„Die Folgen der Stigmatisierung sind bis heute spürbar“

von Redaktion

Barbara Stelzl-Marx, Historikerin und Professorin. © Bwag

München – Historiker schätzen die Zahl der Kinder aus Beziehungen von Besatzungssoldaten oder Zwangsarbeitern und deutschen Frauen im ersten Nachkriegsjahrzehnt auf 200 000. Neue Studien vermuten bis zu 400 000 Kinder. Trotz dieser hohen Anzahl waren diese Kinder sehr lange ein privates wie gesellschaftliches Tabu. Ihre Herkunft wurde vertuscht oder es wurde ihnen ein anderer Vater vor die Nase gesetzt. Die Mütter schwiegen, manchmal bis in den Tod hinein. Manchmal war es pure Scham, oft diente es dem Schutz des eigenen Kindes, um es vor Ausgrenzung, Entführung oder Gewalt zu bewahren. Dennoch ahnten diese Kinder hinter dem Schweigen das Geheimnis.

Die Historikerin Barbara Stelz-Marx, Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz und Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz, Wien und Raabs erforscht die Umstände der Kinder, die aus den „verbotenen Beziehungen“ entstanden sind. „Tabuisierungen, Verheimlichungen und Lügen: Diese Kinder trugen vielfach ein doppeltes Stigma; sie waren von unehelicher Geburt und Kinder einer Beziehung mit dem ‚Feind‘. Bei einem großen Teil sind die Folgen von Stigmatisierung und Ausgrenzung bis heute spürbar“, schreibt sie. „Die gesellschaftliche Ächtung – oder die Angst davor – prägte den Lebenslauf einer Vielzahl Kinder. Dies war und blieb besonders schmerzhaft, wenn wenig bis nichts vom Vater bekannt ist.“

Die Wanderausstellung „Trotzdem da!“, zeichnet die Lebenswege dieser Kinder und ihre Suche nach dem wahren Vater nach. Die Ausstellung ist das Ergebnis eines überregionalen Forschungs- und Ausstellungsprojekts, das 2023 und 2024 von der Gedenkstätte Lager Sandbostel umgesetzt wurde.

Die deutsch- und englischsprachige Wanderausstellung wird von der Stiftung Lager Sandbostel ausgeliehen. Derzeit ist sie noch bis Ende April im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin zu sehen, anschließend zieht sie nach Hasbergen in Niedersachsen und Hinzert-Pölert in Rheinland-Pfalz weiter. Ein Ausstellungstermin in Bayern ist bisher nicht bekannt. Nähere Informationen: www.trotzdemda.de. Dort können auch einige Biografien nachgelesen werden.

VON MONIKA DITTOMBÉE

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