Cortina im zweiten Olympia-Fieber

von Redaktion

Historisch: Olympia-Eröffnungsfeier 1956 im Eisstadion von Cortina. © imago

Als Olympiasieger ins Showgeschäft: Toni Sailer. © imago

Cortina D‘Ampezzo rückt wieder ins Rampenlicht: Das Foto rechts oben zeigt die Hauptstraße Corso Italia mit ihren Luxus-Boutiquen. Links im Bild Ossi Reichert aus Sonthofen im Oberallgäu. Sie gewann in dem Skiort im Norden Italiens 1956 Gold im Riesenslalom und war die erste deutsche Ski-Olympiasiegerin nach dem 2. Weltkrieg. © Imago/dpa/Collage: Stanuschewski

Cortina d‘Ampezzo – Eine Zweiersesselfahrt mit Tina Maze. Sie sagt: „Jetzt gleich musst du nach links schauen. Dann siehst du die Drei Zinnen.“ Wir sind in Misurina, einem der kleinen Skigebiete in den Dolomiten, ein paar Kilometer von Cortina d‘Ampezzo entfernt, die Berge haben markante Formen. Tina Maze, 43, Sloweniens Alpin-Star, hat sich nach ihrer Karriere mit unter anderem drei olympischen Goldmedaillen hier niedergelassen, zumindest immer in den Wintermonaten. Dann tauchen sie auf im strahlenden Sonnenlicht, die Drei Zinnen – eines der Wahrzeichen der Gegend.

Die Welt wird gut zwei Wochen lang täglich das spezielle Dolomiten-Ambiente vermittelt bekommen: Es sind Olympische Winterspiele. Vergeben wurden sie an Mailand, eine große Stadt, die nur Halleneissport bieten kann. Der Mailänder Dom kann nicht allein die Optik Olympias bestimmen. Die liefert ein kleiner Ort in Venetien mit großer Geschichte: Cortina d‘Ampezzo, das 1956, vor siebzig Jahren, schon einmal Ausrichter der Spiele war. 2026 laufen sie unter dem Signet „Milano Cortina“, obwohl andere klangvolle Wintersport-Locations beteiligt sind.

Das Programm in Cortina ist überschaubar. 20 Wettbewerbe in den Disziplinen Ski alpin der Frauen, Bob, Rodel, Skeleton und Curling. Je 96 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen werden andernorts vergeben. Dennoch hat der Medienkonzern HBO/Warner Bros., der in 47 Länder in über 20 Sprachen sendet und zu dem das in Deutschland bestens bekannte Eurosport gehört, sich entschieden, Cortina als Zentrale auszuwählen. Der temporäre HBO-Bau hat viel Glas, es offenbart das perfekte Panorama: Jedes Studio hat als Kulisse die Skipisten der Tofana, die Bobbahn, die Eishalle. Noch steht ein Kran in der Sichtachse. Auch das ist Olympia: Werkeln bis zuletzt.

2100 Medienschaffende werden die Geschichten der Sportler erzählen. Aber eine Geschichte ist eben auch: Das Comeback von Cortina d‘Ampezzo als Olmypia-Location. Nach siebzig Jahren, in einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Scott Young, der internationale Sportchef von HBO, freut sich, „dass es hier keine hohen Häuser, sondern noch viele alte Gebäude gibt“, sein Schlüsselbegriff ist „legacy“. Übersetzt: Vermächtnis.

„Es ist ein unfassbar schönes Gefühl, hier zu sein“, sagt Fritz Dopfer bei einem Gang durch Cortina. Der 38-jährige Vizeweltmeister im Slalom von 2015 arbeitet für den Deutschen Ski-Verband und als Eurosport-Experte. „Mit jedem Atemzug schnaufst du hier die Tradition ein“, sagt er. Dopfer bedauert, dass er in seinen 13 Profi-Jahren nie in Cortina gefahren ist, weil das eher ein Revier der Damen ist. Das Ambiente nennt er heimelig und wohlig. „Du kommst an den Ursprung des Skisports, zu seinen Wurzeln zurück. Hier wird er gelebt und geliebt.“ 1956 war Toni Sailer, der „Blitz von Kitz“, mit seinen drei Goldenen die Figur der Spiele.

Die 1200 Meter hoch gelegene Gemeinde hat knapp 5500 Einwohner – etwas weniger als 1956. In der kleinen Fußgängerzone haben sich ein paar Luxusuhren-Geschäfte niedergelassen, auch hochpreisige Boutiquen, in denen die Sportjacke 1900, die Hose 1350 und die Wanderschuhe 850 Euro kosten. Doch vieles ist in lokaler Hand geblieben, die Hotels heißen de la Poste, Cortina, Montana, Regina. Und auf dem zentralen Platz vor der Kirche ist abends Standkonzert mit dem historischen Polizeiorchester, das erst „Auf in den Kampf, Torero“ spielt und dann die Titelmelodie aus „Star Wars“.

„Wo könnte die Atmosphäre besser sein?“, fragt Tina Maze. Sie hat einige Rennen hier gewonnen. „Für uns Frauen ist die Tofana-Abfahrt eine der schönsten.“ Jedes Jahr ist das ein monumentales Bild. „Überall sonst“, erzählt Maze, „blickst du auf freies Feld, im Tofana-Schuss siehst du Felsen, die senkrecht hoch gehen.“ Im Sommer wird hier gekraxelt.

Ein Coup für Cortina ist, dass es eine Bobbahn bekommen hat. Die alte, eingeweiht 1923, war ein Mythos. Sie wurde häufig renoviert, es kam zu tödlichen Unfällen, auch bei Dreharbeiten für einen James-Bond-Film 1981. 2008 wurde sie geschlossen. Der Neubau, erst 2024 genehmigt, ist ein Prestigeprojekt der Regierung. Kosten: 120 Millionen. „1600 Meter lang, 16 Kurven, Höchstgeschwindigkeit 135 km/h, sehr technisch, nicht gefährlich“, sagt Gianfranco Rezzadore, Präsident des örtlichen Bobclubs. „Cesena war teurer“, merkt er an. Dort wurde gebaut für die Spiele von Turin 2006. Dennoch ist die Bahn nicht unumstritten (siehe Artikel unten).

Und die Frage bleibt: Packt das kleine Cortina mit seinen wenigen und engen Zufahrtsstraßen – eine Zuganbindung gibt es nicht – seinen Teil des Weltereignisses? Tina Maze glaubt daran: „Italien“, so die Zugezogene, „ist Chaos. Aber das Chaos ist die Normalität. Die Italiener sorgen sich nicht so sehr, sie leben.“ Und am Ende gehe es immer gut.

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