Agrarministerin Michaela Kaniber vertritt in Berlin bayerische Interessen. © Schacht
Kaltblutstute Elite gehört der Nichte von Pferdezüchter Florian Schelle. Das vier Jahre alte Tier aus Bayern wird bei der Grünen Woche in Berlin auftreten. © Marcus Schlaf
Deisenhofen/Berlin – Elite ist eine echte Schönheit. Wenn Florian Schelle ihr blondes Haar kämmt, streckt sie genüsslich ihren langen Hals nach oben und schüttelt ihre Mähne. Die vierjährige Kaltblutstute wurde daheim auf dem Hof von Florian Schelle in Deisenhofen (Kreis München) geschniegelt, gestriegelt und trainiert. Denn Elite hat die Ehre, bei der Jubiläums-Ausgabe der Grünen Woche in Berlin aufzutreten. Die internationale Agrarschau, die heute auf dem Messegelände unter dem Funkturm in Berlin eröffnet wird, feiert ihr 100-jähriges Jubiläum. Und der Landesverband der bayerischen Pferdezüchter, deren Vorsitzender der 71-jährige Schelle ist, hält dort die bayerische Bundeskaltblutschau ab.
Mit 41 Stuten und Hengsten sind die bayerischen Pferdezüchter auf der Grünen Woche vertreten. „Berlin hat ja wos, da muss man net redn“, schwärmt Schelle in der ihm eigenen freundlich-knurrigen Art. Neben der Zuchtschau, bei der am Samstag die Bundessieger prämiert werden, lassen die stolzen Pferdebesitzer ihre Vierbeiner bei Schauprogrammen in der Tierhalle 25 glänzen. Kutschfahrten, Dressurvorführungen mit acht Pferden, die „ungarische Post“, bei der Reiter auf dem Rücken zweier Pferde balancieren, „unsere Goaßlschnalzer und unser Musi ham mir dabei“: Den Berlinern wird eine Menge geboten.
Bayern wieder mit eigener Halle
Auch für die Züchter ist die Grüne Woche eine echte Schau. „Hier ist die halbe Welt, das ist eine Reise wert, dass man sich des oschaut“, freut sich Schelle auf die Messe, zu der bis zum 25. Januar über 300 000 Menschen erwartet werden. Durch die Hallen zu streifen, ist für ihn fast wie ein Urlaub, bei dem man kulinarisch auf Weltreise geht. 1500 Aussteller aus 60 Ländern bieten tausende von Produkten an. Das Agrarland Bayern ist traditionell mit einer eigenen Halle (22b) vertreten, in der sich 80 Aussteller aus dem Freistaat mit Käse, Wein, Bier, Bratwürsten, feinen Edelbränden und Frankenwein, aber auch mit Trachtengruppen und Urlaubszielen präsentieren.
Für Günther Felßner, Bayerns Bauernpräsident, hat die Grüne Woche einen großen Stellenwert. „Hier trifft sich die ganze Branche“, sagt er. „Das ist so etwas wie das Davos der Agrarwirtschaft“, schmunzelt er. Das ist mehr als ein kleiner Scherz: Rund um die Messe hat sich eine gigantische Begegnungsplattform entwickelt. Hier gibt es Diskussionen, Präsentationen und Gespräche mit Verbänden und Organisationen. „Treffen, für die man sonst hunderte Kilometer fahren müsste.“
Beim „Global Forum for Food and Agriculture“, das Ilse Aigner (CSU) noch als Bundesagrarministerin ins Leben gerufen hat, laufen wichtige internationale Debatten. In diesem Jahr geht es um das wichtige Thema Wasser und Ernährungssicherheit. Für Felßner ist die Berliner Messe ein „Riesenmagnet“, politisch sehr wichtig. Zudem sei die Grüne Woche eine tolle Gelegenheit, den Verbrauchern zu zeigen, wie Landwirtschaft heute betrieben werde. Felßner will in diesem Jahr das Gespräch mit dem Lebensmitteleinzelhandel suchen. Das leidige Thema der Dumpingpreise ansprechen: „Mit 99 Cent für ein Paket Butter können wir nicht überleben.“ Auch der LEH trage Verantwortung dafür, dass in Deutschland noch Lebensmittel produziert werden.
Plattform auch für politische Themen
Für Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) ist die Grüne Woche „der schönste Ort der Völkerverständigung“. Ein kultureller Austausch „über den gemeinsamen Genuss, über Traditionen, über Esskultur und Lebensmittelproduktionen“. Alles, was Rang und Namen habe in der Landwirtschaft, sei hier versammelt. Vom europäischen Agrarkommissar Christophe Hansen bis hin zu über 70 Staats- und Länderministern. Was viele Chancen bietet zu politischen Gesprächen in bewegten politischen Zeiten. „Wir stecken in schwierigen Verhandlungen. Ob das die Gemeinsame Agrarpolitik in Europa ist, die Ernährungssouveränität, die Entbürokratisierung, die Nutztierhaltung oder die Tierhaltungskennzeichnung: Das sind alles Themen, die uns umtreiben.“
Kaniber, die in diesem Jahr den Vorsitz der deutschen Agrarministerkonferenz innehat, will auf der Messe Entscheidungen voranbringen. Vor allem hofft sie, dass die Europäische Kommission sich doch noch zu einem eigenständigen Budget für die Landwirtschaft durchringen kann. „Ich befürchte, dass sich die Kommission nicht mehr umstimmen lässt, was ich für einen fatalen Fehler hielte.“ Dabei betont sie: Ernährungssouveränität werde es nur mit einer starken GAP, also Gemeinsamen Agrarpolitik, geben. Angesichts der weltpolitischen Lage wichtiger denn je.
An Gesprächsstoff fehlt es also nicht, wenn Kaniber in der Bayern-Halle 23b den Freistaat mit seinen kulinarischen Schätzen und als Urlaubsland präsentiert. „Wir zeigen in Berlin, was Bayern einzigartig macht.“ Auch ein anderer Bayer wird im Mittelpunkt stehen: Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) hat seine Premiere auf der internationalen Messe (siehe Artikel rechts).
Florian Schelle war schon acht Mal mit den Pferdezüchtern auf der Grünen Woche. Vor allem dem Nachwuchs wünscht er aufregende Tage in Berlin. „Das sind Momente, die vergisst man nicht.“ Das hilft beim Zusammenhalt im Verband, der sich besonders für das Süddeutsche Kaltblut starkmacht, das traditionell als schweres Arbeitstier in der Landwirtschaft und im Wald eingesetzt war. Das Schöne sei, „dass der Mensch heute der Kreatur, die über Jahrhunderte geschunden und missbraucht worden ist, a bisserl was zurückgeben kann. Dass die Tiere erhalten bleiben auf unseren Höfen. Da gehören sie dazu“, sagt Schelle. „Mir lebn von de Ross, die Ross lebn von uns.“