Messie-Syndrom: Eine Grundreinigung fürs Leben

von Redaktion

Monika Schmid-Balzert ist Fachanwältin für Mietrecht.

Die Küchenzeile ist dank Fadzans Hilfe inzwischen wieder benutzbar.

Die Couch möchte Markus ersetzen, sobald er die finanziellen Mittel dafür hat.

Sozialarbeiter Fadzan (re.) vom H-Team hilft Markus, seine Wohnung wieder bewohnbar zu machen. © Marcus Schlaf (3)

München – Etwas verloren steht Markus am Küchentisch seiner Mietwohnung. Er trägt einen Wollpullover, zerschlissene Jeans und Hausschuhe. Der 50-Jährige ist ein schmaler Mann. Man sieht ihm an, dass er in seinem Leben viel geraucht und viel durchgemacht hat. Seinen Nachnamen möchte Markus nicht nennen – er geht bald auf Jobsuche und will Nachteile vermeiden.

Der Tisch vor ihm ist bedeckt mit Prospekten, Tabakschachteln und Geschirr. In der Ecke liegt eine Schublade, herausgezogen aus dem Eckschrank. Ihr Inhalt wird Markus die nächsten zwei Stunden beschäftigen. Er muss aussortieren, und zwar nicht nur die Schublade, sondern seine ganze Wohnung. Die bewohnt er seit dem Tod seiner Eltern alleine. Doch seitdem er vergangenes Jahr seinen Job verlor und seine Mutter tot in ihrem Zimmer fand, konnte sich Markus weder um sich selbst noch um die Wohnung kümmern.

„Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Mir war erst mal alles egal“, sagt er. Kraft für Haushalt und Ordnung hatte er nicht mehr. Und ließ die Wohnung verkommen – bis ein Sozialarbeiter auf seine Lage aufmerksam wurde. „Ich habe mich schon geschämt, ihn reinzulassen“, erzählt Markus. „Es sah wirklich schlimm aus.“ Der Sozialarbeiter bot ihm eine Grundreinigung und soziale Hilfe an. „Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt“, sagt Markus. Er nahm das Angebot an – und kam so in Kontakt mit Muharem Fadzan vom H-Team. Der Münchner Verein hilft und begleitet Menschen mit Messie-Syndrom.

Fadzan reicht Markus ein Dokument aus der Schublade. Ein Kontoauszug, mit Abbuchungen in D-Mark. „Das kann weg, oder?“, fragt Fadzan freundlich, aber bestimmt. Bevor die Sozialarbeiter des Vereins zum ersten Mal kamen, war er sehr nervös, erzählt Markus. „Ich hab schlecht geschlafen, ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt.“ Der Gedanke, fremde Leute in seine Wohnung und an seine Schubladen zu lassen, behagte ihm gar nicht. Er ließ sie trotzdem. „Ich wollte mich wieder wohlfühlen in meiner Wohnung.“ Damals lagen Berge von Klamotten überall in der Wohnung, die Toilette war verstopft, das Bad verdreckt, Lampenschirme mit Fruchtfliegen und Spinnweben bedeckt. Kein menschenwürdiger Zustand. Fadzan schleppte mit zwei Kollegen erst mal säckeweise Müll aus der Wohnung und beseitigte den größten Schmutz in Küche und Bad. Manchmal müssen sie beim ersten Besuch Schutzanzüge und Masken tragen, erzählt der 37-Jährige. So schlimm war es bei Markus nicht. Trotzdem reißt Fadzan bei jedem Besuch erst mal die Fenster auf, um den Rauch- und Muffgeruch zu lindern.

Auch an diesem Vormittag bleibt das Fenster konsequent offen. Markus mustert den Kontoauszug kurz, dann steckt er ihn in den Müllsack. Fadzan reicht ihm ein Dokument nach dem anderen – alte Rechnungen, Rentenbescheide der verstorbenen Eltern, Kontoauszüge. Viele fein säuberlich beschriftet – Markus‘ Mutter war eine sehr ordentliche Frau. Nur das Aussortieren fiel ihr schwer. Fadzan prüft jedes Dokument genau, dann drückt er es Markus in die Hand. Es ist ein bisschen, als würde ein Vater mit seinem Kind das Zimmer aufräumen, nur ohne Drohungen und Zwang. Markus entscheidet, ob er etwas behält oder nicht. Fadzan gibt ihm Empfehlungen, keine Befehle.

„Man muss sich immer klarmachen, dass wir bei unseren Klienten zu Gast sind“, sagt der Sozialarbeiter. Oft findet er, dass etwas in den Müll sollte, doch seine Klienten sehen darin noch etwas Wertvolles. Das muss er aushalten. „Letzens war ich bei einer Klientin, die 18 Kissen auf dem Bett hatte. Sie wollte alle behalten. Ich habe ihr gesagt, sie hat doch nur einen Kopf und keine 18. Da musste sie lachen.“ Er fand einen Kompromiss mit der Frau – sie sortierte immerhin zehn Kissen aus.

Am Küchentisch sind Markus und Fadzan durch mit den Rechnungen. Sich von den alten Dokumenten zu trennen, fällt Markus nicht schwer. „Ich bin froh, wenn die weg sind“, sagt er. Dann zieht Fadzan einen Stapel alter Familienfotos und Karten aus der Schublade. Markus will alle aufheben. Fadzan sagt nichts, er lässt ihn. Er weiß, dass sein Klient an allem hängt, was ihn an seine Mutter erinnert.

„Man darf sich nicht einbilden, zu viel auf einmal schaffen zu können“, sagt Fadzan. Es geht eben Stück für Stück. Hauptsache vorwärts – nicht nur in der Wohnung, sondern auch im Leben der Klienten. „Ein geregelter Tagesablauf ist sehr wichtig“, sagt Fadzan. Das weiß auch Markus. Er plant, auf Jobsuche zu gehen, sobald die Wohnungsreinigung abgeschlossen ist. „Ich will einen Neuanfang machen“, sagt er. Ob er später ohne die Unterstützung der Sozialarbeiter zurechtkommt, wird sich zeigen. Fadzan weiß: Viele Klienten brauchen nach dem Programm der ambulanten Wohnraumhilfe weitere Unterstützung. Nur wenige schaffen es ganz allein. Es kommt darauf an, was die Hintergründe der Vermüllung und Verwahrlosung sind.

Markus ist zuversichtlich: „Es ist noch nicht perfekt, aber schon viel besser. Ich fühle mich schon viel wohler.“ In seiner Wohnung ist trotzdem noch viel zu tun. Der Boden im Wohnzimmer und die Türen müssen geputzt und die Wäscheberge in der Küche gewaschen werden. Die Wäsche soll Markus bis zum nächsten Termin erledigen, erteilt Fadzan ihm als Hausaufgabe.

„Ich habe wirklich das Gefühl, etwas Gutes zu tun“, sagt der Sozialarbeiter. Er liebt seinen Job – auch, wenn er seinen Arbeitstag manchmal in einem Schutzanzug beginnt.

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