Die Mensa war grausig: Prof. Ulrich Schollwöck. © Hangen (2)
Sucht nach günstigstem Kaffee: Margarita Schmidt.
Nach bescheidenem Beginn 1825 ist die LMU heute eine Massenuni mit über 52 000 Studierenden. Blick ins Auditorium Maximum (Audi Max), das 800 Sitzplätze hat. © Marcus Schlaf
München – Heute feiert die Ludwig-Maximilians-Universität München ihren 200. Geburtstag mit einem Festakt. Wir baten zwei Uni-Leute zum Gespräch: Prof. Ulrich Schollwöck, 58, ist Dekan der Fakultät für Physik. Nach dem Abitur am Gymnasium Vaterstetten studierte er an der LMU. Nach zahlreichen Forschungsaufenthalten im Ausland ist er seit 2009 wieder in München. Margarita Schmidt, 19, Abitur in München, studiert Jura im 1. Semester. Sie ist Mitglied im Verein Students remember, der sich bei der Erinnerungskultur engagiert. Ein Gespräch über Hochleistungsforschung, Mensaessen und warum sich ein Professor auch mal verrechnet.
Ist es etwas Besonderes, Professor an der LMU zu sein – oder wäre es in einer kleinen Uni genau so gut?
Schollwöck: Es ist schon so, dass die LMU in vielen internationalen Rankings weit vorne ist. Je nach Fach konkurrieren wir mit der TU, unserem stärksten Partner und zugleich Konkurrenten. Speziell bei der Physik sind wir, das darf ich schon sagen, die stärkste Fakultät in Deutschland.
Warum haben Sie sich für München entschieden? Nicht für das hippe Berlin?
Margarita: Ich lebe seit fünf Jahren hier, ich komme ja aus Berlin, und ich liebe diese Stadt – München. Außerdem: Ich habe mir vorher die Rankings angeschaut. Es ist die erste deutsche Uni, gerade bei Jura, und vielleicht eröffnet es mir Möglichkeiten, die ich an einer kleineren Uni nicht hätte.
Jura ist ein Massenfach. War es schwierig, Leute kennenzulernen?
Margarita: Tatsächlich schon. Letzte Woche habe ich einige Leute getroffen, die seit fünf Monaten mit mir in derselben Vorlesungen sitzen – und die ich nie vorher wahrgenommen hatte. Die saßen im Hörsaal so weit oben.
Kennen Sie ihre Professoren, geht man da mal abends zusammen in eine Wirtschaft?
Margarita: Bei mir gar nicht, und ich habe mich auch mit höheren Semestern unterhalten, die sagten, dass es in der Vorlesung sehr anonym ist und bleibt. Ich habe mit einem von drei Professoren mal ein Wort gewechselt, weil ich eine Frage hatte. Es ist schon alles sehr weit entfernt.
Schollwöck: Sobald bei uns die Studenten ihre Bachelor- und vor allem Masterarbeit schreiben, wird es persönlicher. Da kennt man sich dann. Oft kommen Studenten nach der Vorlesung mit Fragen, die sie doch gleich stellen könnten.
Darf man Sie unterbrechen?
Schollwöck: Klar. Die Vorlesung wird bei uns nicht vorgelesen, wir improvisieren, unsere Skripte sind nicht ausformuliert und wir hangeln uns von einer Formel zur nächsten.
Verrechnen Sie sich auch mal?
Schollwöck: Ja natürlich. Im Eifer des Gefechts geht schon einmal auch was durcheinander.
Schreiben die Studenten eigentlich noch mit – oder tippen sie nur noch?
Margarita: Letzteres sicher. Ich komme sonst nicht hinterher.
Schollwöck: Ich bedauere das. Ich würde Studenten empfehlen, handschriftlich mitzuschreiben – auf Papier. Die Lernpsychologie hat klar gezeigt, dass allein der Akt des Schreibens den Erinnerungs- und Denkprozess enorm fördert.
Zum Studentendasein gehört eine eigene Wohnung oder eine WG – oder nicht?
Margarita: Ich wohne noch bei meiner Mutter. Ganz ehrlich: Es ist zu teuer. Das ist halt München.
Haben Sie einen Nebenjob?
Margarita: Ja, ich hatte Glück und arbeite bei einem Anwalt.
