Von Trumps Zollpolitik direkt betroffen: Mike Werner betreibt in München Handel mit US-Whiskey. © Markus Götzfried
München – Für Mike Werner ist Donald Trump ein rotes Tuch. Gelinde gesagt. „Das Land wird von einem größenwahnsinnigen Vollidioten regiert“, platzt es aus ihm heraus. Der 66-Jährige betreibt in München im Tal „Mike‘s Whiskeyhandel“, der auf US-Whiskey spezialisiert ist. „Ich war schon in seiner ersten Amtszeit von den Zöllen betroffen“, erzählt er. Und mit Trumps Wiederwahl kamen die Zölle zurück.
Die EU könne nur entschlossen auf Trump reagieren, sagt Werner. Auch wenn das für ihn selbst Probleme bringt. Günstiger US-Whiskey sei für ihn schon jetzt eigentlich nicht mehr importierbar, weil er mit den Zöllen für den Kunden zu teuer werde. „Aktuell habe ich 600 Flaschen im Keller, die nicht mehr absetzbar sind.“ Bei hochpreisigen Whiskeys sei der Kunde noch bereit, den höheren Preis zu bezahlen.
Neue Zölle würden die Situation für ihn „unkalkulierbar“ machen, sagt Werner. Zehn bis 15 Mal im Jahr bestelle er in den USA, 10 000 bis 12 000 Flaschen US-Whiskey hat er im Lager. Der Absatz von Alkohol sei ohnehin rückläufig. Und jetzt noch Trump. „Ich muss schauen, was die Zukunft bringt.“
■ Damit droht Trump
Im Trump´schen Universum ist das schwer vorherzusagen. Schon seit 2025 gibt es US-Zölle gegen die EU: flächendeckend 15 Prozent, wobei bestimmte Produkte wie Flugzeugteile oder Generika ausgenommen sind. Für Stahl- und Aluminiumerzeugnisse sind es 50 Prozent. Nun sollen die „Grönland-Zölle“ obendrauf kommen: ab 1. Februar zehn Prozent auf alle Waren, ab 1. Juni dann 25 Prozent – sollte Grönland nicht an die USA verkauft werden.
Trump hat die Zölle bisher nur für die acht Länder angekündigt, die vergangene Woche an der militärischen Erkundungsmission „Arctic Endurance“ auf Grönland teilnahmen: Deutschland, Frankreich Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und die Niederlande. Laut EU eine Übung für mehr Sicherheit für Grönland. Trump jedoch wertete sie als Widerstand gegen sein Interesse an Grönland.
■ EU ringt um einen Plan
Nun braucht die Europäische Union einen neuen guten Plan. Vermutlich am Donnerstag soll ein Sondergipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs stattfinden. Man sei bereit, sich gegen jede Form von Zwang zu verteidigen, sagte der portugiesische EU-Ratspräsident António Costa. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, die EU stehe „fest zu unserem Engagement, die Souveränität Grönlands und des Königreichs Dänemark zu wahren“. Aber was bedeutet diese Solidarität in der politischen Praxis? Wie könnte Europas Reaktion aussehen?
■ Die „Handels-Bazooka“
Im Raum steht, ein EU-Gesetz zur Abwehr wirtschaftlicher Nötigung zu nutzen. Frankreich hat signalisiert, die Aktivierung des „Anti-Coercion-Instrument“, kurz ACI, beantragen zu wollen. Das Instrument wird auch als „Handels-Bazooka“ bezeichnet, weil es der EU viele Möglichkeiten gibt. Das Gesetz trat Ende 2023 in Kraft, um die EU vor wirtschaftlicher Erpressung durch Drittländer zu schützen. Zum Einsatz kam es noch nie. Die EU könnte Vergeltungszölle auf US-Waren verhängen, US-Firmen von der Vergabe öffentlicher Aufträge ausschließen – oder für bestimmte Produkte Ein- und Ausfuhrbeschränkungen erlassen.
■ Doch kein Zoll-Deal
Eine andere Option ist die Aussetzung des 2025 ausgehandelten Zoll-Deals, der den USA sehr günstige Bedingungen bringen würde. Die EU hatte damals Vergeltungszölle auf US-Importe im Wert von rund 93 Milliarden Euro beschlossen, Anfang August aber nach einer Einigung mit Trump für sechs Monate ausgesetzt. Demnach soll der US-Zoll von 15 Prozent für die meisten EU-Produkte dauerhaft gelten, Zölle auf US-Güter dagegen sollen vollständig fallen, ebenso Barrieren für den Import bestimmter Lebensmittel. Anfang Februar steht die Entscheidung an, ob es dabei bleibt. Angesichts der Grönland-Drohung ist eine Mehrheit im EU-Parlament unwahrscheinlich. Die Vergeltungszölle gegen die USA würden dann automatisch in Kraft treten.
■ Fußball & Militärbasen
Auch über andere Hebel wird schon debattiert. Zum Beispiel über einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft, die ab 11. Juni in Kanada, Mexiko und eben den USA stattfindet. Europa könnte zudem mit der Schließung von US-Militärstützpunkten drohen – was aber einer völligen Eskalation gleichkäme. In Deutschland gehören dazu das US-Oberkommando für Europa in Stuttgart und der Flugplatz Ramstein in Rheinland-Pfalz. Weitere wichtige Stützpunkte haben die USA in Italien und Großbritannien.
■ Das sagt Bayern
Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft warnte, neue US-Zölle würden die Situation verschärfen. Die USA seien nach wie vor der größte Exportmarkt für Bayern. Schon 2025 seien die Ausfuhren in die USA um mehr als sechs Prozent zurückgegangen. Die EU müsse zwar stark verhandeln, Gegenzölle sollten aber das letzte Mittel sein. BMW wäre doppelt betroffen. Die Bayern haben ihr größtes Werk in Spartanburg in South Carolina. Jahresproduktion: 400 000 Autos. Viele Vorprodukte kommen aus Europa, China oder Mexiko und unterliegen Trumps Zöllen. Zugleich liefert das Werk auch Autos nach Europa und müsste Gegenzölle zahlen. Dem Branchenverband VDMA zufolge ist vor allem der europäische Maschinen- und Anlagenbau wegen des Sonderzolls von 50 Prozent auf Stahl- und Aluminiumprodukte betroffen.
■ USA schaden sich selbst
Eine neue Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) sieht die USA selbst als größten Verlierer. Analysiert wurden 25 Millionen Lieferdatensätze (Gesamtwert: vier Billionen US-Dollar an US-Importen). Die Ergebnisse seien eindeutig: Die US-Zolleinnahmen stiegen 2025 um rund 200 Milliarden US-Dollar. Doch nur etwa vier Prozent der Zolllast trugen laut dem IfW ausländische Exporteure – 96 Prozent wurden auf US-Käufer abgewälzt.
„Die Zölle sind ein Eigentor“, sagt Julian Hinz vom IfW. Sie verteuerten für die USA importierte Waren wie eine Konsumsteuer und verringerten zugleich die Vielfalt und Menge an Gütern. Ausländische Exporteure würden ihre Preise nicht senken. Es werde weniger geliefert, aber nicht günstiger. Für US-Firmen bedeute das sinkende Margen, für US-Verbraucher höhere Preise. Exportorientierte Länder mit Schwerpunkt USA stünden aber unter Druck, neue Märkte zu erschließen. „Die Zölle bringen langfristig Nachteile für alle“, betont Hinz.