Grönland – die begehrteste Insel der Welt

von Redaktion

Die US-Militärbasis Pituffik Space Base (früher Thule Air Base) im Norden Grönlands. © Thomas Traasdahl/dpa

„Wir stehen nicht zum Verkauf“: Eine große Mehrheit der Grönländer will nicht zu den USA gehören. © Soelbeck/dpa

München – Es war eine Provokation ganz nach dem Geschmack des Chefs. Gerade verdaute die Welt den US-Angriff in Caracas, da postete Katie Miller, Ehefrau des wichtigen Trump-Einflüsterers Stephen Miller, ein Bild im Netzwerk X. Es zeigte Grönland, die zu Dänemark gehörende Nordatlantik-Insel, unterlegt mit einer US-Flagge. Dazu schrieb Miller nur ein Wort: „Bald“.

Wilde Fantasie, düstere Drohung? Lange galt Donald Trumps Forderung, Grönland zu einem Teil der USA zu machen, als Spinnerei. Doch inzwischen ist man sich nicht mehr so sicher. US-Vizepräsident JD Vance rät den Europäern, Trumps Äußerungen ernst zu nehmen. Und der Angriff auf Venezuela gilt Beobachtern als Beleg für einen neuen US-Imperialismus, der auch vor Verbündeten nicht haltmacht. 1721 begannen Dänemark und Norwegen, die weltgrößte Insel zu kolonisieren, 1814 fiel sie ganz an Dänemark. Droht Grönland nun die nächste Übernahme? Und vor allem: warum?

„Für Trump wäre es der größtmögliche Immobiliendeal, die maximale Realisierung seines Make-America-Great-Again-Slogans“, sagt der Politikwissenschaftler Michael Paul, der sich seit Jahrzehnten mit der Arktis beschäftigt. Die Annexions-Fantasien hält er für Teil einer Verhandlungsstrategie, Trump spiele den „bad cop“, während sein Außenminister Marco Rubio sich verhandlungsbereit zeige. Aber auch Paul sieht eine Restunsicherheit, die Möglichkeit einer militärischen Übernahme, bei diesem US-Präsidenten weiß man ja nie.

Fakt ist: Die spärlich besiedelte Insel – dort leben rund 56 000 Menschen auf einer Fläche, die 50 Mal so groß ist wie das Mutterland Dänemark – gewinnt an geopolitischer Bedeutung, ironischerweise auch wegen des Klimawandels. Während Trump ihn leugnet, legt das schmelzende Eis neue Schifffahrtswege frei und weckt Hoffnungen auf leichteren Zugang zu Rohstoffen. Auch militärisch ist das Gebiet von Bedeutung.

■ Nationale Sicherheit

Hier knüpft Trump besonders stark an. Immer wieder behauptet er, die Insel sei essenziell für die nationale Sicherheit der USA. Angeblich hielten sich in den dortigen Gewässern unzählige russische und chinesische Schiffe auf, Dänemark und die EU seien nicht fähig, etwas dagegen zu tun.

Trump ist nicht der Erste, der die militärische Bedeutung Grönlands so hervorhebt. 1941 überließ das von Nazi-Deutschland besetzte Dänemark Grönland vorübergehend den USA, auch aus der Sorge, die Nazis könnten die Insel besetzen, um Amerika anzugreifen. Washington baute Militärbasen und schätzte Grönland als so bedeutsam ein, dass Präsident Harry Truman den Dänen 1946 ein 100-Millionen-Dollar-Kaufangebot machte. Kopenhagen lehnte ab, die USA bekamen trotzdem ihren Willen: Ein Abkommen von 1951 garantiert ihnen weitgehende Rechte.

„Die Amerikaner können im Grunde auf Grönland machen, was sie wollen“, sagt Michael Paul. Aktuell unterhalten sie nur die Pituffik Space Base im Nordwesten der Insel – sie könnten aber neue Militärbasen bauen oder alte reaktivieren. Dänemark und Grönland müssten zwar konsultiert werden, Widerstand der Nato-Partner ist aber unwahrscheinlich. „Eine Annexion wäre deshalb schlicht überflüssig“, sagt Paul. Auch der dänische Sicherheitsexperte Mikkel Runge Olesen sagte jüngst, die USA könnten „alles bekommen, was sie wollen, wenn sie nur höflich fragen würden“.