Hatten Sie einen Nebenjob?
Schollwöck: Während des Studiums nicht, da hatte ich ein Stipendium der Bayerischen Begabtenförderung. Ohne Förderung durch das Maximilianeum, wo ich wohnte, hätte ich zu Hause bleiben müssen.
Margarita: Die hohen Kosten haben alle irgendwie akzeptiert, es ist gar kein besonderes Gesprächsthema mehr. Aber man unterhält sich schon darüber, wo gibt‘s die günstigsten Semmeln, den billigsten Kaffee.
Und wo ist das?
Margarita: In der Türkenstraße, das Plex.
Und die Mensa?
Margarita: Selten, ich wohne ja nicht weit weg von der Uni. Aber ich find‘s sehr gut, gutes Essen.
Schollwöck: Das höre ich gerne. Zu meiner Zeit war es grauenhaft. Es gab damals den Spruch: Der Student geht so lange zur Mensa, bis er bricht. Die hatten weiße Tabletts mit Einteilungen, da wurden die Nudeln lieblos reingeschlonzt. Ein Erlebnis für sich.
Einer der Vorteile der Uni ist ja, dass sie mitten in der Stadt ist – keine Campusuni.
Schollwöck: Das finde ich auch. Man hat hier alles.
Margarita: Tatsächlich bin ich auch nur im Hauptgebäude – mit einer Ausnahme: Mein Kurs Wirtschaftsenglisch ist im Schweinchenbau an der U-Bahn-Station Giselastraße.
Schollwöck: Ha, so nannten wir dieses rosa Gebäude damals auch. Diese Bezeichnung überdauert die Jahrzehnte.
Nebendran, dort wo heute ein Fitnessstudio ist, war früher eine Buchhandlung.
Schollwöck: Das ist eine der großen Veränderungen: Dass die Zahl der Buchhandlungen hier im Univiertel implodiert ist.
Lesen Studenten keine Bücher mehr?
Margarita: Das meiste ist eben online, auch die Lektüre. Über die LMU haben wir einen Zugang. Nur mein BGB schleppe ich immer mit mir rum.
Schollwöck: Die LMU-Studierenden haben online Zugang zu allen wissenschaftlichen Zeitschriften, die unsere Uni abonniert hat. Ich würde mir wünschen, dass Studenten auch Bücher jenseits des Faches lesen. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr besorgt. Die Verengung des Blickwinkels ist meines Erachtens eine Folge der misslungenen Unireform. Die Einführung von Bachelor und Master hat das Studium enorm verschult.
Wie groß ist die Neigung, ChatGPT für eine Hausarbeit zu verwenden?
Margarita: Bei mir persönlich nicht sehr groß. Ich sag mir: Du bist hier, um zu lernen, nicht um zu kopieren.
Schollwöck: In meiner Generation war noch die Diskussion, ob man einen Taschenrechner einsetzen darf. Heute ist klar: Es gibt halt Themen, die man anders nicht effizient lösen wird. Ähnlich ist es mit der KI. Bei der Datenauswertung spielt KI eine große Rolle, aber ich bin ja in die Physik gegangen, um selber nachzudenken. Der eigentliche schöpferische Akt, etwa wenn sich meine Kollegen von der experimentellen Physik neue Versuche ausdenken, funktioniert ohne KI. Spätestens in der Masterarbeit, wo es dann ja in die Forschung geht, stellt sich heraus, ob der Student nur ein gefaktes Wissen besitzt.
200 Jahre LMU in München – was bedeutet dieses Jubiläum?
Schollwöck: Die LMU hat eine sehr große Bedeutung und seit dem späten 19. Jahrhundert hat sie ihre Größe und Forschungsstärke entwickelt. Unsere Universität zeichnet sich auch dadurch aus, dass hier viele kleinere Fächer überhaupt entstanden sind, die Theaterwissenschaften oder die Byzantinistik etwa. Oft war München ganz früh dabei und exzellente Wissenschaftler haben an der LMU geforscht: Pettenkofer in der Medizin, Heisenberg in der Quantenphysik, aus Würzburg kam Röntgen. Wir haben eine lange Liste an Nobelpreisträgern – drei Aktive aktuell in meinem Fach, der Physik. Darauf sind wir stolz!