Münchens schwarzer Tag: Morgen Prozessbeginn

von Redaktion

Der gelbe Strich auf der Karte zeigt den Verlauf des Anschlags.

An der Isar war die Familie gerne. Diese Bank ließ der Vater als Erinnerung aufstellen. © ms

Farhad N. Die Jacke trug er auch am Tattag. © instagram

Sekunden nach der Amokfahrt: Polizisten ziehen den Täter aus dem Auto und fixieren ihn am Boden. © Screenshot aus X

Bild der Verwüstung: Am 13. Februar 2025 raste Farhad N. auf der Seidlstraße in die Menge. © Yannick Thedens

München – Von der Bank geht der Blick auf den Flaucher. Das Wasser der Isar ist gerade recht niedrig, am Ufer liegen noch Reste des tauenden Schnees, die Bäume sind kahl, der Boden ist eisig. Zwei Jogger tapsen vorbei, den Blick geradeaus. Für sie ist es ein Stück Laufstrecke. Für Amel S., ihren Mann Marius und deren Tochter Hafsa (2) war der Ort ein Lieblingsplatz, hier spielten sie gerne miteinander. Heute ist es ein Ort der Trauer und der Erinnerung. Die Bank ließ der Vater für seine tote Familie aufstellen. „Für Amel und Hafsa“, steht auf einer Plakette. Darunter zwei Sterne, ein größerer und ein kleinerer, für Ehefrau und Tochter.

Beide starben am 13. Februar des vergangenen Jahres auf der Münchner Seidlstraße – totgefahren von Attentäter Farhad N., damals noch 24 Jahre alt. Am morgigen Freitag um 9.30 Uhr beginnt nun der Prozess vor dem Landgericht München I. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wirft dem abgelehnten Asylbewerber aus Afghanistan zweifachen Mord und versuchten Mord in 44 Fällen vor. Denn neben den beiden Todesopfern verletzte er viele Menschen teils schwer. Einige leiden noch heute unter den Folgen ihrer Verletzungen. Das Urteil könnte am 25. Juni fallen.

■ Das Attentat

Die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst waren in vollem Gange und am 13. Februar hatte die Gewerkschaft Verdi auch in München zum Warnstreik aufgerufen. Rund 1400 städtische Angestellte zogen bei der Demo unweit des Hauptbahnhofes die Seidlstraße entlang in Richtung Stiglmaierplatz. Dahinter: fünf Polizeibusse, ein Unfallhilfewagen der Münchner Verkehrsgesellschaft – und Farhad N. in seinem weißen Mini Cooper. Um 10.30 Uhr soll der Afghane durch die Polizeiwagen gefahren sein. An der Kreuzung zur Karlstraße soll er Gas gegeben haben und 23 Meter weit durch die Menge gerast sein. Sein Auto blieb laut den Ermittlern erst stehen, als die Vorderräder durchdrehten – weil Opfer unter seinem Auto lagen.

■ Die Toten

Auf seinem Weg durch die Menge erfasste Farhad N. Amel S. (37) und Hafsa (2) im Kinderwagen mit rund 40 Kilometern pro Stunde. Der Attentäter verletzte sie so schwer, dass sie zwei Tage später starben. Amel stammte aus Algerien, war mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Sie hatte Umweltschutz in Köln und Bingen studiert. Seit 2017 lebte sie mit ihrem Mann in München, arbeitete als Ingenieurin bei der Stadt. „Amel war ein Mensch, der sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat“, ließ die Familie nach dem Attentat mitteilen. Sie hatte sich für Solidarität, Gleichheit, gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung eingesetzt. Werte, die sie ihrer Tochter mitgeben wollte.

■ Der Angeklagte

Farhad N. wurde in Kabul geboren, kam 2016 als Asylbewerber nach Deutschland. Sein Asylantrag war abgelehnt worden. Aber: Er hatte eine Aufenthaltsgenehmigung noch bis April 2025. Zunächst pflegte der sunnitische Muslim einen westlichen Lebensstil. Er feierte, trank, ging ins Fitnessstudio, nahm an Bodybuilding-Wettbewerben teil. So zeigte er sich auch auf seinem Instagram-Account. Nach Angaben der Behörden arbeitete er als Ladendetektiv. Und er hatte keine Vorstrafen. Der weiße Mini gehörte ihm.

Ab Herbst 2024 soll sich Farhad N. den Ermittlungen zufolge in einen religiösen Wahn hineingesteigert haben – durch islamistische Hassprediger im Internet. Bei seiner Festnahme auf der Seidlstraße soll er „Allahu Akbar“ („Gott ist größer“) gerufen und gebetet haben. Noch dazu soll er frustriert über seine Lebenssituation gewesen sein. Er lebte in einem tristen Wohnblock in der Parkstadt Solln in einer Einzimmerwohnung. Zu einem Nachbarn sagte er vor der Tat, er sei arbeitslos. Laut einer Nachbarin hatte der junge Mann einige Tage vor der Tat oft in seiner Wohnung geschrien und heftig geweint. Laut der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe eskalierte all das in dem Attentat. Sie geht von islamistischem Terror aus. Der Anwalt von Farhad N. hingegen hält ihn für nicht schuldfähig.

■ Die Verletzten

Farhad N. verletzte 44 weitere Teilnehmer des Warnstreiks teils lebensgefährlich. Viele erlitten Brüche der Rippen, der Brustwirbel, des Schlüssel- und Wadenbeins, des Sprunggelenks, der Kieferhöhle, des Beckenrings, der Augenhöhle, des Unterkiefers oder des Jochbogens. Der Münchner Anwalt David Mühlberger vertritt acht der Opfer: „Viele meiner Mandanten leiden noch heute an den körperlichen und psychischen Folgen.“ Nicht alle seien wieder arbeitsfähig.

■ Die Diskussion

Nach dem Anschlag wurden Stimmen laut, die eine Verschärfung der Migrationspolitik forderten. Als AfD-Politiker Blumen am Tatort niederlegen wollten, gab es Tumulte. Dabei hatten sich die Angehörigen von Amel und Hafsa klar gegen eine politische Vereinnahmung der Gewalttat gestellt. Sie baten darum, ihren Verlust nicht zu benutzen, „um Hass zu schüren und ihn politisch zu instrumentalisieren“.

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