Der Ticket-Frust bei großen Konzerten

von Redaktion

Publikumsmagnet: US-Sänger Bruno Mars. © Imago

Thom Yorke, Frontmann von Radiohead. © Picture Alliance

Taylor Swift, hier im Münchner Olympiastadion, hat sogar ein eigenes Bonusprogramm für ihre Fans entwickelt. © Hangen

In Windeseile ausverkauft: die K-Pop-Superstars BTS. © Kevin Mazur / Getty Images

München – Das klingt ja erst mal ganz gemütlich: Wenn man sich für das Konzert von BTS anmelden will, kommt man auf der Homepage des Anbieters Ticketmaster zunächst in eine Lobby. „So heißt der Bereich, in dem man wartet, bis der Vorverkauf beginnt“, erzählt Andrea Voit (55, Name geändert). „Ich wusste ja, was es da für einen Ansturm gibt, also saß ich am Samstag eine halbe Stunde vor 13 Uhr am Rechner.“ Die Münchnerin wollte mit ihrer Nichte eines der Konzerte der koreanischen Superstars am 11. und 12. Juli in der Allianz Arena besuchen. Wollte. „Denn von der Lobby ging es in einen ,Warteraum‘ und dann um 13 Uhr in die ,Warteschlange‘“, erzählt sie. „Da habe ich dann erfahren, dass wir auf Platz 56 396 und 73 899 stehen. Das ist doch Irrsinn!“

Voit ist nicht die Einzige, die am Ende mit leeren Händen dastand: Wer eine Karte für die Shows der Boyband ergattern wollte, wähnte sich in einem Labyrinth – und am Ende entschieden Sekundenbruchteile. Dazu kam, dass 24 Stunden vor dem regulären Verkauf ein Presale stattfand – exklusiv für Mitglieder des „Army“ genannten Fanclubs von BTS. So eine Mitgliedschaft kostet 22 Dollar pro Jahr, da wollte Voit im Vorfeld nicht beitreten. „Ich bin ja kein Riesen-Fan.“ Doch letztlich war ein beträchtliches Kontingent der zweimal 50 000 Tickets so schon vergeben. Wie groß die jeweiligen Kontingente sind, teilt der Veranstalter Live Nation auf Anfrage nicht mit. Die Größe werde vom Management der Künstler bestimmt und variiere.

BTS sind nur ein Beispiel für die Karten-Lotterie, die Fans bei Groß-Events erwartet. Verena Thalhammer (45) aus Grafing wollte Anfang Dezember auf eines der vier Konzerte, die die Band Radiohead in Berlin spielte. „Obwohl wir pünktlich zum Vorverkauf parallel am Start waren, hatten mein Bruder und ich keinen Erfolg. Gott sei Dank haben wir Tickets über einen Freund bekommen.“ So viel Glück hat nicht jeder.

Johannes Everke erklärt den Fan-Frust: „Die riesige Nachfrage wird an nur einer Stelle gebündelt“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands der Konzertveranstalter. „Früher gab es 1000 Vorverkaufsstellen mit einem bestimmten Kontingent. Die Fans haben sich verteilt. Jetzt ist es ein einziger Online-Kanal. Manchmal brechen da sogar die Server zusammen wegen der Nachfrage.“ Veranstalter Live Nation bestätigt, es habe „horrende Zugriffszahlen“ auf die Tickets gegeben.

Das bringt Everke zu Frust-Grund zwei: „Die hohe Nachfrage ruft noch andere Mitspieler auf den Plan – den organisierten, kommerziellen Zweitmarkt. Da haben wir es zum Teil mit technisch hochgerüsteten Schwarzmarkthändlern zu tun, die Bots einsetzen – automatisierte Ankäufer.“ Diese zielten auf möglichst große Ticketkontingente ab. „Das zwingt dann selbst die großen Portale Ticketmaster oder CTS Eventim in die Knie.“ Diese Bots bombardieren die Anbieter mit Anfragen und drängeln sich so nach vorne.“ Das sei nicht bei jedem Konzert so, aber bei allen mit extremer Nachfrage – Ed Sheeran, Taylor Swift, Coldplay, Adele, Radiohead, Bruno Mars.

Die „normalen“ Kunden werden also mit technischen Tricks ausgebotet, dafür werden ihnen Tickets auf Portalen wie Kleinanzeigen oder Viagogo zum Wucherpreis angeboten. Auch Andrea Voit versuchte es, jetzt wo die BTS-Konzerte ausverkauft sind, auf dem Zweitmarkt. „Aber ein Ticket für 500 Euro? Und komischerweise wollen die alle nicht mehr verkaufen, wenn man beim Bezahlen die sichere Variante mit Käuferschutz wählen will.“

Vor diesem Hintergrund wirken Presales wie im Fall der Koreaner BTS schon sympathischer. „Die Band hat, so wie alle Künstler, eine große Wertschätzung für die Fans und will sichergehen, dass der Verkauf auch an die Fans geht“, sagt Johannes Everke. So habe auch Taylor Swift ein Bonuspunkteprogramm entwickelt, bei dem man sich als Fan zertifizieren lassen kann, indem man sich zum Beispiel auf Swifts Homepage Fan-Produkte kauft. Turbo-Kapitalismus deluxe – aber eben auch ein gutes Unterscheidungsmerkmal zu einem Schwarzmarkthändler-Bot.

Die Verbraucherzentrale Bayern blickt deutlich kritischer auf die Sache. „Wir haben den dubiosen Ticket-Zweitmarkt im Auge – aber zunehmend auch den Erstmarkt“, sagt Tatjana Halm, Referatsleiterin Recht und Digitales. Man werde den Eindruck nicht los, da werde betriebswirtschaftliches Risiko auf den Käufer abgewälzt. „Man muss sich anmelden, sein Interesse bekunden. Das dient auch der Einschätzung der Nachfrage. So weiß ich, ob ich die Preise erhöhen – oder sogar noch ein Konzert ansetzen kann.“ Gerade die Reunion-Tour der Britpop-Legenden Oasis letztes Jahr habe gezeigt, dass sich der Trend immer mehr hin zur dynamischen Preisgestaltung entwickle. Je mehr Nachfrage, desto teurer die Tickets – oft während des Bestellvorgangs. Halm betont: „Im Koalitionsvertrag gibt es den Auftrag, dass sich an der Transparenz im Ticket-Bereich etwas ändern muss.“

Eine Frust-Erfahrung machte auch Layouterin Isabella Brückner. Als großer Swiftie wollte sie im Juli 2024 zu einem der Taylor-Swift-Konzerte im Münchner Olympiastadion gehen. „Aber ich habe einfach zu spät geklickt und hatte Pech.“ Sie schaute sich auf der – seriösen – Resale-Plattform von CTS Eventim um. „Aber auch da haben die Karten 400 Euro gekostet.“ Brückner wählte darum eine Variante, die Andrea Voit und all den anderen zu kurz gekommenen Fans bei den BTS-Shows in der Allianz Arena leider verwehrt bleibt: Sie feierte ihre Swift-Party gratis – auf dem Olympiaberg.

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