1955: Alexander Metz bei der Kommunion. © privat
1946: Alexander Metz gut eingepackt als Baby. © privat
Kindheit im Schatten: Alexander Metz im Jahr 1953. © privat
1950 in Cham: Therese Metz (li.) zu Besuch bei Alexander und seiner Pflegemutter Maria Brummer. © privat
Alexander Metz zeigt ein Foto seines Vaters Vladimir Novokmet (re.) neben einem Sohn des Braumeisters, bei dem er gut versorgt wurde. Links auf dem Tisch ein Foto seiner Mutter als Fürstin bei der Landshuter Hochzeit. © Marcus Schlaf
München – Cham im Jahr 1946. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, in den Häusern werden Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert. Und hier, in der Kleinstadt im Bayerischen Wald, wird heimlich ein Kind geboren. Therese Metz bekommt Alexander in der Wohnung ihrer Schwester, die eingeweiht ist. Erst als Erwachsener wird Alexander von einer seiner Tanten erfahren, warum. Seine Mutter hatte sich 1945 in einen Zwangsarbeiter aus Jugoslawien verliebt – für das Nazi-Regime ein Verbrechen, das mit harten Strafen bis zur Hinrichtung geahndet wurde. Therese Metz wollte das ungeborene Baby „wegmachen“ lassen, aber die Schwangerschaft war zu weit fortgeschritten.
Alexander traf diese Eröffnung, dass er abgetrieben werden sollte, wie ein „Peitschenhieb“, wie er sagt. „Mir ist klar geworden, dass ich ein Beweis einer verbotenen Liebe war und wie gefährlich es für Frauen in dieser Zeit war, einen Zwangsarbeiter zu lieben.“ Erst vergangenes Jahr hatte er eine prägende Erfahrung. „Während eines Seminars zu diesem Thema stand ich mit der Gruppe vor einem Grab, in dem eine Bauerntochter und ein Zwangsarbeiter aus Polen lagen. Da sie das Kind des ‚Feindes‘ empfangen hatte, wurde sie in ein KZ gesteckt und kam dort ums Leben.“ Der Zwangsarbeiter sei öffentlich erhängt worden. Möglicherweise habe seine Mutter ihr Bestes gegeben, um sich und ihn zu beschützen.
Daher sollte Alexander zunächst im ärmlichen Cham bleiben. In den Köpfen leben auch lange nach Kriegsende noch die alten Werte und Ressentiments weiter. Es ist eine glückliche Fügung, dass die Hebamme eine Pflegemutter für den kleinen Alexander vermitteln kann: Maria Brummer ist arm und auf Geld angewiesen – doch voller Liebe zum Kind, erinnert sich Metz.
Sie bekommt 60 Mark im Monat. Obwohl sie streng ist, hängt Alexanders Herz an ihr. Er spürt ihre Nöte und empfindet Achtung, auch dafür, dass sie sich hatte scheiden lassen. Damals eine mutige Entscheidung. Maria Brummer ist katholisch, sozial engagiert und fromm, darf als Geschiedene aber nicht mehr zur Kommunion, nur beichten. Alexander kommt dies alles falsch vor. Zugleich gilt er selbst als Schandfleck in der Gesellschaft. Als er später die Ferien in Landshut bei seiner Mutter und den Tanten verbringen darf, muss er still im Nebenzimmer ausharren, wenn Besuch da ist. Niemand soll etwas von seiner Existenz wissen.
Seine Pflegemutter in Cham, Maria Brummer, nennt er Mama. Seine leibliche Mutter, Therese Metz, nennt er Mutti, um für sich als Kind einen Unterschied zu markieren. Die Mama kümmert sich um sein Gedeihen Tag und Nacht. Mutti schickt Pakete und besucht ihren Sohn mehrmals im Jahr. Diese Besuchstage lösen Anspannungen bei allen aus. Alexander wird herausgeputzt, auch die Pflegemutter trägt ihre besten Kleider. Ab 1952 besucht Alexander die katholische Knabenvolksschule in Cham. Er lernt Lesen und Schreiben. Im Keller wartet der Karzer auf böse Buben.
