dem Schloss menschenleer. Doch die ersten Besucher werden bald kommen.

Linderhof – Christian Misniks schaut in den Spiegel. Und sieht, wie das Zimmer voller Spiegel immer größer wird. Die Kerzen, die feinen vergoldeten Schnitzereien und Stuckarbeiten, die kleinen Vasen und der Kronleuchter aus Kristallglas. All das, scheint sich hier zu vervielfachen. Auch Misniks – groß, schlank, graues dichtes Haar, Brille – hat plötzlich viele Doubles vor seinen Augen. Wer wie der 60-Jährige im Spiegelzimmer von Linderhof steht, sieht nicht nur, wie prunkvoll dieses Schloss von Ludwig II. ist. Sondern auch, wie durchdacht. Die Illusion mit den Spiegeln ist kein Zufall. Sie ist gewollt. Vom Bauherrn höchstpersönlich. Zufälle gibt es in Schloss Linderhof, das seit diesem Jahr zum Welterbe zählt, nicht.

Misniks drückt die Klinke nach unten. Keine gewöhnliche Eingangstür, die Flügel sind mit Blattgold verziert. „Hereinspaziert“, sagt er. Und geht vorbei an einer großen Reiterstatue und Marmorsäulen, von der Decke scheint symbolisch die Sonne herab. Was viele zum Staunen bringt, ist für Misniks ein vertrauter Anblick. Seit 1988 arbeitet der gebürtige Linderhofer in Linderhof. Fast genauso lange hat er als Kastellan das Sagen im Schloss. Dort, wo Ludwig II. insgesamt etwa vier Jahre verbracht haben soll.

Über Treppenstufen aus Carrara-Marmor steigt Misniks in den ersten Stock, steht jetzt in den königlichen Gemächern. „Das erschlägt einen ja fast.“ Solche Sätze hören der Kastellan und sein Team immer mal wieder von ihren Besuchern. Wer die privaten Gemächer von Ludwig II. zum ersten Mal sieht, muss alles erst mal auf sich wirken lassen. Schon das Musikzimmer lässt erahnen, was einen in den weiteren Zimmern noch erwartet. Neben den Fenstern hängen dunkelrote Gobelin-Vorhänge, feine Stoffe aus Frankreich. In der Ecke steht ein „Pianino Aeolodikon“, eine Kombination aus Hammerklavier und Aeolodikon. Für den König, der die Opern von Richard Wagner liebte, selbst aber alles andere als ein begnadeter Musiker gewesen sein soll. Das Instrument, die Möbel, das Deckengemälde – alles in diesem Raum glänzt. Feinstes Blattgold. Zwischen drei und fünf Kilo sind in der königlichen Villa verbaut.

Linderhof liegt im Graswangtal bei Ettal im Kreis Garmisch-Partenkirchen. Neuschwanstein liegt etwa 16 Kilometer Luftlinie westlich. Wie viel Linderhof heute wert wäre? „Kann man nicht seriös schätzen“, sagt Misniks. Liegt auch daran, dass im Schloss viele Unikate zu finden sind. Im kleinen Speisezimmer hängt ein Lüster aus Meissener Porzellan, die Arme kunstvoll verziert, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Nicht selten hat der Bauherr die Pläne für solche Sonderanfertigungen im Nachgang vernichten lassen. Nur er sollte diese Kunstwerke besitzen.

Über die Persönlichkeit des bekanntesten Wittelsbachers wird ebenso intensiv gesprochen wie über seine Bauten. Auch Misniks hat sich in bald 40 Jahren ausführlich mit ihm beschäftigt. „Es war sicher nicht leicht, für ihn zu arbeiten.“ Als die Schlösser gebaut wurden, ließ sich der Regent stets auf den neuesten Stand bringen. Bei Bedarf griff er ein, wurde schon mal laut. So schreiben es Künstler und Arbeiter in Augenzeugenberichten. Theodor Hirneis, der als Küchenjunge in Linderhof angestellt war, will kein einziges Mal gelobt worden sein. „Nicht geschimpft, ist gelobt genug“ sozusagen. Andere Erzählungen zeichnen das Bild eines menschennahen Königs. Von einem, der Bauern beschenkte oder mit ihnen Brotzeit machte.

Als Bauherr, sagt Misniks, sei Ludwig II. ein „Perfektionist“ gewesen. Das könne man vielleicht nirgendwo so gut sehen wie in seinem kleinsten Schloss. „Linderhof ist ein Gesamtkunstwerk“, betont der Kastellan. Zufälle gibt es hier nicht, hinter allem steckt ein tieferer Sinn. Mit der Villa, die zwischen 1869 und 1878 im Stil des Neobarock und Neorokoko errichtet wurde, wollte Ludwig ein Denkmal setzen. Nicht sich selbst, sondern den Bourbonen aus Frankreich. Die absolutistischen Herrscher um den Sonnenkönig Ludwig XIV. verehrte der bayerische Regent zeitlebens. Genauso ihr Machtsymbol – Schloss Versailles.

„Er hat Versailles nicht kopiert“, sagt Misniks. Sondern sich inspirieren lassen. Und ihm in Linderhof noch einmal seinen Stempel aufgedrückt. Sich selbst hat Ludwig nicht in den Vordergrund gestellt. „Das macht ihn doch sympathisch“, meint Misniks. Wer in Linderhof eine Darstellung von Ludwig II. sucht, findet sie nicht. Nur kleine Details, wie ein verschlungenes „Doppel-L“ an den Wänden deuten auf den Bauherren hin. Stattdessen hängen in den Appartements die Porträts von französischen Adeligen, die man so auch in Versailles findet. Bei manchen hat Ludwig allerdings den Gesichtsausdruck anpassen lassen. „Er fand, dass ihr Blick zu wenig adelig ist“, erzählt der Kastellan. So detailverliebt war der Wittelsbacher.

Im Graswangtal hat sich Ludwig eine Illusion erschaffen. Einen Zufluchtsort in vergangene Zeiten. Niemand sollte den König stören, nichts durfte ihn aus seiner Illusion herausreißen. Spazierte er durch das Gartenparterre, konnte er die Ammertaler Berge nicht sehen. Die hohen Hecken versperrten ihm den Blick. „Genauso war es gedacht“, sagt Misniks. Die hätten ihn aus seinem absolutistischen Frankreich zurück nach Oberbayern geholt. An diesem Tag, etwa 150 Jahre später, ist der Sichtschutz überflüssig. Wie ein dicker Mantel breiten sich die Nebelschwaden über dem Graswangtal aus.

Vor ein paar Monaten hing an der Fassade der königlichen Villa ein großes blaues Banner: „Wir sind Welterbe“, stand darauf. Schon lange galten die drei Ludwig-Schlösser als heiße Anwärter für einen Platz auf der begehrten Liste der Unesco. Im vergangenen Juli wurde die Vision zur Realität. „Linderhof hat es verdient“, sagt Misniks. Er sieht es auch als Auszeichnung für seine Schlossführer, die an manchen Tagen tausende Besucher durch die prunkvolle Villa begleiten. „Die machen einen super Job.“ Das gelte auch für die „Nachbarn“ Neuschwanstein und Herrenchiemsee. Dass die Schlösser Welterbe-Format haben, unterstreicht eine Anekdote, die Misniks mit einem Schmunzeln erzählt. Als ein Unesco-Vertreter den Auftrag bekam, die drei Schlösser zu besuchen, soll er etwas verdutzt gewesen sein. „Stehen die nicht schon lange auf unserer Liste?“

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