Das Geheimnis der Knechte und Mägde

von Redaktion

Wachsstöcke schenkten die Knechte den Mägden. © privat

Auch dieses Foto ein Speicherfund: Mägde und Knechte haben sich fesch herausgeputzt. © Gasteiger/privat

Speicherfund: Oben die Familie Gasteiger um 1884 mit Angestellten. Unten Knechte und Mägde der Familie. Rechts der Zimmerer und Landvermesser Josef Gasteiger, geboren am 17. Februar 1795. Die Anzeige „Nr. 36“ ist ein besonderes Kuriosum. © Gasteiger/privat

„Augen grau, Mundart hiesige“: Cilly Gasteiger zeigt das Dienstbuch von Anna Gasteiger, geboren im Jahr 1805. © Claudia Möllers

München – Anna Gasteiger war fleißig und treu. Eine Dirn mit vollen Wangen, blonden Haaren, gesunder Gesichtsfarbe, „Körperbau im ganzen schlank, Augen grau, Mundart hiesige“: Das Dienstbuch von Anna, die 1805 in Au bei Bad Feilnbach (Kreis Rosenheim) geboren wurde, zeichnet die Person und das Berufsleben der jungen Zimmermannstochter nach, die mit 15 Jahren ihre erste Dienststelle als Magd auf dem Anwesen Gottschalling angetreten hat.

Cilly Gasteiger (75), Bäuerin aus Au, hält das alte Büchlein vorsichtig in ihren Händen. Fein säuberlich ist darin in Sütterlinschrift vermerkt, wo überall die fleißige Anna ihren Dienst getan hat. Immer von Lichtmess bis Lichtmess. Manchmal über mehrere Jahre hinweg auf ein und demselben Hof. Mal war es nur ein Jahr. Lichtmess aber war immer der Dreh- und Angelpunkt.

Man ging – oder blieb per Handschlag

Für Dienstboten in der Landwirtschaft war der katholische Feiertag Lichtmess am 2. Februar bis Anfang des 20. Jahrhunderts als „Schlenkeltag“ oder „Schlenggeltag“ ein wichtiges Datum. Das Gesinde verließ an diesem Tag alte Dienstverhältnisse, um neue anzutreten, was mundartlich als „schlenggeln“ bezeichnet wurde.

Sie erhielten ihren Jahreslohn und konnten sich bei ihrem Arbeitgeber per Handschlag für ein weiteres Jahr verpflichten oder den Dienstherrn wechseln. „Dann hatten sie eine Woche freie Zeit“, berichtet Cilly Gasteiger. Sie hat ein großes privates Archiv angelegt mit Briefen, historischen Fotos und Dokumenten aus der Familie ihres Mannes, deren Geschichte sie bis ins Jahr 1699 zurückverfolgen kann.

Als sie mit ihrem Mann ihren Milchviehbetrieb ausgesiedelt hat, da fand Cilly Gasteiger auf dem Speicher des alten Hauses einen riesigen Fundus an Papieren und Bildern. „Alles wegwerfen? Das konnte ich nicht“, sagt die Bäuerin.

Einstmals hatten die Gasteigers ein richtiges Großunternehmen: Zimmerei, Sägewerk, Baugeschäft, Schreinerei und Landvermessung. Viele Grundstücke gehörten zum Familienbesitz. Nach der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre blieb nur die Landwirtschaft. Und es blieben die alten Aufzeichnungen und Pläne – Familiengeschichte, die Cilly Gasteiger über die Jahre liebevoll gesichtet und geordnet hat.

Brauchtum und das ländliche Alltagsleben werden in ihren Erzählungen lebendig. Wenn sie etwa die zerbrechlichen Wachsstöcke in die Hand nimmt, dünne Wachskerzen, die zu kleinen Paketen zusammengefaltet und mit zarten Verzierungen versehen sind. „Die haben die Knechte am Lichtmesstag den Mägden geschenkt. Fürs Aufbetten, fürs Bettenmachen das ganze Jahr“, schmunzelt Cilly Gasteiger. Denn das mussten nicht einmal die Knechte selber machen.

Andererseits waren Knechte damals fast so etwas wie Leibeigene. Der Schlenkelmarkt an Lichtmess, etwa in Rosenheim am Anger, war eine Art Vermittlungsbörse, erzählt die 75-Jährige. „Wenn einer ,zum haben‘ war, hatte der einen Strohbusch am Hut“, sagt sie. Oder ein Knecht oder eine Magd bekam aber vom Bauern vor Lichtmess sogenanntes „Drangeld“, also eine Art Sonderzahlung, dass sie „dranbleiben“, wie Annemarie Biechl (76), die frühere bayerische Landesbäuerin, berichtet. Ging der Bauer aber zu streng mit dem Gesinde um oder war das Essen nicht gut, dann war Lichtmess die Chance zum Neubeginn bei einem anderen Dienstherrn.

Wer nicht Hoferbe war, blieb als Knecht auf dem elterlichen Hof oder suchte sich woanders eine Stelle. Die Töchter heirateten auf einen anderen Betrieb, verdingten sich als Mägde oder blieben unverheiratet daheim.

Kuriose Stellensuche für jungen Burschen

Manchmal suchten Fürsorgestellen einen Platz für einen jungen Burschen. Cilly Gasteiger hat eine Anzeige vom 26. Januar 1913 in „Der bäuerliche Dienstbote“ auf dem Speicher ihres alten Hauses gefunden. Der Münchner Jugendfürsorge-Verband bietet an: „Junge, geboren im März 1898, mittelgroß und mittelkräftig, Sohn eines braven Vaters, aber leider von der trunksüchtigen Mutter verkehrt erzogen, geistig etwas minderwertig, naschhaft, unredlich, zerstreut und unaufmerksam, soll als Dienstbube bei einem braven Landwirt untergebracht werden, der den Jungen unausgesetzt beaufsichtigt und die bisherigen Erziehungsmängel durch gewissenhafte Nacherziehung ergänzt.“

Das alles ist längst Vergangenheit. Mit dem technischen Fortschritt, dem Einzug der Bulldogs und anderer Maschinen auf den Höfen, verschwanden auch die Knechte und Mägde. Sie fanden Arbeitsmöglichkeiten in den Städten, den neuen Fabriken. Was von Lichtmess bleibt, ist religiöses Brauchtum auf dem Land und jede Menge Bauernregeln wie „Lichtmess im Klee, Ostern im Schnee“, „Ist‘s Lichtmess mild und rein, wird‘s ein langer Winter sein“ oder „Wenn‘s an Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit“.

Artikel 4 von 4