„Zwei Meter weiter links – und es wären wir gewesen“

von Redaktion

Die Stadtwerke-Angestellten Peter Schmid und Udo Kunte leiden auch nach einem Jahr noch unter den schrecklichen Erlebnissen

Am Tag danach: Trauernde zünden Kerzen am Anschlagsort an der Seidlstraße an. © imago

Peter Schmid und Udo Kunte (re.) waren im Zug der Verdi-Demo. Das Erlebte zu verarbeiten, ist ein langer Prozess. © Winter

München – Peter Schmid hat nicht zum ersten Mal ein Attentat überlebt. Der Angestellte der Münchner Stadtwerke war erst 16 Jahre alt, als am 26. September 1980 am Haupteingang des Oktoberfests die Bombe hochging. 13 Menschen starben, 221 Menschen trugen teils schwere Verletzungen davon. Der junge Peter hatte Glück, er blieb unverletzt. „Einige Bilder habe ich immer noch im Kopf“, sagt der heute 61-Jährige. Er erzählt von Leichen um ihn herum und einer Frau, die in den Armen ihres Mannes schrie: „Mein Fuß, mein Fuß!“ Der Fuß war aber nicht mehr da. „Diese Bilder haben sich eingebrannt.“

45 Jahre später hatte der Münchner wieder Glück. Mit seiner Frau nahm er im vergangenen Februar am Verdi-Warnstreik teil. Als der Afghane Farhad N. auf der Seidlstraße mit seinem Mini heranbrauste und in die Menschenmenge fuhr, ging er gerade neben seinem Kollegen Udo Kunte. „Wären wir zwei Meter weiter links gegangen, wären wir die Ersten gewesen“, sagt er. Die Ersten, die der vermutlich islamistisch motivierte Attentäter mit dem Auto erfasst. Schmids Frau kannte die beiden Todesopfer, eine 37-jährige algerischstämmige Ingenieurin und ihre zweijährige Tochter, aus der Kindertagesstätte. „Wäre nichts passiert, wären wir später wohl mit der Mutter und ihrem Kind marschiert.“

Hilfe war nötig

Das Jahr danach, erzählt Peter Schmid im Gespräch mit unserer Zeitung, war ein Jahr der Aufarbeitung. „Es gab gute Hilfe. Die Maschinerie ist noch am selben Tag angelaufen. Man hat sich sehr um uns gekümmert.“ Anfangs dachte Schmid, er könne die schlimmen Szenen über Gespräche mit seiner Frau und Freunden verarbeiten. Aber im Sommer holte er sich dann doch psychologische Hilfe. „Es hatten sich Verhaltensweisen eingestellt, die ich nicht haben wollte“, sagt er. Am U-Bahnhof suchte er Rückendeckung an einer Säule, im Restaurant saß er lieber in einer Ecke, den Eingang immer im Blick. Die Angst steckte tief in ihm. Und vor allem eines wollte er nicht akzeptieren, weil es nicht in sein Weltbild passt. Dass er gegenüber Menschen, die dem Täter äußerlich ähneln, Ressentiments entwickelte. „Dieser elende, unfaire Gedanke: Bist nicht auch du einer von denen und ziehst im nächsten Moment ein Messer? Ich habe mir gesagt: Das will ich nicht.“ Heute hat er vieles davon überwunden, kann wieder abschalten.

Udo Kunte ist ein Kollege und Freund von Peter Schmid. Die schlimmen Szenen auf der Seidlstraße hat der 58-Jährige eher privat verarbeitet, ohne professionelle Hilfe. „Vielleicht bin ich etwas robuster“, sagt er am Telefon.

Die Angst ist noch da

Ja, die Bilder, die dumpfen Schläge der aufprallenden Körper, die Schreie, all das bleibe. „Wenn hinter einem plötzlich ein Auto auftaucht, hat man schon immer wieder Angstzustände.“ Beide wollen den Prozess, der morgen beginnt, verfolgen. Peter Schmid würde auch einmal gerne in den Gerichtssaal gehen. „Ich möchte ihm einmal direkt ins Gesicht schauen, dem Mann, der mich umbringen wollte. Ob mir das Befriedigung gibt, das weiß ich nicht.“WOLFGANG HAUSKRECHT

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