„Das ist doch Quatsch“: Marietta Slomka grillt SPD-Chef Sigmar Gabriel. © pa
München – Wenn Marietta Slomka zum Interview bittet, wissen Politiker, worauf sie sich einlassen. Es geht nicht um höfliches Geplauder, sondern um Konfrontation mit Fakten. Ihr Stil wird gern mit einer Operateurin verglichen. Sie setzt das rhetorische Skalpell dort an, wo es wehtut. Dafür hat sich sogar ein neues Verb etabliert – so lange „geslomkat“ zu werden, bis vorbereitete Sprachregelungen zusammenbrechen. Vier legendäre Duelle:
Sigmar Gabriel (SPD, 2013): Ihr wohl berühmtestes Interview. Gabriel soll zum SPD-Mitgliederentscheid über die GroKo befragt werden. Marietta Slomka zitiert verfassungsrechtliche Bedenken. Er wird sichtlich wütend: „Das ist doch kompletter Quatsch.“ Sie antwortet trocken: „Sie sagen, es ist Quatsch. Das ist eine besondere Form der Argumentation.“ Gabriel: „Lassen Sie uns den Quatsch beenden.“ Das war der Startschuss für die Wortschöpfung „geslomkat“.
Christian Lindner (FDP, 2017): Nach dem Abbruch der Jamaika-Sondierungen konfrontiert die ZDF-Moderatorin den FDP-Chef so hartnäckig mit seinen Widersprüchen, dass das Internet tagelang über Lindners entgleiste Mimik debattiert. Slomkas zentraler Satz: „Sie haben fix die Mitteilung verschickt, lieber nicht regieren als falsch. Die Logik erschließt sich mir nicht so ganz. Ist es Ihnen am Ende lieber, Deutschland wird gar nicht regiert?“
Thomas Kemmerich (FDP, 2020): Nach der Wahl Kemmerichs zum Thüringer Ministerpräsidenten mit AfD-Stimmen arbeitet Slomka präzise heraus, dass er mit der Wahl gerechnet haben muss. Sie lässt ihn nicht vom Haken, bis Kemmerich der entscheidende Satz rausrutscht: „Wir mussten damit rechnen, dass dies passiert.“
Christian Lindner (FDP, 2020): Tags darauf befragt Slomka den FDP-Chef zur Verantwortung der Bundespartei für das Thüringen-Desaster. Ihr zentraler Satz zum Schulterschluss mit der AfD: „Das ist doch kein Spiel, bei dem man mal eben so übermannt wird.“
Auf Vorwürfe der „Aggressivität“ antwortet Marietta Slomka pragmatisch: „Die Spitzenleute sind keine zarten Seelen, die wir mit Wattebäuschen bewerfen müssen.“JÖRG HEINRICH
Zur Person
Marietta Slomka kam 1969 in Köln als Tochter eines Berufsschullehrers und einer Stadtführerin zur Welt. Sie studierte Volkswirtschaft und Internationale Politik. Ihre journalistische Laufbahn begann die diplomierte Volkswirtin mit einem Volontariat bei der Deutschen Welle. 1998 wechselte sie als Parlamentskorrespondentin zum ZDF, seit 2001 präsentiert sie dort als Hauptmoderatorin das abendliche „heute journal“. Die vielfach preisgekrönte Journalistin hat mehrere Sachbücher geschrieben, zuletzt „Nachts im Kanzleramt“, in dem sie politische Prozesse verständlich erklärt, und ist seit Jahren Patin für das Kinderhospiz Bethel. Marietta Slomka ist in zweiter Ehe mit einem Architekten verheiratet und lebt in Berlin.