Im Krematorium wurden die vielen NS-Opfer in Auschwitz verbrannt. © mago
Zynische Verhöhnung der Opfer: „Arbeit macht frei“ steht über dem Tor des Stammlagers Auschwitz. © imago
Dr Eva Umlauf in ihrer Münchner Wohnung. Das kleine Bild oben zeigt sie mit ihrer Mutter Agi im Arbeitslager Novaky in der Slowakei, das Foto darunter als Medizinstudentin 1965 in Bratislava. © Fotos: Martin Hangen/Eva Umlauf privat
Berlin/München – Immer, wenn die Tür aufgeht, drängt sich der Berliner Winter kurz an den Tisch. Eva Umlauf ist das sichtlich unangenehm, hier im Frühstücksraum des Hotels, in dem sie mit einem Heizlüfter im Zimmer geschlafen hat. Die 83-jährige Münchnerin ist zu Besuch, um als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen zu berichten. Umlauf gehört zu den bekanntesten Überlebenden der Schoah. Sie ist elegant gekleidet, strahlt viel Wärme aus. Sie blickt einem in die Augen, hat Humor und nimmt sich Zeit.
Eva Umlauf hat als Kinderärztin gearbeitet und praktiziert als Psychotherapeutin in München. „Heute habe ich so viele Patienten in der Woche wie früher an einem einzigen Tag“, sagt sie lächelnd. Wer zu ihr kommt? Menschen mit unterschiedlichen Problemen, aber auch mit Bezug zur Schoah. Nachfahren von Opfern – und von NS-Tätern. „Ich glaube, sie kommen ausgerechnet zu mir, um so etwas wie eine Absolution zu erhalten“, meint Umlauf. „Dabei sind das Leute, die damals noch gar nicht gelebt haben und deswegen auch keine Schuld tragen.“ Schuld am Leid von Jüdinnen und Juden und anderen Verfolgten der Nazis.
Umlauf erlebte die Hölle von Auschwitz als Zweijährige. Wie alle bekam sie eine Nummer in den Arm tätowiert: A26959. Die Nummer begleitet sie bis heute, auch wenn sie längst mit ihrem Namen vielen Menschen bekannt ist. Was ihr durch den Kopf geht, wenn sie auf den Gedenktag am 27. Januar blickt, der an die Befreiung von Auschwitz erinnert? „Es ist ein sehr wichtiger Tag. Damals hat man der Welt gezeigt, was in Auschwitz passiert ist.“
Auschwitz war das größte NS-Konzentrationslager. Schätzungen zufolge wurden dort und im dazugehörigen Vernichtungslager Birkenau 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen ermordet. Die Rote Armee befreite die Häftlinge in dem von Deutschland besetzten Polen am 27. Januar 1945. Darunter auch Eva Umlauf, die als eine der Jüngsten überlebte, und ihre hochschwangere Mutter.
„Die Deutschen haben Häftlinge auf Todesmärsche geschickt, um das Lager zu evakuieren“, erzählt Umlauf. „Meine Mutter und ich sind in Auschwitz geblieben, insgesamt waren dort noch 6000 bis 7000 Häftlinge. Weil sie nicht transportfähig waren und nicht mehr laufen konnten. Wir sollten krepieren!“ Umlaufs Vater überlebte den Todesmarsch, starb aber später an einer Sepsis in Melk, einem Außenlager des KZ Mauthausen in Österreich, das erst am 5. Mai von den Amerikanern befreit wurde. „Es ist paradox und wie ein Wunder: Es hat meiner Mutter und mir das Leben gerettet, dass wir zum Tode verurteilt waren.“
Umlauf kam am 19. Dezember 1942 im Arbeitslager Novaky in der Slowakei zur Welt, bevor die Familie im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. Nach der Befreiung und der Rückkehr in die Slowakei erfuhren sie, dass fast ihre gesamte Familie ermordet worden war. Wegen ihres Ehemanns zog Umlauf als Erwachsene nach München und baute sich dort eine Familie auf. Immer wieder tritt sie als Zeitzeugin auf, um über die Schoah und Antisemitismus zu berichten.
„Wir sehen heute ein Ausmaß an Antisemitismus, das ist der reinste Judenhass“, sagt Eva Umlauf. „Wir müssen reden und aufklären und dürfen nicht vergessen, dass Antisemitismus in der gesamten Geschichte der Juden zu finden ist.“ Strikt wendet sie sich gegen Rufe nach einem Schlussstrich, setzt das Erinnern dagegen – an die Toten, die man persönlich kannte, und die für immer in den Familien fehlen. Dies ist für sie das Gegenteil eines Gedenkens, das auch sie teilweise als erstarrt kritisiert.
Aber: „Es gibt solche und solche Arten der Erinnerung. Der 27. Januar ist immer ein kalter Tag in Auschwitz. Wenn man dann in der Gedenkstätte Auschwitz steht, und Sie merken diese Leere und die Kälte und spüren den Tod, dann erstarrt man selber.“
Ihre Erinnerungen
hat Eva Umlauf in einem Buch veröffentlicht: „Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen“, Verlag Hoffmann und Campe, 14 Euro.