Stattdessen rumpeln sie gewaltig, besonders mit Verweis auf chinesische und russische Aktivitäten in der Region. Ganz abwegig ist das nicht. Russland hat seine Nordflotte zuletzt mit Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen aufgerüstet, die über das Polarmeer problemlos die USA erreichen könnten. Auch die Chinesen verfolgen strategische Interessen, schicken seit Jahren eigene Eisbrecher in die Arktis, angeblich zu wissenschaftlichen Zwecken. Trump wittert aber auch militärische Absichten Pekings. „Die gefühlte Bedrohung durch China ist für ihn ausschlaggebend“, sagt Michael Paul. „Er braucht Grönland als Teil der Festung Amerika.“ Nur: Sicherheit wäre auch über die Nato zu organisieren, die die russischen Aktivitäten im Norden seit Beginn des Ukraine-Kriegs ohnehin verstärkt überwacht. Dänemark hat zudem Milliarden-Investitionen in die Verteidigung der Insel beschlossen.

■ Kampf um Rohstoffe

Wie im Falle Venezuelas dürfte es Trump in Grönland auch um den Zugriff auf Rohstoffe gehen. Und hier wie dort stellt er sich die Sache vermutlich leichter vor, als sie ist. Grönland gilt als reich an Rohstoffen: Hier lagern Öl, Gas, Kohle, Gold, Uran, Zink – und auch verschiedene Seltene Erden, die in jedem Handy, aber auch in Waffensystemen verbaut sind. Wegen Kälte, Eis und fehlender Infrastruktur ist der Abbau unwirtschaftlich, der Klimawandel könnte das aber ändern.

Doch Probleme gibt es selbst in den Regionen, die heute schon zugänglich wären, vor allem im Süden der Insel. Dort lagern große Vorkommen Seltener Erden, deren Förderung allerdings an hohe Umweltschutzstandards geknüpft ist. Der Uran-Abbau ist seit 2021 komplett verboten. „Seltene Erden sind oft mit Uran verunreinigt, was den Abbau zusätzlich verkompliziert“, sagt Michael Paul. Bevor man sie überhaupt nutzen könne, müssten sie in China raffiniert werden. Ob das alles noch lohnend wäre?

Vor allem aber gilt auch hier: Grönland ist offen für Bergbau, Washington könnte also investieren, wenn es denn so wichtig wäre – ganz ohne das Land selbst zu beanspruchen. Bislang hält aber nur ein US-amerikanisches Unternehmen entsprechende Lizenzen.

■ Neue Schifffahrtswege

Das schmelzende Eis legt nicht nur potenziell Rohstoffe frei, sondern auch neue Wege für die Schifffahrt und den internationalen Handel. Hier kommt China ins Spiel, das zwar denkbar weit von Grönland und der Arktis entfernt ist, sich aber trotzdem als „arktisnaher“ Staat versteht und bis 2030 polare Großmacht werden will. Der Weg über das Nordpolarmeer gilt Peking als Teil seiner Neuen Seidenstraße, die in Brüssel und Washington längst als machtpolitisches Projekt identifiziert wurde. Peking will seinen Einfluss in der Welt vergrößern, Abhängigkeiten schaffen – auch im hohen Norden. In Grönland bisher mit mäßigem Erfolg: Als ein chinesisches Unternehmen 2018 in einen Flughafen investieren wollte, intervenierte der damalige dänische Regierungschef Lars Lokke Rasmussen – auch um die USA nicht zu verärgern.

■ Drei Szenarien

Was also planen die USA? Drei Szenarien machen die Runde. Eine militärische Einnahme Grönlands schließen Beobachter nicht völlig aus, sie gilt aber als unwahrscheinlich. Der Schaden wäre enorm, die Nato erledigt. Trump könnte es stattdessen auf einen Deal abgesehen haben, der ihm besonders gute Konditionen für den Rohstoff-Abbau und starke Nato-Präsenz auf Grönland sichert. Oder aber, er nutzt den Druck, um eine Angliederung Grönlands an die USA zu erzwingen: erst ein Referendum auf Grönland, dann ein Kaufangebot an Kopenhagen? Ein zwei- bis vierstelliger Milliardenbetrag gilt als realistisch.

Trump wird kaum lockerlassen, zuletzt ernannte er mit dem Gouverneur von Louisiana einen Sondergesandten für Grönland. Sicher nicht zufällig. 1803 erwarben die USA die Kolonie Louisiana von den Franzosen – für 15 Millionen Dollar.

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