München – Als sie ihren Job antrat, war die Welt noch eine andere. Vor 25 Jahren, am 29. Januar 2001, moderierte Marietta Slomka zum ersten Mal das „heute journal“ im ZDF. Längst zählt sie zu Deutschlands profiliertesten Nachrichtengesichtern, die 56-Jährige ist vor allem für ihre taffen Interviews mit Entscheidern aus Politik und Wirtschaft bekannt.
Frau Slomka, wissen Sie noch, um welche Themen es in Ihrer ersten Ausgabe Anfang 2001 ging?
Ja. Unter anderem um die Bundeswehrreform und um Streitigkeiten innerhalb der Union – Friedrich Merz gegen Angela Merkel. Und das erste Interview, das ich in meiner ersten Woche beim „heute journal“ geführt habe, war lustigerweise mit Friedrich Merz. Jetzt bin ich immer noch da, und er ist mittlerweile Bundeskanzler.
Es heißt, dass Sie sich auf Interviews im „heute journal“ etwa drei Stunden lang vorbereiten.
Das muss so sein, weil ich ja in einem Gespräch an die neuralgischen Punkte kommen will. Ich möchte schlagfertig sein und spontane Nachfragen parat haben, und deshalb muss ich wirklich in einem Stoff drin sein, wenn ich mit Verantwortungsträgern darüber spreche. Ein gutes Interview setzt voraus, dass man weiß, wovon man spricht – sonst merkt das der Gesprächspartner übrigens ganz schnell.
Sie sind für Ihren „Hard Talk“-Stil bekannt. Sind Sie privat auch ein konfrontativer Typ?
Man sollte nicht von Interviews im „heute journal“ auf meine Gesamtpersönlichkeit schließen – es ist ja eine Funktion, die ich da als Journalistin ausübe. Es gibt übrigens auch Interviews, in denen es gar nicht um Hard Talk geht, sondern um sensible Themen, oder darum, komplexe Sachverhalte im Gespräch mit Experten klarzumachen.
Die Gesprächspartner, die Sie in die Zange nehmen – sehen die das immer sportlich?
Die Politiker, die zur politischen Mitte gehören, nehmen das in der Regel sportlich. Die erkennen ja prinzipiell an, dass Journalisten Vertreter von Öffentlichkeit sind, die Dinge hinterfragen müssen. Ich bin ja auch inhaltlich fair und in der Tonlage höflich, da kann sich glaube ich keiner beschweren.
Und Politiker, die nicht zur Mitte gehören?
Es ist generell eine Beobachtung, die man in Hinblick auf Populismus machen kann, oder auf Politiker, die autoritäre Ambitionen oder einen Anti-Elite-, Anti-Mainstream-Impetus haben: Die akzeptieren es nicht, befragt zu werden, und beschimpfen den Befrager, so wie das bei Donald Trump regelmäßig der Fall ist. Letzthin hat er eine Kollegin angeherrscht: „Quiet, Piggy“, also „Ruhig, Schweinchen.“ Das ist was anderes als bei Politikern, die wissen, dass sie sich der Gesamtbevölkerung immer wieder erklären müssen.
Wie verarbeiten Sie persönlich Bilder von schrecklichen Ereignissen, die Sie sehen, die aber zu schlimm fürs Publikum sind?
Das ist manchmal wirklich sehr schwer. Ich habe im Lauf der letzten 25 Jahre Bilder gesehen und Töne gehört, die ich bis heute nicht aus dem Kopf rauskriege und die mich manchmal einholen. Das ist die dunkle Seite unseres Jobs.
Bei welcher Moderation hat es Ihnen die Sprache verschlagen?
Bei vielen Terroranschlägen. Es gab ja nicht nur islamistische Anschläge, erinnern Sie sich nur an 2011, als der rechtsextreme Terrorist Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Jugend-Sommerlagers ermordete. Es gab Amokläufe an Schulen. Es waren viele schreckliche Sachen.
Was ist in Zeiten von Deep Fakes in Ihren Augen die größte journalistische Herausforderung?
Desinformation von Wahrheit zu unterscheiden – mit aller Professionalität und im Team. Alleine kann man das im Zweifelsfall nicht. Diesen Kampagnen etwas entgegenzusetzen ist mehr Arbeit als noch vor 25 Jahren.
Sie gehören zu den bekanntesten TV-Persönlichkeiten des Landes. Können Sie eigentlich noch in Ruhe eine Wurst einkaufen gehen?
Ja, und ich esse sie sogar in der Öffentlichkeit (lacht). Ich bin ja kein Hollywood-Star. Wenn ich ungeschminkt und in Zivilklamotten durch den Supermarkt laufe und am Obstregal überlege, welche Apfelsorte ich nehmen soll, erkennen mich die Leute oft gar nicht – weil sie auch nicht damit rechnen und auf andere Kunden schauen. Ich lebe völlig normal in meinem privaten Umfeld.
Wie viel Zeit und Gedanken verwenden Sie auf äußere Aspekte wie Garderobe, Frisur, Make-up?
Das alles spielt schon eine Rolle, denn ich arbeite nun mal für ein visuelles Medium, wo jede schiefe Haarsträhne intensiver wirkt, als wenn man sich direkt gegenübersitzt. Und eine glänzende Nase im Studiolicht würde stark irritieren. Aber ich habe ja zum Glück professionelle Hilfe, zum Beispiel bei der Wahl meiner Garderobe. Und insgesamt sind diese Dinge für mich an meinen Moderationstagen eher ein Nebenthema.