Eine Seele, nur kein Seelchen!

von Redaktion

Maria Schell war eines der Gesichter des deutschen Nachkriegskinos, am 15. Januar wäre sie 100 geworden

Bambi 2002: Letzter Auftritt mit Bruder Maximilian. © Kumm

„The Hanging Tree“ (1959): Die Schell mit Gary Cooper. © pa

Inzwischen verkauft: Maria Schells Haus auf der Alm Oberpreitenegg in Kärnten. © Heinz Weissfuss

Maximilian Schell mit Nichte Marie Theres (li.) als Teenager und Schwester Maria Schell. © Istvan Bajzat/dpa

Sie hatte viele Gesichter: Maria Schell. © MM-Archiv

Maria Schell schaffte es als Schauspielerin bis nach Hollywood. Sie galt vielen als Traumfrau. © MM-Archiv

München – Nein, sie war kein Seelchen, wie ihr angeblich Oskar Werner diesen Stempel wegen ihres Gespürs aufdrückte und den sie nie wieder loswurde. Maria Schell war ein Weltstar, das Gesicht der 1950er- und 60er-Jahre, Publikumsliebling über Jahrzehnte, Projektionsfläche vieler Träume – und ein emotionales Kraftwerk! Bipolar, von Krisen geschüttelt; liebend, verzweifelnd, voller Wärme und Sehnsüchte, alles auf einmal! Jetsetterin zwischen den Welten Hollywood, Wasserburg und der Familienalm in Kärnten; Mutter zweier Kinder, großzügig bis zum letzten Pfennig, hoch verschuldet zum Schluss, schwer depressiv und lebensmüde. Ein Suizidversuch mit Tabletten scheiterte, ihre letzten neun Jahre lag sie fast nur im Bett – nach Schlaganfällen und anderen Miseren. Das Leben einer Legende, wie es Hollywood nicht dramatischer hätte erzählen können. Am 15. Januar wäre Maria Schell 100 Jahre alt geworden.

In Erinnerung sind vor allem große Schwarz-Weiß-Filme mit O. W. Fischer, Dieter Borsche, Curd Jürgens und Gary Cooper, Auszeichnungen als beste Schauspielerin in Berlin, Cannes und in Venedig. Ihren letzten Auftritt vor einem Millionen-Publikum hatte sie 2002, als ihr der achte Bambi für ihr Lebenswerk verliehen wurde – schwer gezeichnet von Schlaganfällen und im Rollstuhl. Auch dies ein Bild für die Ewigkeit.

Und dann gibt es noch dieses: wie sie in ihren Kissen liegt und auf mehrere Fernseher gleichzeitig schaut – in einer Art Zwischenwelt, wie ihr Bruder, Oscar-Preisträger Maximilian Schell (1930–2014), ihren Zustand formulierte. Er hatte sie und die Alm gerettet – mit dem Verkauf seiner Kunstsammlung, um die Millionenschulden zu tilgen, die Maria Schell unter anderem in bewusstlosen Kaufräuschen angehäuft hatte.

Und er hatte ihr am Ende des Lebens mit der Dokumentation „Meine Schwester Maria“ ein sehr berührendes filmisches Denkmal gesetzt, das den ehemals so strahlenden Leinwandstar in einer Art persönlichem Kreuzweg zeigte – um jeden Schritt im Schnee kämpfend; gebrechlich, wenig noch Herrin über sich selbst. Und die ihre alten Filme interessanter als die Realität fand, erinnerten sie doch an ein souveränes, gefeiertes Leben. Deshalb die drei Fernseher.

Maria Schell hatte nichts gegen diese Darstellung in einer Doku, wie die O-Töne belegen – Publicity bestimmte schon immer ihr Sein. Denn wenn sich kein noch so buntes Blatt mehr für sie interessiert hätte, hätte sie sich lange vor ihrer letzten Stunde tot gesehen – damit konnte sich Maria Schell über jede noch so blöde Story hinwegtrösten. „Ich glaube, dass jeder Star eine Tragödie vorprogrammiert, weil die Diskrepanz zwischen dem, was man selber ist, nämlich ein ganz normaler Mensch, und dem, was die Welt aus einem macht, nämlich ein Idol, nicht überspielt werden kann“, erklärte Maximilian Schell seinen Film.

Das ganz normale Leben blieb bei Maria Schell immer eher Nebenschauplatz. Sie war die beste Mutter aller Zeiten für ihre Tochter Marie Theres (59) und Sohn Oliver (64), wenn sie denn da war. Oft war sie nur über den Umweg ihrer Assistentin zu erreichen, während die Zeitungen und Illustrierten ihre Schönheit und ihre Liebesdramen auf dem Titel führten.

Am Ende waren die Verehrer weg. Das Leben einsam. Gepflegt wurde Maria Schell von Gitti Münzer von der Pächterfamilie der Alm; Maximilian lebte noch in Los Angeles und Wien, Tochter Marie Theres Relin mit ihrem Dichter und Ehemann Franz Xaver Kroetz und den drei Kindern auf Teneriffa, Sohn Oliver in München, auch er Schauspieler. Immer haben die beiden ihre Mutter teilen müssen – mit der Öffentlichkeit, mit Hollywood. Liz Taylor und Richard Burton waren daheim in Wasserburg zu Gast, der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher flog mit dem Heli zum Essen ein. Umso leiser war der Abgang von der Bühne des Lebens am 26. April 2005 – infolge einer Lungenentzündung, überraschend schnell. So konnte nur noch Gitti Münzer Marias Hand halten.

Aller Ruhm: Geschichte. Wie vieles, das sich um Maria Schell rankte. Hollywood-Star Glenn Ford wollte sie heiraten, Millionen andere auch. Sie war eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Heute ruht dieses große Leben auf dem Friedhof ihres Heimatortes Preitenegg in Kärnten. Ihr Haus wurde nach dem Tod ihres Bruders Maximilian verkauft.

Doch nicht nur dieses jähe Ende zeichnete das Bild dieser hochverehrten Schauspielerdynastie. Marie Theres Relin hat es 2023 mit ihrem Buch „Szenen keiner Ehe“ kompromisslos übermalt, als sie darin zum ersten Mal öffentlich machte, wie sie als 14-Jährige durch ihren Onkel Maximilian Schell sexuell missbraucht wurde. „Ohne Gewalt, aber gegen meinen Willen.“ Das war knapp zehn Jahre nach Maximilians Tod und fast 20 Jahre nach Marias. „Meine Mutter hätte mir nie geglaubt“, erklärte Marie Theres Relin das lange Schweigen, auch ihre Scham. „Sie hätte sich vehement gewehrt, wenn jemand mit spitzen Fingern ein Schmutztuch über die Familie ausbreiten würde. Sie hätte auf Beweise bestanden oder gar in mir eine Lolita vermutet.“ Auch dies ein Aspekt des Lebens der Maria Schell.

Ihre Tochter Marie Theres hat jetzt zum 100. Geburtstag ein Erinnerungsbuch zusammengetragen: „Yes, wie schell“ – eine Sammlung von Texten von und über ihre Mutter, die weit ihrer Zeit voraus und für die das Wort Seelchen eine falsche Schublade gewesen sei, so Marie Theres. Den Duft ihrer Mutter nach Vent Vert von Balmain hat sie für immer in der Nase.

Wie Maria Schell war, will sie am 23. Januar bei einer Lesung in der Lach und Schieß im ehemaligen Gasteig erzählen. Musikalisch begleitet von Gitarrist und Sänger Michael Halberstadt. Eine Antwort auf das Branding „Seelchen“.

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