■ Die Fantasie vom Vater
Über diese Jahre hat Metz ein Buch geschrieben: „So war‘s und ned anders: Der versteckte Bua.“ Es ist voller Details. „Weil ich versteckt wurde, habe ich vielleicht besonders gut aufgepasst“, sagt er. Ein Grund für das Buch sei gewesen, die Nachkriegsjahre zu schildern, zu zeigen, dass wir im Vergleich heute eigentlich in einer guten Zeit leben: „In meiner Kindheit war es eine Last, eine Frau zu sein. Eine Frau mit einem unehelichen Kind war gesellschaftlich unterste Stufe. Eine Geschiedene eine Katastrophe“, sagt er. „Eine Flüchtlingsfrau mit unehelichem Kind und protestantisch in Bayern: Die konnte sich gleich erschießen.“
Am Tag seiner Erstkommunion im Frühling 1955 erfährt er, dass er von seiner Pflegemutter weg soll, um das Internat der „Regensburger Domspatzen“ zu besuchen. Seine leibliche Mutter und vor allem ihre ledige Schwester Maria setzen alles in Bewegung, damit aus dem versteckten Jungen etwas werden wird. Alexander bekommt Gesangsunterricht, lernt Violine, zeigt großes Talent. Die Prüfungen sind streng, doch er wird angenommen. Auch darüber schreibt er ein Buch. Die Zeit ist für ihn von Ängsten geprägt. Angst, bei lateinischen Messgebeten eine Zeile zu vergessen oder aus Versehen eine Sünde zu begehen, für die man hart bestraft wird. Alexander leidet an Heimweh, sehnt sich nach seiner Pflegemutter, zu der er keinen Kontakt mehr haben darf. In der Fantasie malt er sich eine Erlöserfigur aus, die ihn beschützen würde: der unbekannte Vater.
Diesen Menschen will Alexander finden. Inzwischen ist er erwachsen, arbeitet als Systemprogrammierer, Projektmanager und Führungskraft. Doch wer ist sein Vater? Und warum wird er so tabuisiert? Therese schweigt beharrlich. Als Erwachsener nennt er seine Mutter Reserl. „Auf einer freundschaftlichen Ebene verstanden wir uns gut. Doch nicht in der Form einer liebevollen Mutter-Sohn-Beziehung“, sagt er.
■ Es endet im Desaster
Eine Tante ist es, die ihm nach dem Tod der Mutter erzählt, dass sein leiblicher Vater ein Kriegsgefangener aus Jugoslawien war, der im Lager Stalag bei Moosburg als Zwangsarbeiter eingesetzt wurde und von dort weiter in das Landshuter Brauhaus geschickt wurde. Hier traf er Therese Metz, die im Familienbetrieb tätig war. Tante Maria erinnert sich sogar noch an einen Namen: Vlado oder Wlado.
Alexander zieht alle Register. Über die Nachkommen des damaligen Braumeisters erfährt er den Nachnamen seines Vaters: Novokmet – und den Vornamen Vladimir. Alexander wendet sich an die Suchdienste des deutschen und jugoslawischen Roten Kreuzes, befragt sogar Geisterseher, lässt den Wohnort des Vaters auspendeln, wälzt Telefonbücher im Telegrafenamt. Er findet vier Novokmets, die er anschreibt. Schließlich antwortet ein Neffe seines Vaters, der ein Treffen mit dem Vater arrangiert. Es endet im Desaster.
In einem alten Bauernhaus in einem Dorf im Kosovo wird Alexander von seinem Vater harsch abgewiesen. Vlado ist aggressiv, bestreitet jede Verbindung zu Deutschland. „Ich hatte noch nicht begriffen, dass man im Leben viele Tode sterben muss, um leben zu können. Weg, nur weg von hier. Mit Vollgas raste ich über die Landstraße“, beschreibt Alexander seine Gefühle. Auf der Rückfahrt fasst er einen Entschluss. Vor Kurzem hatte er eine junge Frau mit einem kleinen Sohn kennengelernt. Alexander ist verliebt und der Wunsch, ihm ein guter Vater zu sein, wird übermächtig. „Als ich nach der Begegnung mit diesem mir fremden Vater nach Hause zurückkehrte, war ich ein anderer Mensch. Nun kannte ich meinen Weg. Ich suchte nicht mehr den Vater in einer anderen Person, sondern begann, das Prinzip Vater selbst zu leben.“ Er heiratet, adoptiert den Sohn. Ein gemeinsamer Sohn kommt später zur Welt.
Als der Vater 1987 stirbt, spricht er am Sterbebett über den heimlichen Sohn. Alexander erhält Briefe aus dem Kosovo. Seine Halbgeschwister wollen Kontakt. Vier Schwestern, drei Brüder. Auf einem Fest vor Ort lernt er 2002 auch Nichten und Neffen kennen. Alexander ist jetzt Teil einer Großfamilie. Sein geheimer Traum hat sich erfüllt – wenn auch verspätet und ganz anders als erwartet.
Auch über die Suche nach seinem Vater hat er ein Buch geschrieben. „Und Vlado spricht doch Deutsch“ heißt es. Es ist ein Buch für alle Kinder, die ohne Vater aufwachsen müssen. Mit seinem Schicksal hat Alexander Metz seinen Frieden gemacht. Er sagt: „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“
Unsere Autorin
Monika Dittombée beleuchtet in ihrem Buch „Schattenschicksale. Lebenswege der Kriegskinder aus verbotenen Beziehungen – Geschichten des Überlebens“ (Kösel Verlag) weitere Biografien unerwünschter Kinder im historischen und psychologischen Kontext.