Mit Vollgas aus der Krise?

von Redaktion

Zwischen Millardengewinnen und Transformation: Wie Mercedes, BMW & Co. in die Zukunft steuern wollen

Gewinne gehen zurück: BMW-Chef Oliver Zipse. © AFP

München – Vor 140 Jahren veränderte Carl Benz die Welt. Am 29. Januar 1886 meldete er das Patent für sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ unter der Nummer 37435 beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin an. Die Geburt des modernen Automobils. Und der Grundstein für eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Wirtschaft. Die Autos haben Deutschland in die Weltspitze der Industrienationen katapultiert. Sie haben den Deutschen hunderttausende Arbeitsplätze und gute Gehälter beschert. Und heute?

Heute sieht die deutsche Autoindustrie aus als hätte jemand mit dem Schlüssel einen fetten Kratzer entlang des Fahrzeugs gezogen. Das lässt sich noch reparieren, aber sieht doof aus. Die Gewinne sind eingebrochen und die Hersteller steuern mit Sparprogrammen gegen. Elektromobilität und Softwareentwicklung werden immer wichtiger. Die Konkurrenz ist besser geworden, in manchen Bereichen gar enteilt.

Ganz allgemein möchte Frank Schwope nicht von einer Krise sprechen. „Die Hersteller haben große Probleme, aber keine Krise“, sagt der Autoexperte an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Köln. Schließlich würden die Hersteller noch immer deutliche schwarze Zahlen schreiben. „Solange sie Dividenden ausschütten können, sind die Konzerne nicht in der Krise“, sagt Schwope.

Die Zulieferer hingegen schon, sagt Schwope. Sie bauen Stellen ab, schließen ganze Standorte. Die Transformation zum E-Auto trifft viele Zulieferer besonders hart, weil ihre Teile nicht mehr gebraucht werden.

Tatsächlich fahren die deutschen Hersteller noch immer Milliardengewinne ein. So auch im Geschäftsjahr 2024, in dem die Autobauer bereits ordentlich Rückgänge verbuchten. Unter dem Strich machte Mercedes 2024 noch immer einen Gewinn von 10,4 Milliarden Euro, BMW rund 7,7 Milliarden, der Volkswagen-Konzern über zwölf. 2025 sind die Gewinne weiter eingebrochen, trotzdem dürften noch Milliarden übrig bleiben.

Dass die jüngsten Entwicklungen allerdings Auswirkungen auf die Beschäftigten hatten, zeigt eine Mitteilung des Statistischen Bundesamts im November 2025. Demnach arbeiteten zum Ende des dritten Quartals 2025 gut 48 700 weniger in der Branche als noch ein Jahr zuvor. Mit 721 400 habe die Zahl der Beschäftigten in der Automobilindustrie einen Tiefstand erreicht. „Auf jeden Fall“ werde es die deutsche Autoindustrie auch noch in zehn Jahren geben, sagt Experte Schwope. Aber die Dominanz der Deutschen lasse nach. Denn mit dem Umstieg auf E-Autos falle der Verbrenner als Wettbewerbsvorteil weg. „Man hat Tradition, man hat Image“, sagt Schwope. Man müsse aber sehen, dass man technologisch mit den Herausforderern mithalten könne.

„Es wird eine starke Verschiebung in Richtung Elektromobilität werden“, sagt Schwope. Das Alleinstellungsmerkmal sei nicht mehr der Motor, sondern der Batteriebau. „Deutschland wird seine Rolle als Leitmarkt für Premiumproduktion und komplexe Systemintegration behalten, während standardisierte Volumenproduktion weiter international verteilt wird“, sagt Stefan Reindl, Direktor vom Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen. Diese Entwicklung sei kein Zeichen industriellen Niedergangs, sondern Ausdruck einer arbeitsteiligen Globalisierung. Reindl: „Die deutsche Automobilwirtschaft steht nicht vor dem Ende, sondern vor einer Neuverhandlung ihrer internationalen Rolle.“

Eine gute Idee eines deutschen Tüftlers käme 140 Jahre nach Carl Benz da durchaus gelegen.

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